Hier
wohnte
J. GERHARD KRATZAT
Jg.
1909
1936 Belgien
Lincoln-Brigade Spanien
Résistance
/ Frankreich
Verhaftet 10.3.1944
Hingerichtet
12.7.1944
Lyon
Verlegungsort: Gartenstraße 15, 25712 Burg
Johannes Gerhard Kratzat: „Der gelehrte Seemann“ 8.1.1909 – 12.7.1944
Am Anfang unserer Recherchen stand die kurze Darstellung seines Lebensweges, die sein jüngster Bruder Martin Kratzat Inge Hurtienne gegeben hat :
"Johannes Gerhard Kratzat wurde nach seiner Schulzeit Seemann. Da er vielseitig interessiert war, wurde er in Burg "der gelehrte Seemann" genannt. Er war befreundet mit dem Führer der kommunistischen Partei in Danzig. Als das Schiff, auf dem er fuhr, Mitte der dreißiger Jahre nach Danzig kam, musterte er ab und besuchte seinen Freund. In einer Nacht-und Nebelaktion wurde er von Danzig, das damals noch Freistaat war, nach Ostpreußen, also auf deutsches Reichsgebiet, verschleppt und anschließend in ein Konzentrationslager gebracht. Man wollte Näheres über seinen Freund, den Danziger Kommunistenführer, erfahren. Johannes Gerhard Kratzat kam dieser Aufforderung nicht nach; auch nicht, als er aus dem KZ entlassen wurde und man ihm für diese Information eine gut bezahlte Stellung anbot. Statt dessen setzte er sich ins Ausland ab. Erst ging er nach Holland, von dort nach Belgien und dann nach Frankreich. Im Sommer 1944 wurde er in Lyon von den Deutschen verhaftet und von einem deutschen Feldgericht zum Tode verurteilt. Am 12.Juli 1944 wurde er erschossen. Man ließ den Toten unbestattet liegen. Später wurden seine sterblichen Überreste beigesetzt, so daß sein Bruder, Martin Kratzat, das Grab 1968 besuchen konnte."
Frühe Jahre – Bankkaufmann und Seemann
Johannes Gerhard Kratzat wurde am 8. Januar 1909 in Burg/Dithmarschen geboren. Er war das dritte Kind des Oberpostschaffners Friedrich und seiner Frau Elisabeth Kratzat. Die Familie lebte in Burg, Am Cleve 5 (heute: Gartenstraße 17).
Nach dem Besuch der gehobenen Abteilung der Volksschule bis 1923, erlernte er den Beruf des Bankkaufmanns bei der Burger Leih- und Sparkasse. Da er dort nicht weiter beschäftigt und somit arbeitslos wurde, fuhr er ab 1927 als Matrose zur See, anfangs auf kleineren Schiffen von Burg, später auch größere Fahrten von Brunsbüttelkoog aus. Während seiner Fahrten lernte er viele Sprachen so gründlich, dass er später auch als Dolmetscher und Korrespondent tätig war.
Erste politische Aktivitäten als Seemann
Im Herbst 1931 beteiligte er sich an den großen Seefahrerstreiks in der Ostsee, die von der ISH („International Seemen and Harbour Workers“, Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter) organisiert wurden.
Die ISH war 1930 als kommunistische Richtungsgewerkschaft gegen den sozialdemokratisch ausgerichteten Weltdachverband ITF (Internationale Transportarbeiter-Föderation) gegründet worden. Organisatorisch war sie nicht der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands), sondern direkt der III. Internationale unterstellt, wie es bei anderen Gewerkschaften üblich war.
1933: Inhaftierung und Konzentrationslager
1932 musterte Johannes Gerhard Kratzat dann in Danzig ab, trat der KPD bei und arbeitete für diese als Diskussionsredner, sowohl auf eigenen Veranstaltungen, als auch auf denen der Nationalsozialisten. Bei diesen war er schnell verhasst, da es ihm mindestens einmal gelang, deren Propagandaerfolg zu verhindern.
Im März 1933 wurde er - vermutlich bei einer Rückkehr in das Deutsche Reich - verhaftet und bis Juli 1933 unter anderem im Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin gefangen gehalten. Sonnenburg stand unter der Aufsicht des Berliner Polizeipräsidiums. „Unter den Gefangenen waren viele Politiker, linke Parteifunktionäre und Kulturschaffende.“ Bertolt Brecht hat Sonnenburg in seinem Gedicht „SONNENBURG“ beschrieben. Die Quellenlage zu diesem frühen Konzentrationslager ist dürftig. „Alle zeitgenössischen Berichte... betonen übereinstimmend die auch im Vergleich zu anderen zeitgleich bestehenden Konzentrationslagern außergewöhnliche Brutalität und Willkür der Wachmannschaften in Sonnenburg, die dem Lager schnell auch im Ausland den Beinamen 'Folterhölle' eintrug.“ Auch Kratzat wurde schwer misshandelt. So konnte er wochenlang nur flüssige Nahrung aufnehmen, weil sein Unterkiefer durch brutale Schläge ausgehakt worden war. Erst als er schon vollkommen entkräftet war, wurde die Sache ärztlicherseits behoben.
Rückkehr nach Burg
Nach
seiner Haftentlassung kehrte er nach Burg zu seinen Eltern und
Geschwistern zurück. Am 20. Juli 1933 meldete er sich
polizeilich
als von Danzig kommend an. Vermutlich ist er schon einige Tage eher
angekommen, da ab dem 11.7.1933 auf Anordnung aus Berlin die
Postkontrolle seiner Briefschaften angeordnet wurde.
„Genau erinnerlich ist mir, daß man ernstlich versucht hat, ihn zur Mitarbeit in der NSDAP zu bewegen. So unwahrscheinlich es sich anhört, den Tatsachen entspricht es, daß man ihm dort einen Posten in der Partei angeboten hat, der ein monatliches Gehalt von 1.000,-- DM einbrachte. Um keinen Argwohn zu erwecken, hat er sich damals eine langfristige Bedenkzeit erbeten, die ihm gewährt wurde. In dieser Zeit hat er versucht, sich unauffällig aus Deutschland zu entfernen. Das tat er in der Weise, daß er sich zunächst um eine Gelegenheit auf eine Einstellung als Matrose auf einem Schiff bewarb, das ins Ausland fuhr. Weil es damals keine Arbeitslosen gab, wurde er einige Monate als Gelegenheitsarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt. Nachdem er eine Matrosenstelle auf einem Schiff angeboten erhielt, ist er dann nur noch wenige Male kurzfristig nach Burg gekommen.“
Politische Arbeit in Rotterdam
und Antwerpen
In dieser Zeit von ungefähr 1933 bis 1936 fand Gerhard Kratzat wieder den Anschluss an die Genossen von der KPD und der ISH. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurden die Organisationsstrukturen der deutschen Sektion der ISH, des „Einheitsverbandes der Seeleute, Hafenarbeiter und Binnenschiffer“ mit einer großen Verhaftungswelle fast vollständig zerschlagen. Ab dem Herbst 1933 gab es Versuche der Reorganisation.
Wichtige Zentren der illegalen Arbeit der ISH waren dabei Antwerpen und Rotterdam, wo in den Interklubs Kontakte zu Seeleuten aus dem Deutschen Reich geknüpft wurden. Die Mitglieder der ISH-Zellen belieferten Seeleute auf deutschen Schiffen mit illegalen Schriften, befragten sie über Vorgänge im Reich und auf den Schiffen, instruierten die Vertrauensleute an Bord und versuchten, neue zu gewinnen. Gerhard Kratzat schloss sich der ISH-Zelle in Rotterdam an.
Politische Auseinandersetzungen
und das Ende der ISH
In
den Jahren 1935 bis 1936 kam es zu heftigen politischen Kontroversen in
der ISH. Ende 1934 wurde Hermann Knüfken in
Rotterdam verhaftet
und nach Belgien abgeschoben. Er schloss sich der Antwerpener Gruppe
an. Als deren Leiter Wilhelm Siebert Anfang 1935 verhaftet und in die
Niederlande ausgewiesen wurde, übernahm Knüfken die
Leitung.
Im
Frühjahr 1935 brach die Gruppe in Antwerpen die Zusammenarbeit
mit
der ISH ab, verstand sich als Initiative zum Wiederaufbau der Freien
Gewerkschaften, konstituierte sich als Zelle innerhalb der KPD und
verlangte von der Partei volle Mitsprache in Fragen der Seefahrt. Das
wurde von der KPD abgelehnt, obwohl zugleich im Zuge der neu
beschlossenen „Volksfrontpolitik“ auch die ISH
aufgelöst und in die ITF überführt
werden sollte.
Die Antwerpener lösten ihre Beziehungen zur KPD, verhandelten mit dem ITF-Generalsekretär Edo Fimmen und arbeiteten ab Januar 1936 als ITF-Gruppe weiter. Knüfken und Fimmen waren von da an freundschaftlich eng verbunden.
Anfang 1936 wurde Johannes Gerhard Kratzat nach Antwerpen geschickt, um dort mit anderen eine neue Gruppe aufzubauen. Gleichzeitig verhandelte er mit Edo Fimmen über den Übertritt der ISH-Mitglieder. Fimmen verlangte aber neben der Anerkennung der ITF-Richtlinien, wie zum Beispiel dem Verzicht auf Parteiarbeit in der ITF, auch eine Ehrenerklärung der neuen Mitglieder für Hermann Knüfken. Dies lehnten Kratzat und seine Mitstreiter unter Hinweis auf Knüfkens Parteiausschluss ab. Nach der Auflösung der ISH versuchten sie noch eine Zeit lang, ihre Arbeit unabhängig weiterzuführen und nannten sich wegen ihrem Festhalten an der alten KPD-Linie die „100%-igen“.
Im Spanischen Bürgerkrieg
Von 1937 bis nach Kriegsende 1939 hatte Johannes Gerhard Kratzat in Spanien im Bürgerkrieg leitende Funktionen in der nachrichtendienstlichen Tätigkeit der Gruppe "Seeschiffahrt" der KPD inne, unter anderem unternahm er bei der Rückführung der Angehörigen des englisch-sprachigen Lincoln-Bataillons wesentliche Tätigkeiten.
Frankreich: Politiker und Agent ?
Nach der Rückkehr war er wie die meisten Brigadisten in St. Cyprien oder Argélès und Gurs interniert.
Die
Jahre 1939 bis 1944 in der Illegalität in Frankreich und
Belgien
liegen weitgehend im Dunkeln. Aus den Akten lässt sich lesen,
dass
Gerhard Kratzat am 11.1.1940 in Antwerpen und am 10.3.1944 in Paris
verhaftet wurde.
In
der Urteilsbegründung des Feldgerichtes ist diese Zeit so
dargestellt:
„Nachdem er in Antwerpen desertiert war und sich dort einige Zeit aufgehalten hatte, ging er nach Frankreich, wo er bei Kriegsausbruch interniert wurde. Dann liess er sich vom 2. Büro anwerben und erhielt den Auftrag, in Hamburg Spionage zu betreiben. Es wurden ihm auch einige Tausend Frs. Zu diesem Zweck ausgehändigt. Er fuhr aber nur bis Antwerpen, wo er wegen Besitzes eines falschen Passes verhaftet und im April 1940 angeblich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Im Mai 1940 wurde er mit anderen Häftlingen in das Lager nach St. Ciprien gebracht, aus dem er im August 1940 entlassen wurde. Da er aber nicht nach Deutschland zurück wollte, wurde er nach dem Waffenstillstand mit Frankreich erneut festgenommen. Nachdem ihm 1941 bereits einmal die Flucht aus einem Lager gelungen war, konnte er im November 1942 wiederum entweichen und hielt sich seitdem bis Dezember 1943 in Toulouse auf.
Hier machte er im September 1943 die Bekanntschaft eines Bob D u r a n d , der eine führende Rolle in der Widerstandsbewegung MRPGD. (Mouvement de Resistance pour les Prisonniers de Guerre et Deportés) spielte. Dieser verschaffte ihm eine falsche Ausweiskarte auf den Namen René Pierre Vanhaeren, geb. am 10.9.1911 in Dünkirchen, und veranlasste ihn, der Widerstandsbewegung beizutreten, nachdem er ihn über deren Ziele unterrichtet hatte.
Der Angeklagte hatte die Aufgabe, Auskünfte über die französischen Kriegsgefangenen- und Arbeitslager in Deutschland einzuholen und die eingehenden Nachrichten aufgrund seiner Kenntnisse als Reichsdeutscher zu sichten und zu bearbeiten. Unter den französischen Kriegsgefangenen in Deutschland sollte durch eine charitative Tätigkeit eine Bewegung geschaffen werden, die sich de Gaulle anschliessen sollte. Für seine Tätigkeit sollte der Angeklagte monatlich 4.000 frs. Erhalten. Mit der Arbeit sollte er Mitte Dezember 1943 in Lyon beginnen. Er erhielt auch von Durand für seine Reisen 2.000 frs. Und begab sich, da in Lyon keine Arbeitsmöglichkeit bestand und die Zentrale der Widerstandsbewegung inzwischen nach Paris verlegt worden war, am 24.2.1944 nach Paris. Die Bewegung wurde, ehe der Angeklagte mit seiner Arbeit beginnen konnte, durch Festnahme führender Persönlichkeiten in Lyon zerschlagen und der Angeklagte am 10.3.1944 in Paris verhaftet.
Bei der Aushebung des
Büros der Organisation in Lyon wurden Kisten mit
deutschfeindlichen Flugblättern, eine Anweisung zur
Durchführung von Sabotage-Akten und fünf
Bleistiftzünder
gefunden.“
Kratzat selber stellte die Zeit
in Frankreich in seinem Abschiedsbrief und in einem Brief an seinen
Verteidiger so dar :
„Ich
habe während der letzten zwei Jahre als Bildhauer gearbeitet,
meine Skulpturen sind jedoch ein wenig zerstreut, und ich
weiß
nicht, ob man viel davon zusammenbringen kann... Ich habe meine
psychologischen Studien fortgesetzt und habe umfangreiche Arbeiten
zurückgelassen, die wahrscheinlich verloren gehen
werden.“
und „Ich habe während vier langer Kriegsjahre
versucht,
illegal in Frankreich zu leben. Ich habe mich verhaften lassen, ich bin
davongelaufen, wenn sich Gelegenheit bot, daß sind meine
Verbrechen.“
Sicherlich war ihm bewusst, dass seine Post kontrolliert wurde, um möglicherweise Belastendes gegen ihn oder andere zu finden.
Für
seine Zusammenarbeit mit den
französischen und/oder englischen Geheimdiensten spricht aber,
dass die Gestapo ihn bereits 1940 als Kurier des englischen
Geheimdienstes suchte, ihm Verbindungen zu französischen
Offizieren nachsagte und in den Akten sechs verschiedene
Identitäten aufzählte: neben Gerhard Kratzat:
„Jan“, „Gerhard Matzat“,
„Heinz
Hinzmann“, „Erich Schmidt“.und
„Gerhard
Fallen“. Auch Kratzats Bemerkung: „Wenn ein
Engländer
mir "Oxford" oder "Eton" sagt, bin ich mißtrauisch wie bei
einer
Einladung zum Pferderennen“ in seinem Abschiedsbrief deutet
in
diese Richtung. Seine Berufsbezeichnungen als Dolmetscher und
Korrespondent könnten bedeuten, dass er für die
Résistance oder für den französischen
Geheimdienst
Flugblätter und Berichte übersetzte.
Die Frage seiner politischen Stellung in oder zur KPD und warum er seine wahre Identität preisgab lässt sich nicht beantworten.
Verurteilt zum Tode wegen „Feindbegünstigung“
Johannes
Gerhard Kratzat wurde vom Feldgericht des Hauptverbindungsstabes 590 in
Lyon am 30.6.1944 wegen
„Feindbegünstigung“ zum Tode
verurteilt und am 12.7.1944 hingerichtet.
In seinem zweiten
Abschiedsbrief kurz vor seiner Ermordung schrieb er an seine Familie in
Burg:
„Ihr
Lieben!
Es
ist soweit. Ich rauche eine letzte Zigarette und sende Euch meine
letzten herzlichen Grüße. Draußen scheint
warm die
Sonne, und ich habe den Eindruck, daß es gar nicht so schwer
sein
wird, hinauszutreten und ihre letzten Strahlen zusammen mit dem
tödlichen Blei zu empfangen.
Ich danke Euch noch
einmal für alles Gute, das Ihr mir erwiesen, für das
Leben,
das trotz aller Härten so golden, so sonnig war.
Ich
sterbe ruhig, ich habe stets im Einklang mit mir selber gelebt, nie
durch eine Lüge mir das Leben selbst erleichtert und zugleich
vergällt. Das ist wohl das beste, das man von dem Leben
erhoffen
kann.
Leider
kann ich diesem Brief nicht die Arbeiten,
denen ich diese letzten Jahre widmete, hinzufügen. Ich
hätte
Euch so gerne etwas hinterlassen, das Euch ein wenig mit Stolz
erfüllt
Was
auch immer kommen mag, mir ist um Eure
Zukunft, um Deutschlands Zukunft nicht bang. Ich hoffe, daß
in
den Brüdern und Schwestern alles fortleben wird, was uns lieb
und
teuer war.
Ein
letztes inniges Gedenken und einen letzten
Gruß an alle Freunde, die vielleicht nach dem Kriege um ein
Lebenszeichen bitten.
Euer G e r h a r d .“
Friedrich Wilhelm und Otto Albert Kratzat
Sein
Bruder Friedrich Wilhelm, an den dieser Brief adressiert war, wurde
nach der Hinrichtung trotz eines schweren Gehörschadens zum
Heer
einberufen und fiel am ersten Tage an der Front am 20.2.1945. Er war
Pastor und Anhänger der „Bekennenden
Kirche“.
Der jüngere Bruder Otto Albert war bereits am 10.9.1942 an der Ostfront gefallen.
Fünfzehn Jahre Kampf um Entschädigung : „Nicht ein roter Pfennig“
Nach dem Ende der Naziherrschaft stellten Friedrich und Elisabeth Kratzat verschiedene Entschädigungsanträge. Zunächst wurde Johannes Gerhard Kratzat vom Kreissonderhilfsausschuss des Kreises Süderdithmarschen 1949 als Opfer des Nationalsozialismus (OdN) anerkannt. Die Eltern erhielten einen Vorschuss auf die „OdN“-Rente in Höhe von 100 DM.
Das Land
Schleswig-Holstein erkannte die politische Verfolgung 1950
zunächst an, lehnte aber eine Rentenzahlung wegen der
fehlenden
Bedürftigkeit der Eltern 1950 ab. Die Familie musste den
Vorschuss
in Raten zurückzahlen. 1951 starb Friedrich Kratzat. Die noch
ausstehenden 75 DM Schulden wurden Elisabeth Kratzat gestundet.
Ein
neuer Antrag 1957 nach dem Bundesentschädigungsgesetz
löste
umfangreiche polizeiliche Ermittlungen in Burg aus, endete aber
schließlich im Jahre 1960 mit einer erneutem Ablehnung und
einem
Vergleichsangebot des Landesentschädigungsamtes. ihre Mutter
Elisabeth 1958 gestorben war, sollten die drei noch lebenden Kinder
(Martin Kratzat, Lydia Döring und Lisa Reshöft) 1.200
DM
erhalten, außerdem verzichtete das Land Schleswig-Holstein
auf
die noch ausstehende Rückzahlung von 75 DM aus dem gezahlten
Rentenvorschuss.
Ob
die Erben diese Angebot angenommen
haben, lässt sich aus den Akten nicht erfahren, wohl aber das
Resümee von Martin Kratzat kurz vor Abschluss des Verfahrens:
„Die Anträge habe ich vor annähernd 3 Jahren, als meine Mutter noch lebte, gestellt, um für meine Mutter Entschädigungsansprüche zu stellen. Bedauerlicherweise ist meine Mutter nicht mehr in den Genuß von Leistungen gekommen. Das ist so bedauerlich, wie nur irgendetwas sein kann. Noch zu Lebzeiten meines Vaters, der 1951 verstorben ist, war der erste Rentenantrag vom Gericht... als unbegründet zurückgewiesen worden und eine Vorschußleistung von insgesamt 100,-- DM, die ohne Anforderung geleistet wurde, mußte nachdem... zurückgezahlt werden. Dies hat meine Eltern so sehr verbittert, daß mein Vater noch vor der Tilgung des Vorschusses verstarb und meine Mutter nur widerwillig die Einwilligung zur erneuten Antragstellung gab. Den Glauben an die Erfüllung berechtigter Ansprüche für Nazigeschädigte durch unseren heutigen Staat haben meine Eltern restlos verloren. Ich kann ihnen das nicht verdenken. Mein Bruder wurde bereits vor 16 Jahren (1/2 Generation) erschossen. Mein Vater hat noch 7 Jahre danach und meine Mutter hat noch 14 Jahre danach gelebt und nicht ein roter Pfennig ist meinen Eltern zugekommen. Das ist selbst für mich, der ich als Diener des Staates tätig bin, zu hoch.
Ich habe mich längst damit abgefunden, daß man mir nicht alles glaubt, was ich aus den Jahren 1933 - 45 weiß und erlebt habe. Ich wußte bereits mit 9 Jahren, daß es in Deutschland KZ's gab. Es gibt aber mehr Leute in Deutschland zwischen 40 und 70 Jahren, die die Existenz der KZ's nicht wahr haben wollen, als welche die das zugeben. Wenn so ein Bearbeiter bei der Landesregierung sitzt und meine Anträge in die Hand bekommt, wird er vielleicht von mir noch eine Bescheinigung verlangen, daß mein Bruder in einem der KZ's unmenschlich behandelt wurde. Ich darf Ihnen wohl sagen, daß ich in einem Dienstzimmer bei der Landesregierung den damals zuständigen Bearbeiter beinahe geohrfeigt habe, nachdem er meinen Bruder einen "Landesveräter" genannt hat. Sie werden mir glauben, daß ich die Bearbeitung meiner Anträge bei der Landesregierung in "besten Händen" weiß.“
Weitere Informationen über Gerhard Kratzat: http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Kratzat

