Drei weitere Stolpersteine für Nazi-Opfer in Heide

verlegt am 10. Oktober 2006


Erich Böhlig

Erich Böhlig war eine bekannte und geachtete Persönlichkeit in Heide. Er arbeitete erst als Schriftsetzer, später als Korrektor beim "Heider Anzeiger".  Er gehörte zur Generation der Stolperstein für Erich Böhlig auf dem Wulf-Isebrand-Platz vor der DLZFrontsoldaten des ersten Weltkrieges, der seine Kriegserfahrungen in politisches Engagement münden ließ. Mit der Gründung der Heider KPD 1920 wurde  er deren erster Vorsitzender und hatte dieses Amt bis 1923 inne. Er verkehrte in den Arbeiterlokalen und war Stadtverordneter der Stadt Heide. Neben seiner politischen Rednertätigkeit engagierte er sich für die sozial schwachen Mitmenschen. "Er sammelte während der Weltwirtschaftskrise bei Heider Geschäftsleuten für Arbeitslose..." (Zitat nach Pfeil 1996).

Noch im März 1933 (also schon während des Nationalsozialismus in Heide) kandidierte er als Spitzenkandidat der Heider KPD für das Stadtparlament. Trotz massiver Hetze und Wahlbehinderung wurde Erich Böhlig gewählt. Sein Mandat konnte er nicht antreten, denn "Der kommunistische Vertreter war nicht geladen und ist auch nicht erschienen." meldet der "Heider Anzeiger" am 2. April 1933. Am 11. April 1933 wurde Erich Böhlig verhaftet und über ein Jahr in den Konzentrationslagern Schleswig und Glückstadt inhaftiert.  Nach seiner Freilassung wurde er bei seinem Arbeitgeber nicht weiter  Verlegung des Stolpersteines für Erich Böhlig durch Gunter Demnigbeschäftigt und musste in der Hemmingstedter "Hölle" (so wurde die DEA -heute Shell- in Hemmingstedt  genannt) arbeiten.

Nach dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 wurde Erich Böhlig vom Heider  NS-Bürgermeister Karl Herwig für die "Gewitteraktion" auf die Liste der zu Verhaftenden gesetzt. Erich Böhlig trat eine neue Leidenszeit im  KZ Neuengamme an. In den letzten Kriegstagen noch wurde das KZ geräumt. Die Häftlinge zogen in Todesmärschen zu Fuß nach Lübeck und wurden dort in der Absicht, Spuren der KZ-Verbrechen durch eine Versenkung in der Ostsee zu vernichten, auf Schiffe verladen. Erich Böhlig kam auf die manövrierunfähige "Cap Arcona" und überlebte den Brand und die Kenterung des Schiffes nicht.


Quellen:
Rehn, Marie Elisabeth: Heider Gottsleider, Erstauflage Basel 1992, neu aufgelegt 2005, Pro Business Verlag Berlin,  S. 44-45, S. 47, S. 60-63, S. 125-126, S. 260-261
Pfeil, Ulrich: Die KPD im ländlichen Raum in: Demokratische Geschichte, Jahrbuch zur Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig-Holstein, Kiel 1996, S. 173/174
Pfeil, Ulrich: Vom Kaiserreich ins "Dritte Reich", Heide 1890 - 1933, Heide 1997, S. 149 f., S. 180
Gietzelt, Martin und Pfeil, Ulrich: Dithmarschen im "Dritten Reich" 1933-1945 in: Geschichte Dithmarschens, Heide 2000, S. 359/360
Dittrich, Irene: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Band 7, Schleswig-Holstein 1, Frankfurt 1993, S. 72


Emil Schmekel

Emil Schmekel wird von seiner Frau als ruhiger und friedliebender Mensch beschrieben. Er hatte eine Kohlenhandlung in der Kreuzstraße 51 und war bis 1933 in der SPD aktiv. Anna Schmekel hatte verzweifelt versucht, ihren Mann auch mit der Hilfe eines Anwalts aus der KZ-Haft frei Stolperstein für Emil Schmekel in der Kreuzstr. 51 in Heidezubekommen, in die er im August 1944 kam. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 führten die Nazis eine groß angelegte Vergeltungsaktion durch, die so genannte  Gewitteraktion.  Funktionäre von SPD, KPD und Gewerkschaften sowie ehemalige Abgeordnete von SPD und KPD sollten festgenommen werden.

In Heide liess der Nazi-Bürgermeister und SS-Oberführer Karl Herwig vier Personen verhaften: Erich Böhlig (KPD), Auguste Ebeling (SPD), Thord Jibsen (SPD) und Emil Schmekel (SPD). Nur zwei der Verhafteten überlebten. Die Hilfegesuche von Anna Schmekel bei Herwig blieben ohne Erfolg. Emil Schmekel wurde von Herwig als politisch unzuverlässig eingeschätzt, weshalb er es ablehnte, sich für ihn einzusetzen. Der Grund für diese Einschätzung war vermutlich, dass Schmekel nicht in die NSDAP eingetreten war. Herwig hätte aber durchaus etwas für Schmekel tun können, denn er kannte den Leiter des KZ Neuengamme, Max Pauly, da beide aus Wesselburen stammten. Der Nazi-Kreisleiter vonVerlegung des Stolpersteines für Emil Schmekel in der Kreuzstr. 51Norderdithmarschen Hans Christian Hinrichsen gab auf die Rückfrage der Gestapo an, die eine mögliche Entlassung prüfen sollte, daß er Schmekel für politisch unzuverlässig halte.

Emil Schmekel ist vom KZ Neuengamme weiter zum KZ Bergen-Belsen deportiert worden, wo er laut Sterbebuch am 22.11.1944 starb, nur etwa drei Monate nach seiner Verhaftung. Als Todesursache wurde "Lungentuberkulose" angegeben, was jedoch nach Aussage der Gedenkstätte Bergen-Belsen eine Standardangabe war und vermutlich nicht der Wahrheit entspricht. In den Gerichtsakten aus dem Verfahren gegen die für die Verhaftungen Verantwortlichen Herwig, Hinrichsen und Oesau steht: "Schmekel erkrankte im KZ Neuengamme an Lungenentzündung. Nach seiner Genesung musste er stundenlang in einer offenen, zugigen Scheune warten. Er erkrankte erneut an einer Lungenentzündung und bekam gleichzeitig noch die Ruhr. In diesem Zustand wurde er in das KZ Bergen-Belsen überführt. In diesem als Vernichtungslager bekannten KZ verstarb er kurze Zeit darauf."


Quellen:
Rehn, Marie-Elisabeth: Heider Gottsleider, Erstauflage Basel 1992, neu aufgelegt 2005, Pro Business Verlag Berlin, S. 125-126, S. 261
Erklärung von Anna Schmekel vom 16.10.1947
Urteil des Schwurgerichts Flensburg gegen Oesau, Herwig und Hinrichsen vom 01.09.1949 (BA Z38/437)
Gedenkstätte Bergen-Belsen
Gietzelt, Martin und Pfeil, Ulrich: Dithmarschen im "Dritten Reich" 1933-1945 in: Geschichte Dithmarschens, Heide 2000, S. 359/360


Lilly Wolff

Über Lilly Wolffs Lebenslauf bis 1936, als sie nach Berlin Lilly Wolff beim Klassenausflug am 27.08.1931 (zum Vergrößern anklicken)verzog, gibt es eine ausführliche Personalakte, die im Heider Stadtarchiv liegt.

Lilly Wolff (geb. 16.6.1896 in Niederschöneweide b.Berlin) und  ihre  Schwester Susanne (geb. 8.5.1893 in Berlin) hatten sich in Flensburg am Oberlyzeal-Zweig der Auguste-Victoria-Schule zu Lehrerinnen ausbilden lassen. Susanne war an Flensburger Schulen tätig bis zu ihrem frühen Tod durch Tuberkulose am 29.7.1931. Wie ihre Schwester war sie bereits 1912 zum evangelischen Glauben Lilly Wolff (1931 oder 1932) übergetreten. Nachdem Lilly Wolff 1917 die  Reifeprüfung am Oberlyzeum Flensburg bestanden  und  1918 die Lehramtsprüfung für Lyzeen und Mittelschulen abgelegt hatte, war sie 1918-19 an einer Privatschule in Storkow (Mark Brandenburg) als Lehrerin tätig.

Von Ostern 1919 bis Mitte 1933 war sie  Lehrerin in Heide und bei ihren Schülerinnen und Schülern überaus beliebt: Zuerst als Aushilfslehrerin an der privaten höheren Töchterschule, die 1923 in den Besitz der Stadt Heide überging und 1926 in Klaus-Groth-Schule umbenannt wurde. Ab 1930 unterrichtete sie an der Mädchenbürgerschule Lüttenheid und wurde im Oktober 1930 gegen den Widerstand der Stadt Heide dort fest angestellt. Lilly Wolff wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft zum 1. September 1933 aufgrund des rassistischen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" ohne Ruhegeld entlassen und schlug sich fortan mit dem Geben von Nachhilfestunden durch. Im Dezember 1935 wurde ihr auch verboten, Nachhilfestunden zu geben, wodurch ihr die Existenzgrundlage entzogen wurde. Heides Bürgermeister Dr. Hermann Hadenfeldt, der 1952 zum Ehrenbürger der Stadt Heide ernannt wurde, war mitverantwortlich für ihre Entlassung und das Berufsverbot. Lilly Wolff verließ im Juni 1936 Stolperstein für Lilly Wolff vor der Klaus-Groth-Schule in HeideHeide und ging nach Berlin, wo sie ab 1937 an schulischen Einrichtungen für jüdische Kinder wieder als Lehrerin arbeiten konnte.


Weiterhin in Flensburg lebten ihre Mutter, die Witwe Katharina oder Käte (geb. 11.2.1868 in Berlin), und ihr Bruder Alexander Wolff (geb. 28.3.1891 in Berlin), der 1937 die verwitwete Irma Schüler (geb. 27.4.1891 in Dramburg/Pommern) heiratete. Während des Novemberpogroms 1938 wurde ihr am Stadtrand von Flensburg gelegenes Gut nachts überfallen und alle Bewohner verhaftet. Nur Alexander gelang nur mit einem Nachthemd bekleidet die Flucht aus dem Wagen. Er rettete sich nach Dänemark und gelangte später über Schweden in die USA, wo er 1984 starb. Katharina und Irma zogen nach ihrer Freilassung aus Polizeihaft nach Berlin, wo auch sie in die NS-Vernichtungsmaschinerie gerieten: Katharina wurde am 14.8.1942 in das Zwangsghetto Theresienstadt und von dort am 26.9.1942 nach Treblinka deportiert, Irma am 29.1.1943 nach Auschwitz. Lilly wurde am 5.9.1942 von Berlin in das Ghetto nach Riga deportiert, wo sie ermordet wurde. Am 1. Januar 1943 ist Lilly Wolff für tot erklärt worden.

Quellen:
Bettina Goldberg unter Mitarbeit von Bernd Philipsen: Juden in Flensburg, Flensburg 2006
Personalakte von Lilly Wolff im Stadtarchiv Heide
Christiane Orgis
Martin Gietzelt / Ulrich Pfeil: Dithmarschen im "Dritten Reich" 1933-45, in: Geschichte Dithmarschens, Heide 2000, S. 333, S. 342, S. 353

Weitere Infos:
Beginn der Aktion Stolpersteine in Heide 2005
Zur Erinnerung an die Familie Stillschweig
Diskussion um die Ehrenbürgerschaft Hadenfeldts

Presseartikel als JPG:
Artikel im Anzeigenblatt vom 18.10.2006
DLZ-Artikel über Lilly Wolff vom 12.10.2006
DLZ-Artikel über die Verlegung vom 11.10.2006
DLZ-Artikel vom 06.09.2006

Kontakt:
Sollten Sie über weitere Informationen über Lilly Wolff, Emil Schmekel oder Erich Böhlig verfügen, schreiben Sie uns bitte eine Email an info(at)stolpersteine-heide.tk

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