Stolpersteine in Meldorf

Friedrich Jansen
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Beginn 2005
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Friedrich Jansen mit Frau Berta und Enkel ReimerHier lebte
 Friedrich Jansen
 Jg. 1883
Erschossen vom
NSDAP-Bürgermeister
Tot 15.05.1945

Verlegungsort: Südermarkt 2


Friedrich Jansen wurde am 5.9.1883 in Krempel geboren. Als gelernter Kellermeister kaufte er 1909 die Weinhandlung am Meldorfer Südermarkt 2 von Waldemar Oldenburg. Schnell wuchs der Kundenstamm über Dithmarschen hinaus und damit auch das Ansehen Jansens und seiner Familie. In Meldorf war Jansen ein angesehener Bürger und Kaufmann. Kommunal- oder parteipolitisch ist Friedrich Jansen in der Zeit der Weimarer Republik nicht in Erscheinung getreten.

Der Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung wählte ihn nach den Wahlen 1929 durch Zuruf in den Vorstand der Meldorfer Stadtsparkasse. Nach den Neuwahlen vom 12.3.1933 wurde Jansen nicht wieder gewählt, aber vom damaligen Bürgermeister Willy Schmedtje erneut in den Vorstand berufen. 1938 wurde der Ziegeleibesitzer Georg Herwig neues Mitglied im Vorstand. Er war Parteimitglied der NSDAP seit 1.3.1929 und Sturmhauptführer des NSKK. Sieben Tage später sah sich Jansen "leider gezwungen" zurückzutreten. Kurz danach wurde Jansen wegen angeblicher "fortgesetzter Steuerhinterziehung" vom Finanzamt Meldorf mit 15.000 RM bestraft.

1938 wurde als Nachfolger von Schmedtje Ferdinand Diekmann in das Amt des Bürgermeisters eingeführt. Der Buchdruckermeister Ferdinand Diekmann war Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP (Beitrittsdatum 11.6.1926). Seine völkische Karriere führte ihn von der DNVP 1919 über den Völkisch-sozialen-Block und den Stahlhelm zur NSDAP. Dabei ist es kein Zufall, daß Diekmann in Albersdorf lebte und dort als "besonderer Agitator" bekannt war.

Dies sollte ihm nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 nicht nur Partei-, sondern auch staatliche Ämter einbringen. Zugleich spielte er eine führende Rolle in der dithmarscher SA, in der er den Rang eines SA-Standartenführers erhielt. 1933 wurde er AmWeinhandlung von Friedrich Jansentsvorsteher der Kirchspielslandgemeinde Albersdorf, ab 1938 schließlich hauptamtlicher Bürgermeister von Meldorf und ab 1939 kommissarischer Kreisleiter der NSDAP.

Am 11. Mai 1945, drei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, die die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete, traf sich bei Friedrich Jansen eine Gruppe von Männern aus allen politischen Lagern, um zu beratschlagen, wie in Meldorf ein Neuanfang begonnen werden könnte. Sich selber sahen sie als die neue Meldorfer Stadtvertretung. Sie waren auch von der Sorge getrieben, daß die Nationalsozialisten den Briten noch bewaffneten Widerstand leisten könnten. Gerüchte über Wehrwolf-Einheiten und eilig bewaffnete HJ-Mitglieder hielten sich hartnäckig und entbehrten wohl nicht jeder Grundlage. Von den Versammelten wurde beschlossen, der britischen Militärverwaltung den Rechtsanwalt Dr. Nagel als neuen Bürgermeister vorzuschlagen. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt Friedrich Diekmann noch im Amt. So wurde ebenfalls beschlossen, eine Delegation in das Rathaus zu entsenden, um Diekmann aufzufordern, seinen Posten zur Verfügung zu stellen.

Friedrich Jansen erklärte sich bereit, zum Rathaus zu gehen und mit Diekmann zu reden, da sie miteinander bekannt waren und sich duzten. Er wurde von Friedrich Schröder, Max Nommensen und Ernst Reddig unterstützt. Die Delegation begab sich zum Rathaus, wo sie beim zweiten Versuch Diekmann im Garten hinter dem Rathaus vor dem Luftschutzkeller antrafen. Jansen begann die Verhandlungen, indem er in etwa sagte: "Hör mal Ferdinand, du weißt ja selber, wie die Sachlage ist und wir sind beauftragt, dich zu bitten, daß du deinen Bürgermeisterposten niederlegst."

Der Angesprochene dachte jedoch nicht daran, er zückte eine Pistole und streckte Jansen mit zwei bis drei Schüssen in den Bauch und in den Oberschenkel nieder. Die drei übrigen Mitglieder der Delegation ergriffen die Flucht und informierten die entsetzen Mitstreiter in Jansens Wohnung. Vom Hausmeister wurden die bewaffneten Beamten der Stadtwache, die ebenfalls im Rathaus untergebracht war, zu Hilfe gerufen.

Wachführer Heinrich Kammrath, altes SPD-Mitglied, griff sofort zu seinem Karabiner und rannte in den Garten. Dort fand er nicht nur den sterbenden Jansen vor, sondern auch den Bürgermeister, der sogleich das Feuer auf ihn eröffnete. Kammrath tötete daraufhin Diekmann mit einem Kopfschuß. Jansen starb 4 Tage später. In der Meldorfer Kirchenchronik steht, daß Bürgermeister Diekmann "sang- und klanglos wie ein Hund beerdigt wird", eine große Trauergemeinde gab dagegen dem letzten Opfer des Faschismus in Meldorf am 19. Mai die letzte Ehre. Hans Jansen führte die Weinhandlung Jansen bis 1978 weiter.

1955 ging bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe ein anonymes Schreiben ein, das mit "Mehrerer Einwohner Süderdithmarschens !" unterzeichnet war. Hierin stellen sie -nicht ungeschickt in Fragen verpackt- das Geschehen auf den Kopf. Nach ihrer Darstellung habe Diekmann in Notwehr geschossen und sei von Kammrath erschossen worden, obwohl dieser ihn nicht hätte töten müssen. Die Schreiber fordern, daß "einmal eine Untersuchung" eingeleitet werde.

Die "Ermittlungssache zum Nachteile Dieckmann" wird am 22.5.55 eröffnet. Zu einem Verfahren gegen Kammrath kam es allerdings nicht. Die Staatsanwaltschaft kam nach der Befragung diverser Zeugen eindeutig zu dem Schluß, daß Kammrath in Notwehr gehandelt hatte und legte damit den Vorgang zu den Akten.

Ein weiteres Nachspiel gab es nach der zweiten Veröffentlichung im Jahre 1985. In dem Sitzungssaal der Kirchspielslandgemeinde Albersdorf hängt ein Portät von Ferdinand Diekmann. Die Forderung von Gerhard Wiechmann aus Meldorf dieses Porträt, mit dem ein Mörder geehrt werde, abzuhängen, wurde von der Albersdorfer SPD unterstützt. Die Auseinandersetzung zog sich über Monate hin und wurde immer schärfer. Der Antrag der SPD wurde schließlich abgelehnt, da es sich bei den Bildern nach Mehrheitsmeinung nur um ein Dokumentation, nicht um eine Ehrung handele. Das Porträt von Diekmann hängt auch heute noch unkommentiert an seinem Platz.

Bereits 1983 und 1985 hatte sich Reimer Jansen an die Stadt gewandt mit der Bitte, eine Straße in Meldorf nach seinem Großvater Friedrich Jansen zu benennen. Bürgermeister Jacobsen zeigte sich interessiert, bei einer Neubenennung würde sein Vorschlag Berücksichtigung finden, wenn es in einem Neubaugebiet passende Straßennamen gäbe.

Reimer Jansen hakte 1992 nach und unterbreitete den Vorschlag, am Meldorfer Rathaus eine Gedenktafel anzubringen, die das Schicksal seines Großvaters dokumentiere. Bürgermeister Thiessen antwortete, daß der Hauptausschuss eine Tafel ablehne, aber die Straßenbenennung weiter in Erinnerung sei.

Nach einer neuerlichen Anfrage im Jahre 2005 stellt sich heraus, daß der Schriftwechsel von 1983-92 im Rathaus nicht mehr vorlag, Bürgermeister Rieger greift aber den Vorschlag auf und im Neubaugebiet Delfen II wird eine Straße den Namen Friedrich Jansens tragen.

Flyer zu den Stolpersteinen in Meldorf (PDF 121 kB)