A little bit of DUBLIN STORIES for JANA:
„Klugscheisser, du kannst auch romantisch sein, wenn du’s willst. Weißt du noch, unsere Spaziergänge am Strand? Das war romantisch. Jetzt spielst du einfach den Hampelmann. Mach das ein anderes mal und sei jetzt einfach mal mein Larry. Kannst du das denn nicht mehr?“
Larry gab ihr keine Antwort, er packte sie nur am Jäckchen und zog sie in einen leidenschaftlichen Kuss. Jana lächelte innerlich. Wenn Frauen etwas wollen, dann bekommen sie es auch. Meistens auf jeden Fall.
„Hello?“
„Oh, hi Edge, ich bin’s Jee. Wie geht’s?“
„Okay, Jana hat mich im Stich gelassen. Ich musste alle Schachteln selber einpacken während sie mit Larry einen Spaziergang gemacht hat.“
„Wirklich? Das sieht ihr gar nicht ähnlich. Aber kann ich sie mal sprechen?“
„Sie und Larry helfen Garvin und Mum gerade dabei die Schachteln in den Transporter zu bringen. Ich rufe sie, okay?“
„Klar“, Jee setzte sich neben dem Telefon auf den Boden und blickte Bono an, der, mit dem Rücken zu ihr, in der Küche herumwerkelte. Er hatte gerade ziemliche Schwierigkeiten mit einer Handvoll Spaghetti, die einfach nicht in die Pfanne gehen wollten. Schließlich nahm er eine Spachtel zur Hand und haute sie in kleine Stückchen. Sie musste lachen, typisch Bono.
„Was ist denn da so lustig?“
„Hey Jana. Einfach Bono, du kennst ihn ja. Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du schon Unterlagen von Trinity bekommen hast...?“
„Noch nicht aber im Park sind wir Heute Ali begegnet und sie meinte im Trinity College bekäme man die Unterlagen auch, sie sind nämlich noch nicht versendet worden. Sie hat einfach an der Rezeption ihren Namen gesagt, dann wäre die Frau nach hinten verschwunden und mit einem Stapel Unterlagen zurückgekommen, nachdem sie gesehen hatte, dass Ali sich angemeldet hatte und dann auch angenommen wurde.“
„Bedeutet das, dass wir vielleicht gar nicht angenommen wurden?“
„Es könnte natürlich sein, aber wir haben so gute Schulnoten, ausserdem kommt es nicht oft vor, dass jemand verweigert wird.“
„Stimmt es, dass man im Trinity manchmal eine Uniform tragen muss? Ich meine ich bin nur deshalb in die Mount Temple Comprehensive gegangen weil das dort eben nicht der Fall war.“
„Nicht wirklich, wir kriegen nur für Sport, Irish Tap, Musik und Chor Uniformen.“
„Ich kann mir schon vorstellen, wie die Choruniformen aussehen. Bestimmt wie in der Kirche, ein langer schwarzer Umhang und so. Wieso gehen wir nachher nicht schnell zum Trinity? Ich kann in einer Stunde da sein.“
„Wieso nicht, wir sind hier sowieso gleich fertig. Ich nimm Larry auch mit, okay?“
„Von mir aus, bye“, Jee legte den Hörer auf und blickte Bono an. „Kannst du Guggi anrufen? Ich reite mal schnell zu Gavin rüber, er sollte da sein. Wir treffen uns nämlich in einer Stunde im Trinity und die Zwei könnten auch gleich mitkommen. Bye!“
„Jee warte!“, Bono ließ die Gabel fallen, die er gerade in der Hand hielt und hielt sie am Ärmel zurück. „Ich liebe dich.“
„Eh’... ich liebe dich auch“, sie hob die Augenbrauen, „darf ich jetzt gehen?“
„Wenn du mich lieb bittest...?“
„Du hast Tomatensauce im Gesicht“, erwiderte Jee. „Und zwar hier“, sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn, „hier“, auf die rechte Augenbraue, „und hier“, und einen Kuss auf den Mund. „Bye, bye.“
„Nein du kommst nicht mit, Edge!“, schrie Jana ihren Bruder an. „Larry und ich treffen Jee, dann gehen wir ins Trinity und danach gehen er und ich alleine in ein Restaurant und essen alleine etwas, ohne gestört zu werden, klar? Oh... und wage es ja nicht uns zu folgen!“
„Dann gehe ich eben mit Dik aus essen“, gab er eingeschnappt zurück. Jana lachte:
„Dik ist nicht hier, Brüderchen.“
„Aber er wird in einer halben Stunde hier sein, morgen ist die Familienfete, schon vergessen? Und Dik hat sich in der Stadt einen Job gesucht, er wohnt von nun an bei uns. Surpriiiiiise.“
„Wieso hast du mir das nicht gesagt?“, Jana war außer sich, doch bevor sie und Edge einen ernsthaften Streit anfangen konnten, zog Larry sie beiseite und Edge wurde kurz darauf von Garvin gerufen, der seine Hilfe bei der Elektronik des Wagens benötigte.
„Komm Jana, sonst verpassen wir den Bus.“
Er schlang seinen Arm um ihre Taille, reichte ihr ihre Umhängetasche und zusammen machten sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
40. Nord versus South
Sie brauchten nicht lange um einander zu finden. Bono stand auf der Steinmauer und hielt nach den Freunden Ausschau und kaum begaben Larry und Jana sich aus dem Bus rief er sie auch schon laut beim Namen und winkte sie zu sich. Jee und Gavin waren bei ihm und Jana bekam einen Hustanfall, der sich erst legte, als sie die Einganspforte hinter sich gelassen hatten. Gavin sah Haar sträubend aus, wenn auch nicht schlecht. Einfach, wie sollte man es anders beschreiben... schockierend. Er hatte seine Haare in alle Richtungen gegelt, alte Lederklamotten an und Eyeliner aufgetragen, wenn auch – zum Glück – in begrenzten Mengen. Bono hatte sich diesem Ledertrend angeschlossen, doch seine Haare hatte er in ruhe gelassen und zu ihm passte es wenigstens.
„BONO! GAV! HEY!“, eine Gruppe ziemlich abartig aussehender Teenager kam auf sie zugelaufen. Dies waren wohl die einzigen wirklichen Punks in ganz Dublin. Jana erkannte Guggi, Guggi’s Bruder mit dem unpassenden Nicknamen Strongman, Dave-Id, ein kleines Mädchen – jedoch etwa im gleichen Alter wie Bono und Co. – mit langen schwarzen Haaren, einen etwa gleichgrossen dickeren Jungen und zwei Braunschöpfe mit dem gleichen Ausdruck auf dem Gesicht wie Guggi und Strongman.
„Hey!“, Bono und Gavin – und sogar Larry – begrüssten die Gruppe herzlich. „Das hier sind Jee und Jana.“
„Willkommen zur anderen hälfte der Lypton Village“, scherzte einer der Braunschöpfe.
„Ah, das sind Guggi’s Cousins Heuston und Eoin und das da ist Bantii, sie gehört zu den Virgin Prunes und das ist Johnny... Johnny Swallow.“
„Cool“, meinte Jee trocken, als Johnny einen halben Donut auf einmal verschlang. „Der Name passt.“
„Sie spricht unsere Sprache“, rief Eoin. „Guggi meint ihr wollt eure Unterlagen abholen?“
„Ist das ein Problem?“, erwiderte Jana erstaunt. Eoin lächelte:
„Nee, ich bin hier Lehrer, ich kann sie euch holen wenn ihr wollt.“
„Was Unterrichtest du denn?“, fragte nun Jee interessiert.
„Geografie, Biologie und Wirtschaft. Hey Dude, ich bin nicht streng, einfach ein wenig chill-out bei mir, wenn auch mit Hirnfutter“, er lachte wieder, „folgt mir.“
„Ein Lehrer mit Nasenring, gegeltem Haar und Eyeliner, das kann ja heiter werden hier“, Jana warf ihrer Freundin einen viel sagenden Blick zu und diese erwiderte ihn schweigend.
Endlich waren sie dort angekommen, wo sie auch sein sollten und die Frau an der Rezeption blickte die Gruppe misstrauisch an. Als Eoin sie ansprach blickte sie ihn mit stummem Erstaunen an und ihre Augen wurden so groß wie Lampenschirme.
„Anna, die Unterlagen für Miss... ähm...“
„Miss J. Evans, Mister P. Hewson, Mister D. Rowen, Mister F. Hanvey und Miss S. Clayton bitte“, meinte Jee. Die Frau nickte und wollte schon nach hinten verschwinden, als eine Stimme die Luft durchschnitt:
„Und für Jessica McNamara bitte“, Jessie war zu ihnen gestossen. „Alles klar?“
„Hey Jessie. Was machst du denn für einen Kurs?“
„Den gleichen wie du, wie ich gehört habe“, antwortete sie auf Janas Frage. „Sammy hat bei einer Zeitschrift angefangen... nein, nicht als Journalistin, sondern als Fotografin. Hätte ich nicht gedacht, ehrlich gesagt.“
„Paparazzi“, gluckste Guggi, doch niemand schien darüber lachen zu wollen und so schwieg er wieder. Sein Englisch hatte sich übrigens dramatisch verbessert, er klang fast schon normal. Fast.
„Bei welcher Zeitung denn?“, fragte Jee interessiert. „Ein Freund von mir arbeitet auch für eine Zeitschrift. Oder auf jeden Fall bald.“
„Ein Freund von dir?“, meinte Bono mit gehobenen Augenbrauen. „Da fällt mir ein, dass ich eigentlich keinen deiner Freunde kenne. Wer ist dieser Freund denn und von wo kennst du ihn?“
„Neil McCormick und er ging mit Jana und mir in die selbe Klasse. Du kennst ihn bestimmt.“
„Ah, ja, Neil... sein Bruder Ivan war am Anfang bei uns mit dabei, aber er war... nun ja... er passte nicht wirklich zu uns“, erklärte Larry. „Der kleine spielte Gitarre und wir hatten daneben noch Edge und Dik und Bono spielte gelegentlich auch, es war einfach zuviel. Jetzt spielt er glaube ich in einer anderen Band, ich habe ihm damals einem Kumpel von mir vorgestellt, na ja.“
„Neil, ich kenne ihn auch“, Bono nickte. „Er hasst die Bibel und behauptet es gäbe Gott nicht. Immer wenn wir ein Gespräch anfangen endet es damit, dass ich ihm versuche zu erklären wie einfach es doch ist zu Gott zu finden und so. Ich mag ihn.“
„Er fängt bei Hot Press an.“
„Hot Press? Du meinst mit Bill Graham?!“, rief Gavin aus und auch die anderen waren mehr oder weniger sprachlos. „Hey vielleicht kann dieser Neil uns ja weiterhelfen. Bill Graham ist der Einzige, der die Virgin Prunes bisher noch nicht abgeschlachtet hat.“
„Ich halte nicht viel von der Idee jemanden auszunutzen“, meinte Jana. „Auch nicht wenn es sich nur um ein kleineres Magazin handelt. Hot Press gibt’s ja erst seit kurzem.“
„Aber die Teens lieben es“, erwiderte Gavin trotzig. „Wenn sie unsere Band doch nur halb so sehr lieben würden...“
„Vielleicht müsst ihr zuerst einmal damit anfangen euch nicht wie Schwule aufzuführen und wisst ihr... das Auge spielt auch eine wichtige Rolle. Ihr kleidet euch einfach schrecklich“, Jessie verdrehte die Augen, „wirklich, glaubt mir. Normale Kleidung, normales Benehmen und keinen Eyeliner – und hopp, ihr seid ganz Oben mit dabei.“
„Tut mir leid, aber wir sind nun einmal nicht normal“, gab Gavin in einer säuselnden Stimme zurück. Jana und Larry blickten sich kurz an, doch keiner der Beiden sagte etwas. Larry wurde also langsam wirklich zu einem typischen Villager. Sein Benehmen war nichts besonderes in dieser Gruppe. Vielleicht war es einfach so, dass die Mädchen der Lypton Village diesem Trend einfach nicht so folgen wollten, was die männlichen Villagers ihnen wiederum nicht übel nehmen konnten, da sie ja jeden so akzeptieren mussten wie er war.
„Hier“, Anna, die Frau von der Rezeption, knallte einen riesigen Stapel dicker Couverts auf die Theke und verschwand dann wieder nach hinten.
„Wie freundlich!“, rief Eoin ihr nach und verteilte die Unterlagen dann an die verschiedenen Personen. „Ich freue mich schon einige von euch in meinem Unterricht anzutreffen. Vergesst nicht, am Montag den 7. August ist die Einweihungsfeier der neuen Schüler.“
„BONO!“, wieder rief jemand ihn an. Er drehte sich mit einem Seufzer um und stand keinem Geringeren als seinem Bruder Norman gegenüber, der einen Arm um seine geliebte Geraldine geschlungen hatte, an der man die Rundungen der Schwangerschaft schon deutlich erkennen konnte.
„Was denn?“
„Gut dass ich dich antreffe, Dad hat heute Abend eine ziemlich wichtige Aufführung. Würdest du nicht mitkommen?“
„Ich kenne die Coolock Musical Society schon in- und auswendig, danke.“
„Nein, es ist eine wichtige Aufführung. Er wird in der Dublin Opera singen. Stell dir das vor. Oh, und noch etwas. Du weißt doch, dass Geraldine’s Vater ein Restaurant hat, nicht wahr-?“
„Nö.“
„-Er will, dass ich ihm beim Management helfe. Ich arbeite von nun an in der City und nun ja, das Studienjahr in der Schule ist wohl um.“
„Toll. Du wirst bestimmt sehr erfolgreich sein, eine eigene Restaurantkette eröffnen und in der ganzen Welt für deine köstlichen Spezialitäten berühmt werden“, meinte der jüngere Hewson trocken, „was Dad angeht, gut, ich werde kommen, schließlich kann er ja nichts dafür dass du mir das Leben schwer machst. Wann sollen wir denn da sein?“
„Am besten gehst du gleich jetzt mit ihm mit. Ich kann nicht, ich muss die Pferde versorgen“, Jee lächelte ihn an. „Du musst dich hübsch machen, in der Oper sind Anzüge ein Muss... hast du überhaupt einen Anzug?“
„Leider ja“, Bono seufzte wieder. „Du kannst wirklich nicht mitkommen?“
„Geh schon“, sie gab ihm einen Kuss. „Es ist nur ein Abend in der Oper, nicht eine Weltreise.“
„Wieso muss ein erfolgreicher Arbeiter der Post auch noch in der Oper singen“, er verdrehte die Augen, brummte ein paar letzte Worte dagegen und stimmte dann zu. Typisch Dreibeiner.
„Willst du mit uns zu Abend essen?“, fragte Jana, als Bono zusammen mit seinem Bruder und Geraldine verschwunden war und einige der Lypton Village & Friends auch. Nur Jee, Larry, Gavin, Guggi, Strongman und Bantii waren noch da.
„Bono hat uns Spaghetti gemacht“, erwiderte Jee. „Ich muss es nur aufwärmen. Ist schon okay. Wieso habt ihr Edge eigentlich nicht mitgebracht?“
„Er ging uns auf die Nerven“, Jana lachte. „Außerdem wollten Larry und ich zu Abend essen ohne dass einer die ganze Zeit ein wachsames Auge auf uns gerichtet hat. Was ist mit Adam?“
„Er und Baste sind irgendwohin, ich weiß nicht wo die sich herumtreiben. Ich glaube sie haben was gesagt von wegen Malahide. Vielleicht wollen sie den Kühlschrank dort oben neu auffüllen oder so, die haben doch vor dort oben zu wohnen, weil’s näher zur City ist. Viel näher ist’s auch wieder nicht, ausserdem ist’s im Norden.“
„Sag nichts gegen den Norden, Jee“, erwiderte Guggi ein wenig beleidigt und Strongman sowie Bantii warfen ihr einen ähnlichen Blick zu wie Gavin, der die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte. „Verwöhntes Nest. Alle Südler sind verwöhnt.“
„Ach wirklich? Entschuldige mal, aber euer lieber Gavin hat dort unten auch ein Grundstück, schon vergessen? Außerdem ist er dort aufgewachsen wie ich mal gehört habe.“
„Stimmt eigentlich, ich bin ein Südler...“, Gavin blickte Guggi erstaunt an. „Ich bin ein Südler... Gott hört sich das gut an... ich bin ein Südler... ich-“
„Halt mal die Luft an“, Guggi schüttelte energisch den Kopf, „du bist ein typischer Nordler, du siehst aus wie einer, sprichst wie einer und benimmst dich wie einer.“
„Wenn du den Unterschied so deutlich sehen kannst... was ist der Unterschied zwischen mir und Jana?“, fragte Jee bevor Gavin etwas erwidern konnte. Guggi öffnete den Mund, blickte von ihr zu Jana und wieder zurück und schloss den Mund wieder.
„Nun ja... eigentlich...“
„Sag’s. Sag schon. Sag dass wir im Grunde gleich sind.“
„Okay... im Grunde seid ihr gleich“, gab Guggi zu. Er sah ein dass Süd und Nord eigentlich keine Rolle spielte, doch anstatt zufrieden zu lächeln verschränkte Jee die Arme und blickte ihn böse an:
„Bitte? Denkst du wirklich dass Jana und ich gleich sind? Wenn wir das wären dann wären wir nicht solch gute Freunde. Wir ergänzen uns, wir stehen einander nicht im Weg. Wenn wir gleich wären was würden dann Bono und Larry mit uns anfangen? Wie kann man nur so blöd sein, Guggi...“, Jee verdrehte die Augen und Jana nickte:
„Unglaublich“, meinte sie. „Un-glaublich.“
„Regt euch ab“, meinte Larry in einer Stimme die so aufregend klang wie der irische Regen der auf den Asphalt niederprasselte. „Nord, Süd, mir egal, Hauptsache angenehm im Umgang und-“
„Und ein Buch vor der Nase?“, fragte Jana mit gehobenen Augenbrauen. Larry lächelte auf den Stockzähnen und erwiderte ironisch:
„Natürlich, was denn sonst? Nein, ich meinte angenehm um Umgang und nicht allzu sehr... na ja, du weißt schon, Eltern, Lehrer, Gardai und Gill...“
„Ich weiß was du damit sagen willst“, Bantii zupfte zum zehnten Mal ihre Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte auf ihre sauber schwarz bemalten Fingernägel. Die J’s blickten sich an. Sie bezweifelten, dass Bantii da viel anders war als Gill.
„Apropos, ich kenne einen ziemlich netten Gardai“, Jee lächelte: „er ist voll süss und seine Schwester ist mal mit Adam ausgegangen... eh’ eigentlich habe ich ihn auch wegen genau dem kennen gelernt.“
„Voll süss?“, fragte Jana, „wie alt ist er denn?“
„Ach, er ist schon 25 aber trotzdem, wenn du ihn kennen lernst... hach. Er sieht ähnlich aus wie mein Cousin Frankie aus Belfast.“
„Du hast Familie in Belfast?“, fragte nun Strongman erstaunt. Jee blickte Jana an und beide nickten:
„Ich habe auch einen Cousin dort oben“, meinte Jana schulterzuckend, „die Zwei kennen sich sogar ziemlich gut. Sie arbeiten in der selben Branche hat er mir mal erzählt. Sein Name ist Gerard.“
„In welcher Branche?“, fragte Guggi und die beiden Rowen Brüder blickten sich skeptisch an. Auch Larry und Gavin waren ziemlich aufmerksam und ernst, nur Bantii nicht. Sie schien in einer anderen Welt zu schweben, starrte in die Ferne und lächelte verträumt.
„Keine Ahnung, ich weiß nur dass sie für die Republik arbeiten“, Jee zuckte mit den Schultern, „ist doch auch nicht wichtig, oder? Immer gleich skeptisch wenn’s um Belfast geht, nicht wahr? Was ist mit dir los, Bantii?“
„Sie ist verschossen“, meinte Strongman etwas genervt.
„In wen?“, Jana blickte sich um, doch Strongman legte ihr eine Hand auf die Schulter und nickte zu einem riesigen Plakat hinüber:
„In den.“
„In ein Geweih?“, Jana runzelte die Stirn. Alles was sie auf dem blauen Plakat ausmachen konnte war ein riesiges Geweih, mehr nicht.
„DeNiro“, flüsterte ihre Freundin nur.
„Bitte?“
„Sprichst du mit mir? Ich sagte sprichst du mit mir?!“, rief Jee aus und ihre Stimme veränderte sich. Dann lächelte sie. „Kennst du das nicht? Das ist DeNiro!“
„Ich kenne nichts Deniro.“
„Es ist ein er und er heißt De-Niro. Er ist cool. Hast du noch nie The Taxidriver gesehen? Ich habe den Film auf Video. DeNiro ist ein Schauspieler. Ein Newcomer. Er ist genial! Halb Italiener, halb Amerikaner.“
„Nie davon gehört“, Jana blickte sie gleichgültig an, „Deniro.“
„De-Niro“, meinte Larry, „Robert DeNiro. Jana, The Taxidriver ist durch alle Medien gezogen worden und in Fachkreisen meint man er wäre zu gewalttätig aber-“
„Woher kennst du den?“, fragte Gavin. Larry winkte ungeduldig ab:
„Er ist ein genialer Schauspieler, sie hat recht. Wir müssen diesen neuen Film unbedingt sehen. The Deer Hunter. Weiß jemand um was es da geht?“
„Ich habe letztens den Trailer gesehen. Es geht um einige Freunde die in den Vietnamkrieg ziehen müssen und dort gefangen genommen werden und so.“
„Ein weiterer Amerika-The-Glorious-Film?“, fragte er Jee, doch diese schüttelte den Kopf:
„Nicht im geringsten. Ein Anti-Kriegsfilm also eher Anti-Amerika.“
„Wenigstens spielt Mel Gibson nicht drin mit“, murmelte Larry bevor er Jana am Arm packte und sie einige Schritte weiter bugsierte. Die anderen folgten. „Also, gehen wir jetzt etwas essen?“
„Klar“, Jana nickte. An ihre Freundin gewandt meinte sie: „Sehen wir uns noch vor dem Training mit Éamon am Freitag?“
„Ich glaube nicht, hast du nicht mal gesagt Morgen wäre eine Evans Familienfeier?“
„Oh nein, das habe ich ganz vergessen“, sie verdrehte die Augen, „auch das noch, deshalb sind Mum und Garvin so im Putzfieber. Die wollen alle Schachteln im Wohnzimmer und im Gang auspacken bevor die alle kommen. Wenigstens haben sie mich nicht dazu gezwungen mein Zimmer schon fertig zu machen. Nun... zumindest werde ich Gavin wieder einmal sehen.“
„Bist du Blind?“, fragte Gavin erstaunt. „Ich bin schon die ganze Zeit hier und ich kann morgen gar nicht zur Party kommen.“
„Mein Cousin Gavin Evans du Trottel. Und nein, dieser Cousin kommt nicht aus Belfast. Er ist Welscher so wie wir und lebt seit 14 Jahren in Galway.“
„Spannend“, Bantii seufzte.
„Keiner hat dich gefragt hier zu sein“, zischte Jee ihr zu. Guggi verzog das Gesicht und sie wandte sich ihm zu: „Was?“
„Sie ist die Freundin meines Bruders“, sagte er durch zusammengebissenen Zähnen und nickte zu Strongman hinüber, der Gavin gerade eine seiner neuen Platten zum bewundern reichte und zum Glück nichts mitbekommen hatte. „Sie ist mit ihm hier.“
„Oh, oopsie.“
„Hätte ich nicht gedacht“, sagte Larry, „ich meine, er hat so gleichgültig gesagt sie wäre verschossen und so-“
„Psst“, Jana brachte ihn zum Schweigen, Strongman versorgte die Platte gerade wieder. „Nun, Larry und ich gehen die Strasse runter und ihr müsst wohl alle zum DART“, sie nickte in Richtung Liffey. „Welche Station nehmt ihr?“
„Tara, ist am nächsten“, Jee lächelte ihr zu, „ich wünsche euch einen schönen, Edgefreien Abend.“
„Wir nehmen den Bus“, meinte Guggi. Er, sein Bruder und dessen Freundin blieben bei der nächst besten Station stehen. „Kommst du nicht mit uns?“, fragte er erstaunt, als Gavin keine Anstalten machte stehen zu bleiben.
„Ich gehe runter in die Ardbrough Road. Mein Dad ist in einem Camp und ich will den Elternlosen Abend vor dem Fernseher geniessen. Sorry Jungs. Bis Freitag.“
„Okay“, Guggi blieb etwas verloren zurück und blickte ihnen nach.
„Bray in vier Minuten, nicht zu schlecht“, stellte Gavin nach einem kurzen Blick auf den Plan fest. Sie hatten den kurzen Spaziergang zur Station mehr oder weniger schweigend hinter sich gebracht da der Wind plötzlich so laut blies dass sie ihre eigenen Worte kaum verstehen konnten. Irisches Wetter, einfach unberechenbar.
„Hmm.“
„Bono und ich haben so etwas angefangen, aber ich glaube er hat’s wieder vergessen, wir haben’s nur etwa drei Wochen lang gemacht und dann ist er zu dir gezogen. Wir haben abgemacht dass wir jeden Tag um elf Uhr einen kurzen Spaziergang – etwa zehn bis zwanzig Minuten – unternehmen... na ja manchmal sind es auch einige Stunden geworden, aber das war selten... Abwechslungsweise holte er mich einmal ab und dann ich ihn. Wir warfen einander einfach einen Stein ans Fenster damit wir die Familie nicht aufweckten. Wir haben kein einziges Mal verpasst, es war cool“, Gavin wickelte sich enger in seine Lederjacke ein. Obwohl es Sommer war blies der Wind eisig Kalt. Jee blickte ihn an:
„Wieso erzählst du mir das?“
„Ich weiß nicht. Ich dachte nur wir könnten wieder damit anfangen. Wir hatten viel spass.“
„Du meinst Bono und du?“
„Du kannst auch mitkommen.“
„Und was habt ihr gemacht?“
„Frag nicht so viel, ich erzähl’s dir ja. Wir sind einfach durch die Gegend gelaufen, manchmal sind wir in einen Pub gegangen und manchmal sind wir durch einen Park getrollt. Wir haben einfach miteinander gesprochen, nichts kriminelles getan. Ich glaube wenn wir jemand anderes aus der Lypton Village mitgenommen hätten wäre es bestimmt dazu gekommen, aber Bono und ich... wir können einfach miteinander sprechen und zwar wirklich sprechen-“
„Ich weiß was du meinst. Wieso denkst du habe ich mich so in ihn verliebt“, Jee lächelte verschmitzt. Gavin blickte sie an:
„Ich dachte er hätte dich vor Lucas gerettet?“
„Ich hätte Lucas locker selber K.O. schlagen können, ich mache Martial Arts, das gehört zu Adams und meiner Religion, Buddhismus... es ist nicht wirklich meine Religion, nicht dass du mich missverstehst, ich habe keine Religion-“
„Schon gut, ich sag’s keinem“, Gavin grinste, „aber er hat gesagt, dass ihr euch dort verliebt habt. Obwohl... er hat schon vorher von dir gesprochen. Von Adams Schwester... du weißt schon.“
„Wir sind manchmal aus Zufall aufeinander gestossen. Manchmal bin ich mit Adam einfach zur ganzen Gruppe gestossen und wir haben uns Blicke zugeworfen und an Neujahr hat er mit mir getanzt und wir haben gesprochen aber ich habe ihm einen Korb gegeben.“
„Der Neujahresball. An den kann ich mich noch gut erinnern“, Gavin grinste nun noch breiter, „du bist damals mit Neil McCormick aufgetaucht und hast mich gefragt ob ich mit Jana gehen könnte weil sie niemanden hatte, weißt du noch? Und dann hat Larry mich abgelöst – schon beim zweiten Lied! Und ich dachte immer er wäre Scheu wenn’s um Mädchen geht... nicht dass er nicht immer eine große Klappe hatte. Nun ja, als ich ihn das nächste Mal traf, das war irgendwann im Januar, meinte er stolz, dass Jana seine Freundin wäre. Ich hoffe ich habe ihr trotzdem einen Gefallen getan. Sie hat mir zwar zum Dank einen verdammt guten Kuchen gebacken, ich muss schon zugeben...“
„Sie war erleichtert als ich ihr sagte ich hätte jemanden für sie gefunden der kein Looser war, verdammt cool drauf ist und auch noch... na ja, nicht schlecht aussah. In unserer Klasse hatten wir zu der Zeit nur Looser oder unattraktive Jungs, weißt du und sonst kannte ich kaum jemanden und sie auch nicht und du warst mein Nachbar.“
Gavin blickte sie an und erwiderte kein Wort. Sie blickte ihn fragend an.
„Stimmt was nicht?“
„Nein, alles okay. Ich habe mich nur verhört, das ist alles“, er wich ihrem Blick aus und blickte die Geleise entlang sodass sie sein Lächeln nicht sehen konnte. „Oh, ich glaube der Zug kommt.“
Mittlerweile saßen Larry und Jana in der City an einem gedeckten Tisch und assen warmen Stew mit Fries. Nicht wirklich ein Erstklasseessen, doch sie liebten es und das war die Hauptsache.
„Ich kann noch immer nicht glauben, dass wir schon so alt sind“, meinte Jana zwischen einem biss Fleisch und einem Schluck Guinness. Eigentlich waren sie und Larry minderjährig wenn’s um Bier ging, doch sie hatten Glück gehabt. Der Typ, der sie bediente hatte sie schon oft in Begleitung der Lypton Village gesehen und die waren alle volljährig, also nahm er an, dass sie einfach ein wenig Jünger aussahen als der Rest. „Wir gehen schon ins College.“
„Ich nicht, ich mache Musik und helfe in der Mount Temple aus.“
„Dein Problem. Aber denk doch mal nach, das ist jetzt unsere Ausbildung. Was wir jetzt versauen wird uns für immer tief in den Knochen stecken.“
Larry verschluckte sich und bekam einen Hustanfall. Als der abgeklungen war wandte er sich wieder seiner Freundin zu:
„Du machst mir Angst. Weißt du eigentlich, dass ich mit der Band meine ganze Zukunft – und somit auch deine solange du bei mir bist – auf Spiel setze? Was wenn wir den großen Durchbruch niemals schaffen und für immer in kleinen Pubs spielen müssen? Was wenn wir niemals einen Plattenvertrag bekommen? Adam und Bono schicken Tape nach Tape an die Firmen doch alle kommen sie wieder zurück!“
„Egal was mit der Band geschieht, Larry, du hast wenigstens was hier Oben“, sie lehnte über den Tisch und fuhr ihm zärtlich durch die Haare, „was auch immer geschehen mag mit deiner Intelligenz kriegst du immer einen Job oder einen Platz an der Universität, auch wenn wir manchmal sagen es gehe uns auf die Nerven, du bist einfach intelligent, genauso wie Bono und Edge es sind. Die werden nicht untergehen, mach dir keine Sorgen. Und Adam... nun ja, Adam hat einen reichen Vater... und seine Teppichsammlung. Und was auch immer kommen wird – ich werde dich niemals verlassen. Niemals.“
„Nie ist ein mächtiges Wort“, flüsterte Larry. Er blickte sie mit seinen blauen Augen an. „Ein sehr mächtiges.“
„Sowie unsere Liebe.“
„Wenn ich dir doch nur beschreiben könnte wie glücklich ich mich fühle solange ich bei dir bin“, sagte er plötzlich. „Wenn ich dich im Arm halten kann dann kann mein Dad davor so streng gewesen sein wie nie zuvor – ich vergesse es einfach. Ich bin so glücklich wenn ich mit dir zusammen sein kann.“
„Glaub mir Larry, mir geht’s da genau gleich“, Jana warf einen Blick aus dem Fenster wo der Wind mittlerweile den Regen hart gegen die Scheiben klatschen liess.
Sie assen eine Weile schweigsam bis Larry sich schließlich zurücklehnte und seufzte:
„Ich frage mich einfach manchmal wohin uns das alles führen wird. Die ganzen Bewerbungen und so... ob wir’s jemals schaffen werden... ob wir überhaupt irgendwann einmal das Zeug zu einer großen Band haben werden.“
„Larry, das habt ihr doch schon. Alles was ihr noch braucht ist ein Vertrag. Ihr habt sogar schon Fans.“
„Villagers, ja“, Larry schüttelte den Kopf. „Ich wünschte wir hätten Fans aus aller Welt.“
„Ihr habt Bill, er kommt aus Amerika“, Jana zuckte mit den Schultern, „du bist auch nie zufrieden. Zuerst meckerst du, dass es nur Villagers sind und dann meinst du im gleichen Atemzug, dass du Fans aus aller Welt haben willst. Wieso begnügst du dich nicht zuerst einmal mit Fans aus Dublin, dann aus Irland und vielleicht irgendwann einmal GB oder ein Teil von Europa... ts, aller Welt...“
„Du hast recht. Wir müssen froh sein wenn’s einmal ganz Irland wird“, Larry nickte verständlich, „aber ich darf doch träumen.“
„Natürlich, solange du mir nicht verbietest manchmal von Mel zu träumen“, sie grinste als er einen ziemlich beherrschte Miene zog. Es sah aus als wäre er sich nicht sicher ob er schweigend beleidigt spielen oder einen lauten Wutausbruch vortäuschen sollte. Er entschied sich für den Mittelweg, war innerlich wütend und äusserlich einfach nur schweigsam.
„Komm schon Larry, das war nur ein Scherz“, sie spickte ein Stück Dekoration in seinen Teller und er musste lächeln.
„Natürlich war das ein Scherz. Was gibt’s schon viel von Mel Gibson zu träumen, er sieht nicht einmal annähernd so gut aus wie ich.“
Jana öffnete den Mund um etwas zu erwidern doch sie ließ es bleiben. Sie hatte keine Lust wieder mit ihm zu streiten. Sie wollte einfach nur eine schöne Zeit mit ihm verbringen. Ohne The Edge, wie Jee so schön gesagt hatte. Einfach nur sie beide.
„Also sag schon“, meinte Gavin, als sie an Booterstown vorbeisausten. „Ist das wirklich deine Religion?“
„Ich sagte doch, dass ich keine Religion habe. Es ist Adams Religion“, Jee blickte aus dem Fenster. „Und überhaupt, wieso willst du das wissen?“
„Nur so. Du kannst’s ruhig zugeben. Sag ja.“
„Nein!“
„Komm schon“, er blickte sie grinsend an, „ich weiß dass es stimmt, du hast dich vorhin verraten.“
„Dann muss ich’s dir ja nicht mehr sagen... oh, weißt du eigentlich, dass sie in Dalkey neue Reihenhäuser bauen wollen?“
„Nö, wo denn?“
„Ah, nicht bei uns, die Landbesitzer in unserer Nähe sind alle gegen den Verkauf ihres Landes, auch mein Dad will sein Land behalten.“
„Meiner auch“, Gavin lächelte und sie schwiegen eine Weile lang in der Gavin in seiner Tasche herum grub und Jee zum Fenster hinaus blickte.
Die Tage wurden noch immer länger und die Sonne war somit noch lange nicht untergegangen, doch die Wolkendecke war so dicht, dass viele trotzdem die Lichter einschalteten. Auch im DART flimmerten die Lichter auf und Jee blickte Gavin an.
„Was machst du?“, fragte sie irritiert, als er laut aufseufzte und weitersuchte.
„Ich suche die neue Platte von den Ramones“, gab Gavin zurück. Jee hob die Augenbrauen:
„Wie kannst du eine ganze Platte in deiner Tasche verlieren?“
„Ah, es ist nicht die Platte die ich suche, es ist ein Gutschein“, Gavin lächelte verschmitzt, „hat Bono mir geschenkt.“
„Und weshalb suchst du’s jetzt wo wir aus der City draus sind?“, fragte Jee noch irritierter. Gavin lächelte wieder:
„Weißt du was? Ich zeig’s dir einfach. Hast du Zeit?“
„Mehr als genug“, sie verdrehte die Augen, „die Spaghetti laufen mir nicht davon.“
Jana und Larry wollten sich nicht voneinander trennen. Sie standen vor dem neuen Appartement der Evans’ und küssten sich ein letztes mal. Und noch ein letztes mal. Und vielleicht noch ein letztes mal.
„Ich will noch nicht hoch“, murmelte Jana und blickte zu den zwei obersten Stockwerken hoch, die nun ihr neues Zuhause darstellten. Jana konnte Edge ausmachen wie er vor einem der Fenster hin und herlief und anscheinend eifrig Schachteln auspackte. Das oberste Stockwerk war das der ‚Kinder’ plus einem Gästeraum. Sie seufzte. Edge hatte sich das schönste Zimmer ausgesucht. Sie hätte gerne das mit der Tür zur Dachterrasse gehabt. „Zu spät.“
„Apropos zu spät“, Larry blickte auf seine Uhr, „ich werde bald keine Verbindung mehr zu mir haben. Der letzte Bus zu mir fährt in zwanzig Minuten und ich muss noch zur Haltestelle hinunter laufen.“
„Willst du nicht bei Bono und Jee schlafen?“
„Ich würde noch so gerne, aber ich bin mir nicht einmal sicher ob heute Abend jemand dort ist. Bono ist weg, Adam ist hier in Malahide und Jee ist vielleicht ausreiten oder so. Außerdem macht sich meine Mum bestimmt sorgen wenn ich wegbleibe.“
„Und dein Dad?“
„Mach dir keine Sorgen, Jana“, er lächelte traurig, „ich bin mit seiner Person aufgewachsen. Ich bin seine Launen gewöhnt. Natürlich hätte ich lieber Bono’s Dad zum Vater, aber das geht ja nun leider nicht. Schade das er nicht mehr bei seiner Familie wohnt, ich war früher noch recht gerne bei ihm in der Cedarwood gewesen. Bob behandelte mich wie seinen eigenen Sohn.“
„Machte das Bono nichts aus?“
„Nicht wirklich. Er merkte es kaum“, Larry zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall muss ich jetzt gehen. Jetzt guck doch nicht so, wir sehen uns bald wieder. Es ist Juni, wir haben noch fast zwei Monate bevor das neue Schuljahr anfängt.“
„Stimmt“, sie klingelte und Gwenda’s Stimme erklang. „Mum, ich bin’s. Ich hab noch keine Schlüssel.“
„Komm hoch, liebes“, gab die Stimme zurück und die Tür öffnete sich mit einem klick. Jana stieß es auf und drehte sich noch einmal zu ihrem Freund um.
„Rufst du mich an, wenn du zu Hause bist?“
„Dir immer“, und mit einem letzten Lächeln steckte der gut aussehende Drummer beide Hände tief in die Hosentaschen und lief mit wehendem Haar die Strasse hinunter.
„Was willst du hier?“, fragte Jee, als sie mit Gavin aus dem DART gestiegen war und die (sehr, sehr) kleine Shoppingstrasse Dalkeys hoch lief, der Ardbrough Road. Ihres Wissens nach gab es hier einen Supermarkt, einen Süssigkeitenladen, einen Schuhladen, einen Metzger, einen Viehhändler, einen Obstladen, einen Fischladen und eine Apotheke. Nicht einmal einen anständigen Kleidungsladen gab es hier.
„Schau“, Gavin bog in eine (sehr, sehr) enge Seitengasse und öffnete dann eine kleine grüne Tür. Danach ging’s in ein niedriges und auch ziemlich enges Treppenhaus und als sie oben ankamen durch eine weitere Tür. Hinter der Theke hörten sie wie die Glocke läutete und Jee blickte sich um. Sie war noch nie hier gewesen. Es war ein Plattengeschäft.
„Ah, Fionàn Hanvey. Was kann’s sein?“, der Besitzer – er war junger als Jee gedacht hätte – kam zum Vorschein und Gavin lief zur Theke. Jee folgte ihm.
„Das neue Album der Ramones“, gab er zurück und legte den Gutschein auf die Theke. Der Mann nickte und bückte sich nach unten. Nach einigen Sekunden hatte er auch schon das gewünschte Album bereit.
„Hast du gehört das sie hier mehr Reihenhäuser bauen wollen? Hässlich“, sagte er, während er den Gutschein versorgte und einige Pennys Rückgeld aus der Kasse fischte.
„Hat Jee mir eben erzählt, ja“, Gavin nickte zu ihr hinüber und der Besitzer blickte auf.
„Wenn das nicht Miss Clayton ist. Gehst du neuerdings mit Fionàn aus? Ich dachte du würdest dich nur für Farm und Schule interessieren.“
„Ich-“
„Vielleicht hast du dich ein wenig verändert seit der Primarschule.“
„Woher-?“
„Ich habe ein Jahr als Aushilfslehrer gearbeitet. Bist du noch immer so gut befreundet mit Miss Evans?“
„Jana? Natürlich“, Jee runzelte die Stirn, „sind sie etwa Mr. Mac Rory?“
„Heutzutage unter dem Namen Aonghas.“
„Jee, heute Abend kommt ein ziemlich guter Film im Fernsehen. Kommst du?“, Gavin hob die Augenbraue und Jee nickte:
„Auf Wiedersehen Mr. M... Aonghas.“
„-und dann hat sie Edge und mir auch noch verboten Abends durch die Gänge zu laufen weil sie ihren Schönheitsschlaf braucht, mein Gott“, Dik warf die Arme in die Luft. Seit sie angekommen war, war sie nicht weiter als bis zur Küche gekommen. Ihre Mutter hatte ihr eine Schüssel Salat hingestellt und Dik hatte sie die restliche Zeit vor Ort aufgehalten weil er ihr so viel zu erzählen hatte. Vor allem über Gill.
„Willst du ein wenig Salat?“
„Hast du mir überhaupt zugehört, Jana?“
„Ja, hab ich“, sie seufzte, „ich habe genug.“
„Du hast kaum die Hälfte auf“, Dik hob die Augenbrauen, „willst du denn krank werden? Du hast heute bestimmt auch noch nichts getrunken so wie ich dich kenne“, er lief zum Kühlschrank und bevor Jana ablehnen konnte hatte er ihr schon Saft eingeschenkt.
„Ich war vorhin mit Larry ausessen“, sagte sie schließlich. „Mehr kriege ich wirklich nicht hinunter.“
„Gut, ich entlasse dich, es ist auch so eine Qual mit dem großen Bruder zu sprechen“, Dik streckte ihr kindlich die Zunge aus, zwinkerte und wandte sich dann dem Kühlschrank wieder zu um etwas anderes Essbares zu suchen. Nicht schwer herauszufinden, dass es in der Familie lag, dazu musste man nicht weiter als bis zu The Edge schauen.
41. Edge’s Good Side
Das Appartement war eigentlich recht groß, merkte Jana, nun da sich endlich gründlich umsehen konnte. Sie hatte es zuvor schon gesehen, doch nur schnell, schnell. Es hatte alles in allem etwa den gleichen Flächeninhalt wie ihr altes Haus. Zum Schluss blieben ihr nur noch die zwei Zimmer zur Rechten im oberen Korridor übrig. Sie atmete tief ein und machte sich schon dazu bereit Edge aus ‚ihrem Zimmer’ zu vertreiben, als die Tür aufging und der Besagte herauskam.
„Hey“, meinte er nur und lief an ihr vorbei zum Badezimmer. Jana verdrehte ihre Augen. Er war wohl immer noch beleidigt. Kopfschüttelnd öffnete sie die Tür zum übrig gebliebenen Zimmer, dem Zimmer in dem sie Edge nicht gesehen hatte, und schaltete das Licht ein. Bett, Schrank, Schreibtisch und Regale standen alle schon drinnen, doch alle Schachteln waren noch verpackt. Sie setzte sich auf das unbezogene Bett und seufzte wieder, da blickte sie sich noch einmal gründlich um. Sie kannte die Regale, doch nichts hier drin hatte je in ihrem Zimmer gestanden. Dies waren Edge’s Sachen.
„Edge? Hey Edge!“
Sie hörte die Toilettenspülung und dann ein gedämpftes ‚ja?’. Es klang nicht im geringsten beleidigt. Sie stürmte aus dem Zimmer und wollte gerade die Tür zum Badezimmer öffnen, als Edge sie von innen aufmachte und sie fragend anblickte. Er hatte Hemd und Hose in der einen Hand und sein Shampoo in der anderen. Eigentlich hätte sie ihm ja fragen wollen, was hier eigentlich vorging, mit den Möbeln und so, doch als sie ihn so sah konnte sie nichts anderes als lachen.
„Was denn?“
„Ich wollte eigentlich...“, sie verstummte und zeigte mit dem Daumen auf die Tür hinter sich. „Ich glaube du hast meine Möbel gebraucht.“
„Wirklich?“, er hob die Augenbrauen, dann grinste er von Ohr zu Ohr, „oh, das ist nicht dein Zimmer, das ist meines. Deines ist das mit der Tür zur Dachterrasse. Ich habe die mit der Feuerleiter.“ Er zwinkerte noch einmal und schloss dann die Tür. Sie hörte wie kurz darauf das Wasser der Dusche anging und runzelte verwirrt die Stirn.
„Am besten siehst du selber mal nach was für ein Unheil er in deinem Zimmer angerichtet hat“, Dik lief an ihr vorbei ins Zimmer neben der Dusche. Er reichte um die Ecke, bekam seine Jacke zu fassen und warf die Tür wieder zu. „Bis morgen früh.“
„Wo-?“
„Clubs mit Freunden“, antwortete ihr ältester Bruder nur und war schon nach unten verschwunden. Sie hörte wie von unten an der Strasse jemand wild auf die Hupe drückte und Dik danach ein ‚komme ja schon’ aus dem Fenster rief. Das Hupen verstummte.
Sie zuckte mit den Schultern und lief auf ihre Zimmertür zu. Langsam öffnete sie die Tür und trat dann in ihr Zimmer ein. Sie staunte nicht schlecht.
Fast alle ihre Boxen waren ausgepackt und ordentlich in die Regale und Schränke gefüllt, mit Ausnahme der Boxen auf denen ‚Private Stuff’ gekritzelt worden war. Ihr Bett stand direkt unter dem linken Fenster und ich Schreibtisch unter dem Rechten. Ein Regal trennte die ‚Betthälfte’ von der ‚Arbeitshälfte’ und ein weiteres trennte die hintere hälfte von dem Teil wo die Tür zur Terrasse leitete. Daneben stand ihr Kleidungsschrank und ihr Schuhschränkchen. Sie hätte das alles nicht besser machen können und ließ sich glücklich auf ihrem Bett nieder. Neben sich auf dem Nachttischchen lag neben den üblichen Sachen wie Wecker und Blumenvase die Bedienung zu ihrer Stereoanlage. Mit einem lächeln drückte sie auf den schwarzen Knopf und der Kassettenspieler ging an. Ihre Lieblingsmusik schallte aus dem Regal vor ihr. Larrys Demotape.
Gavin und Jee waren auf dem Weg von Dalkey Village zu ihren Häusern, oder mehr ihren Farmen. Auf halbem Wege hatte Gavin plötzlich angefangen von seiner Familie zu erzählen und von der Lypton, wie sie plötzlich seine richtige Familie geworden war nachdem seine Eltern sich mehr und mehr voneinander distanzierten. Jee hatte nur schweigend zugehört. Sie hatte Gavin eigentlich nie wirklich von seiner Familie – oder überhaupt etwas persönlichem oder irgendwelchen Gefühlen – sprechen gehört. Als sie schließlich bei seinem Tor ankamen blieben sie stehen und er blickte sie an.
„Was machst du heute Nacht?“, fragte er und lehnte gegen das geschlossene Tor. Sie zuckte mit den Schultern. Sie hatte nicht wirklich etwas vor.
Ihr Vater hatte jemanden angestellt der für die Tiere sorgte, ein Traveller Junge Namens Gaibrial O’Ruanaidh. Jetzt wo sie bald ins College ging und Adam arbeiten würden sie wohl beide viel weniger Zeit haben. Er blickte sie an:
„Ich kann dich rüber begleiten wenn du willst.“
„Wolltest du nicht unbedingt Fernsehen?“
„Ich habe vergessen was ich schauen wollte“, er trat vom Tor weg und legte freundschaftlich einen Arm um sie, „na komm, sonst kommst du nie zu deinen Spaghetti.“
„Schalt verdammt noch mal die Musik aus Jana!“, Gill donnerte mit der Faust gegen die Tür und stampfte fauchend mit dem Fuss auf. Nach der ersten Reklamation ihrer unerwünschten Halbschwester hatte Jana von innen her die Tür verriegelt und die Lautstärke ihrer Anlage um eine Stufe höher gestellt. „Jana!!“
„Verpiss dich Gill, ich stell es nur noch lauter wenn du so weiter machst.“
„Zum Teufel mit dir“, und mit diesen Worten verschwand Gill wieder.
„Früher oder später“, gab Jana Schulter zuckend zurück. Sie ergriff ein Buch das sie von der Staatsbibliothek ausgeliehen hatte und starrte das Cover einige Minuten an bevor sie es schließlich öffnete. Es war Shakespeares Romeo & Juliet.
Sie hatte kürzlich (nicht wirklich kürzlich, es war noch bevor Weihnachten gewesen) das Theaterstück mit Jee gesehen und es hatte sie ziemlich berührt. Natürlich, welche romantische Seele mochte Romeo & Juliet nicht? Mit einem lächeln auf den Lippen las sie weiter wo sie vor einiger Zeit aufgehört hatte. Sie hatte in letzter Zeit nicht wirklich daran weiter gelesen, doch nun da sie hier auf dem Bett lag fragte sie sich weshalb eigentlich. Es war ja nicht so als ob sie so viel zu tun hatte.
Auf der anderen Seite war sie wiederum fast ununterbrochen mit Larry unterwegs gewesen. Oder mit der Lypton Village Gang. Sie hatte eigentlich mehr spass gehabt als Schule, nicht dass ihre Schulzeit nicht positiv gewesen wäre, doch erst seit sie mit Larry und Bono und seinen Freunden unterwegs war hatte sie Dublin richtig kennen gelernt.
Mit Jee war sie oft in der Stadt gewesen, doch sie und Jee hatten ihre eigene Vorstellung von Zeitvertreib.
Mehr ruhig und nicht so wild wie die Villagers.
Es klopfte wieder und Jana warf genervt das erstbeste Ding gegen die Tür, das sie in die Hand bekam; zum Glück war es nur ein Kissen.
„Ich bin’s nur“, erklang Edge’s Stimme. „Mum sagt Larry ist am Telefon für dich.“
Jana warf ihr Buch zur Seite, schaltete im vorbeigehen die Anlage ab und entriegelte die Tür. Sie prallte fast in Edge, der im Bademantel und mit tropfnassem Haar vor ihrer Tür stand, noch immer eine Hand in der Luft.
„Das war schnell“, kommentierte er, doch Jana war schon bei der Treppe und ließ sich mehr oder weniger die Stufen runterfallen.
Das Telefon war im Wohnzimmer. Garvin war nicht da – er saß hinter seinem Schreibtisch im Raum nebenan – nur ihre Mutter saß auf der Couch und strickte etwas das wohl früher oder später einen Pullover darstellen würde.
„Ja?“
„Bin gerade angekommen“, hörte sie Larrys bekannte Stimme, „alles klar?“
„Mit mir? Ja, natürlich. Hast du morgen schon etwas vor?“
„Ja, leider. Wir besuchen meine Granny. Morgen ist mein Grossvaters Todestag. Er ist vor sieben Jahren gestorben und wir besuchen sie jedes Jahr an dem Tag. Hab ich total vergessen, sorry.“
„Aber morgen ist das Familienfest. Tanten die uns in die Backen kneifen, Grossmütter die alles wissen wollen, Cousins und Cousinen die man kaum kennt, kleine Kinder die quengeln weil sie nach Hause wollen weil die Grossväter alle mit Revolutionsgeschichten langweilen... kannst du wirklich nicht kommen“, Jana drehte sich von ihrer Mutter weg, senkte die Stimme und starrte aus dem Fenster. Gwenda musste nicht alles wissen.
„Es tut mir leid.“
„Ist schon okay. Wenigstens sind Dik und Edge da. Vielleicht kommen noch irgendwelche Verwandten die okay sind. Gavin und Séan zum Beispiel. Oder Aoife ist auch okay.“
„Gut zu hören. Cecilia schläft heute bei Allan, sie hatte streit mit meinem Dad. Er ist jetzt ausgegangen, also eigentlich ist alles in Ordnung hier.“
„Jana, ich muss gleich schnell Bob anrufen, kannst du Schluss machen?“, kam Garvins Stimme aus dem Raum nebenan.
Es klang freundlich und nicht im geringsten wie ein Befehl. Sie seufzte, es war trotzdem besser, wenn sie gehorchte.
„Muss aufhängen. Telefonieren wir morgen Abend? Und... falls du doch kannst, komm einfach vorbei, okay? Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch.“
„Bye“, sie legte den Hörer auf und seufzte ein weiteres mal bevor sie sich ihrer Mutter zuwandte. „Kannst Garvin sagen dass er Telefonieren kann“, und mit diesen Worten verschwand sie wieder nach oben.
Inzwischen waren Jee und Gavin bei ihr angekommen. Die Farm lag friedlich da, alle Tiere waren wo sie hingehörten, sogar Thalion ass friedlich sein Heu. Jee holte ihre Schlüssel hervor und schloss die Tür auf, dann drehte sie sich zu Gavin um.
„Ich würde dich ja hereinbeten, doch du musst wohl auch langsam nach Hause“, sagte sie, in der Hoffnung dass er nicken und sich von ihr verabschieden würde, doch er schüttelte nur grinsend den Kopf.
„Niemand erwartet mich“, meinte er nur.
„Denkst du nicht es wäre besser wenn du einmal vorbei kommst wenn Bono auch hier ist“, sagte sie dann, „schließlich bist du sein bester Freund.“
Gavin war von dieser kühlen Reaktion sichtlich zurückgenommen. Einen Augenblick sah er so aus als wolle er mit ihr darüber diskutieren, doch dann nickte er verständlich.
„Sicher, ein anderes Mal.“
„Aber du kannst am Sonntag mit uns ausreiten“, meinte Jee und er nickte:
„Schon gut, Jee. Ich verstehe dich. Komm lieber nicht zu nahe an den besten Freund deines Freundes. Ich kenne Bono genauso gut wie du. Ich weiß wie er reagieren würde – wie er mit Guggi reagiert hat. Mit mir reagiert er wohl noch schlimmer.“
Jee verschränkte die Arme. Sie konnte nicht sehen, weshalb Bono anders reagieren würde. Wenn anders, dann vielleicht mit einem gleichgültigen Schulterzucken, denn er vertraute ihr doch? Nach der Sache mit Guggi hatte er doch eingesehen, dass sie ihn nie für einen seiner Freunde eintauschen würde. Außerdem hörte er nicht einmal mehr auf solche Gerüchte.
„Ach? Und wieso das?“
„Ich bin dein Typ, Guggi nicht“, Gavin lachte wissend, „das weiß er auch, schließlich hielt man und manchmal für Twins... das war bevor wir andere Modegeschmäcker entwickelten und er seine Haare vergewaltigte.“
„Ich mag seine Haare“, hab Jee zurück, „und ihr seht nicht im geringsten gleich aus. Er hat die schöneren Augen.“
„Sicher“, Gavin zuckte mit den Schultern, „wir sehen uns. Wenn nicht bald, dann im Trinity.“
Jee blickte ihm kopfschüttelnd nach. Wie konnte man nur von einer Sekunde zur anderen so überheblich werden. Klar, Gavin hatte etwas, doch er kam bei weitem nicht in die Nähe eines Bono.
Oder Edge.
Oder Larry.
Über Adam wollte sie nicht urteilen, er war schließlich ihr Bruder.
Mit einem letzten Blick die Strasse runter schloss sie schließlich die Tür hinter sich.
Als Edge seine Sachen mehr oder weniger ausgepackt hatte klopfte er an Janas Tür, doch sie antwortete nicht. Die Musik war wohl zu laut. Er zuckte mit den Schultern und ging nach draussen auf das kleine Balkon der Feuerleiter, dann klopfte er an Janas Fenster.
Drinnen schreckte Jana hoch und blickte an ihrem Schreibtisch vorbei Edge an, wie er ihr wild zuwinkte. Kopfschüttelnd drückte sie den Pausenknopf auf ihrer Bedienung und hievte dann das Fenster hoch.
„Was denn?“, sagte sie mit einer amüsierter klingenden Stimme als sie beabsichtigt hatte. Er stützte seinen Kopf auf den Händen und grinste:
„Kann ich zu dir rein kommen?“
„Wieso, hast du deine Bibel verloren?“, Jana musste auch grinsen, klettre rüber, aber fall mir ja nicht runter.“
Edge nickte zufrieden und zog sich zu seiner Schwester rein. Er blieb im Schneidersitz auf ihrem Büro sitzen, das noch schön leer war. Sobald das neue Schuljahr (oder College Jahr, wie es von nun an so schön heissen würde) begonnen hatte, würde er dort keinen Platz zum sitzen mehr haben.
„Alles bereit für die Party morgen? Ein letztes mal in unserem alten Haus...“
„Es steht jetzt vollkommen leer, ich glaube kaum dass ich es noch unser Haus nennen kann“, Jana blickte ihren Bruder an „denkst du Dad wäre auch weggezügelt?“
„Dad? Niemals“, Edge schüttelte den Kopf. „Er liebte unser Haus. Wenn ich einmal genug Geld habe werde ich es in seinem Gedenken zurückkaufen.“
Sie schwiegen eine Weile, jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft. Schließlich sprach Edge wieder:
„Was wollte Larry eigentlich?“
„Nichts wirklich“, gab Jana zurück. Sie blickte ihren Bruder an, der nur fragend eine Augenbraue hochzog und weiter nichts sagte. Sie zuckte mit den Schultern: „Na ja, er hat für morgen abgesagt, aber das interessiert dich doch sowieso nicht. Du bist wahrscheinlich nur froh.“
„Natürlich nicht“, Edge sah sie mit einem verletzten Blick an, „ich will nur nicht dass er dich irgendwie verletzt. Ich... du bist die wichtigste Person in meinem Leben, Jana, noch vor Mum, der Lypton oder irgendjemand anderem, bei weitem. Wenn jemand dich verletzen würde – und dann ist’s mir echt egal ob er in meiner Band mitspielt oder ein Villager ist – dann würde ich ihn vermutlich grün und blau prügeln. Ich kann nur nicht glauben dass du schon so... so erwachsen bist. Meine kleine Jana.“
„So hat Dad mich auch manchmal genannt“, sie lächelte traurig, „für mich bist du auch eines der wichtigsten Personen auf der Welt. Wir zwei – und vielleicht Dik ein wenig – bilden nun die Familie Evans.“
„Wir waren das Herz der Familie, und das Herz schlägt weiter, was auch immer sie uns in Zukunft ins Gesicht werfen werden“, Edge nickte und seufzte dann, „ich kann noch immer nicht glauben dass Dad nicht mehr da ist. Alles geschah so plötzlich. Von einer Sekunde zur anderen standen wir ohne ihn da.“
„Ach Edge“, Jana stand auf und schlang die Arme um ihn. Das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht. Er lächelte und erwiderte die Umarmung.
„Was auch immer geschehen mag, wir sind immer füreinander da“, versprach ihr Bruder und strich sanft durch ihre Haare, „immer.“
TO BE CONTINUED