Dithmarscher Landeszeitung vom 07.08.2007
Ehrenbürgerrecht mit dem Tod erloschenVon Stefan Carl
Heide – Dem ehemaligen Heider Bürgermeister Dr. Hermann Hadenfeldt (1872 bis 1961) wurde 1952 das Ehrenbürgerrecht verliehen. Dies sollte ihm aberkannt werden. Das hatte der Arbeitskreis Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Dithmarschen beantragt.
Rein rechtlich ist es laut Bürgermeister Ulf Stecher gar nicht möglich, Hadenfeldt das ihm 1952 seitens des damaligen Heider Magistrats verliehene Ehrenbürgerrecht abzuerkennen. Denn dieses erlösche mit dem Tod, weil es an die Rechtsfähigkeit der ausgezeichneten Person gebunden sei. "Für Ihren Antrag besteht somit keine rechtliche Umsetzungsmöglichkeit", hatte Bernd Sawatzki an Georg Gerchen vom Arbeitskreis Widerstand geschrieben.
Der Arbeitskreis hatte im Februar dieses Jahres den "Antrag auf Aberkennung der Ehrenbürgerschaft" gestellt. Im Zuge der Recherchen für die Verlegung eines Stolpersteins zum Gedenken an die Heider Lehrerin Lilly Wolff habe man festgestellt, "dass Hadenfeldt nicht nur Antidemokrat, sondern auch Antisemit war", heißt es in dem Antrag.
Lilly Wolff war jüdischer Herkunft, und Hadenfeldt soll erst ihre Festanstellung an der Klaus-Groth-Schule verhindert haben. Und später, im Oktober 1930, sei die Festanstellung Wolffs an der Mädchenbürgerschule Lüttenheid vom Land gegen Hadenfeldts Widerstand durchgesetzt worden. Schon am 18. Oktober 1933 wurde Wolff aber wieder entlassen. Ebenso trage Hadenfeldt die Verantwortung dafür, "dass Lilly Wolff 1935 das Geben von Nachhilfestunden verboten und ihr damit in Heide eine Existenz unmöglich gemacht wurde".
Hadenfeldt war von 1903 bis 1909 sowie von 1933 bis 1937 Bürgermeister. Schon in seiner ersten Amtszeit habe er sich laut Arbeitskreis "durch eine undemokratische Politik ausgezeichnet". Das ist für Ulf Stecher ein fragwürdiger Vorwurf. "Man muss doch mal den Jahrgang sehen und die Zeit, in der der Mann sozialisiert wurde. 1903: Da gab es in Deutschland noch gar keine Demokratie, der hat noch das Drei-Klassen-Wahlrecht erlebt", ist Stecher der Auffassung, dass sein Amtsvorgänger gar nicht in der Lage gewesen wäre, demokratische Politik zu machen.
In der Affäre Lilly Wolff habe sich laut Stecher und Sawatzki zudem in den Archiven nichts finden lassen, was Hadenfeldt belastet hätte. "Eigentlich wäre ja auch der Arbeitskreis in der Beweispflicht. Aber wir haben das Thema sehr ernst genommen", so Stecher.
Aus einer Spezial-Akte des Magistrats der Stadt Heide gehe hervor, dass die NSDAP-Kreisleitung Norderdithmarschen am 22. November 1935 bei Hadenfeldt interveniert und diesen aufgefordert hätte, die Abstammung Lilly Wolffs zu überprüfen. Bevor dieser seine Recherchen in dieser Sache abschließen konnte, habe die zum Christentum übergetretene Wolff selbst der NSDAP gegenüber ihre jüdische Abstammung bestätigt. So steht es zumindest in der Reihe "Verführt. Verfolgt. Verschleppt" aus den Flensburger Beiträgen zur Zeitgeschichte.
Bernd Sawatzki kannte noch einige der Mitglieder des Magistrats, der Dr. Hadenfeldt zum Ehrenbürger machte. "Da war ein Otto Vahlert dabei und ein Willi Off. Das waren in der Wolle gefärbte Sozialdemokraten, teils Verfolgte des NS-Regimes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die das mitgetragen hätten, wäre der Mann belastet gewesen", sagt er.
Der Arbeitskreis Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Dithmarschen ist am 30. Mai von Stadtarchivarin Dr. Telse Lubitz darüber informiert worden, dass ein Ehrenbürgerrecht mit dem Tod erlischt und somit nur zu Lebzeiten aberkannt werden kann.
Der Arbeitskreis schrieb zwar von Ehrenbürgerwürde und Ehrenbürgerschaft, die abzuerkennen wären. Doch diese Begriffe treffen im Fall Hadenfeldt nicht zu. Laut Bernd Sawatzki verleiht die Stadt Heide "entsprechend dem Wortgebrauch in § 26 Absatz 1 der Gemeindeordnung für Schleswig-Holstein das Ehrenbürgerrecht".
Wenn dem Arbeitskreis "eindeutig belegbare Tatsachen über ein Verhalten des Herrn Dr. Hadenfeldt im Dritten Reich" bekannt seien, die nach heutigen Maßstäben "über seinen eigenen Ansehensverlust hinaus auch das Ansehen der Stadt Heide" beeinträchtigen, so wird der Arbeitskreis gebeten, diese vorzulegen. "Da ist aber bis heute nichts gekommen", sagt Ulf Stecher.
Für Georg Gerchen vom Arbeitskreis Widerstand stellt sich das anders dar: "Es ist ja der Ehrenbürger der Stadt Heide und nicht unserer. Wir haben einen Hinweis gegeben. Nun muss die Stadt dazu eine Haltung finden. Und die ist offenbar so, dass sie diesen Mann auch heute noch für ehrenwert hält", sagte Gerchen gestern. Dass der Arbeitskreis in der Beweispflicht und die Stadt quasi der Richter sei, leuchtet ihm nicht ein.
Leserbrief zum Artikel vom 08.08.2007 (JPG, ca. 50 kB)Pressemitteilung des Arbeitskreises vom 12.02.2007
Aberkennung von Ehrenbürgerschaft beantragtDer "Arbeitskreis Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Dithmarschen" hat bei der Stadt Heide die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft für den ehemaligen Bürgermeister Hermann Hadenfeldt beantragt.
Im Zuge der Recherchen zur Verlegung des Stolpersteines für Lilly Wolff musste der Arbeitskreis feststellen, dass Hadenfeldt nicht nur Antidemokrat, sondern auch Antisemit war.
So kann Christiane Orgis belegen, dass es Hadenfeldt war, der jahrelang die Festanstellung von Lilly Wolff an der Klaus-Groth-Schule verhindert hat. Als Lilly Wolff 1930 zur Mädchenbürgerschule Lüttenheid wechselte, setzte das Land ihre Festanstellung dort gegen den Widerstand des Heider Bürgermeisters im Oktober 1930 durch.
Nach der Machtübertragung an die Nazis blieb Hadenfeldt auch von 1933 bis 1937 Bürgermeister der Stadt Heide. Gietzelt und Pfeil schreiben dazu, dass für Hadenfeldt aus Sicht der Nazis die "nationale Zuverlässigkeit" sprach.
Am 18.10.1933 wurde Lilly Wolff entlassen. Für ihre Entlassung und die mehrerer Sozialdemokraten aus dem Beamtendienst trägt Hadenfeldt die Mitverantwortung. Gietzelt/Pfeil schreiben dazu: "Nachdem die jüdische Lehrerin Lilly Wolff entlassen worden war, forderte die Ortsgruppe (der NSDAP, d. Verf.) in Heide beispielsweise, die Lehrer nicht nur auf ihre arische Abstammung, sondern auch auf ihre politische Einstellung zu prüfen. Zudem legte sie dem Magistrat eine eigene Liste mit Angestellten und Arbeitern der Stadt vor, denen 'wegen ihrer politischen Unzuverlässigkeit schnellstens gekündigt' werden müsse. Bereits zwei Täge später folgte der Magistrat dieser Aufforderung."
Hadenfeldt trägt ebenso die Verantwortung dafür, daß Lilly Wolff 1935 auch das Geben von Nachhilfestunden verboten und ihr damit in Heide eine Existenz unmöglich gemacht wurde.
Hadenfeldt war bereits von 1903 bis 1909 Bürgermeister der Stadt Heide gewesen und hatte sich durch eine undemokratische Politik ausgezeichnet. Prof. Ulrich Pfeil schreibt dazu: "In dieser Zeit hatte er sich wiederholt durch Verbote von öffentlichen Veranstaltungen der Gewerkschaften und der SPD hervorgetan."
Der Arbeitskreis bezeichnet es als Skandal, dass Hermann Hadenfeldt trotz seiner antisemitisch und antidemokratisch motivierten Politik zum Ehrenbürger der Stadt Heide ernannt wurde.
Der Arbeitskreis möchte ausserdem an den Jahrestag der Hinrichtung der Widerstandskämpfer Elisabeth und Gustav Bruhn erinnern. Das Ehepaar lebte bis Anfang der dreissiger Jahre in Heide. Beide leisteten in der Bästlein-Abshagen-Gruppe Widerstand gegen die Nazis und wurden am 14.02.1944 im KZ Neuengamme hingerichtet. Während Gustav Bruhn in der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin geehrt wird, scheinen die Bruhns in Heide fast vergessen.
Quellen:
Ulrich Pfeil: Vom Kaiserreich ins
"Dritte Reich", Heide 1997, Seite 172, 325
Martin Gietzelt / Ulrich Pfeil: Dithmarschen im "Dritten Reich"
1933 - 1945 in Geschichte Dithmarschens, Heide 2000, Seite 333
Marie-Elisabeth Rehn: Heider gottsleider - Kleinstadtleben unter
dem Hakenkreuz, neu aufgelegt 2005, Verlag Pro Business Berlin
Christiane Orgis