« Zum Original bei Zeit.de
« Zur Übersicht

Sitemap   Mediadaten
Hilfe   Impressum
Kontakt   Zeit-Verlag
POLITIK
ZEIT.DE ABO-SHOP JOBTURBO


W H I S K E Y

The Stasi Way of Life

"Einen Spion in jeden Haushalt", fordert die Regierung Bush und liefert damit ein neues Indiz dafür, dass der Westen immer ostiger wird

Von Steven Geyer für ZEIT.de

Spitzel
 
© Steven Geyer
Washington

Alles gerät ins Wanken. Die Zurück zum WODKA zum ThemaRussen werden gottesfürchtig und die Amerikaner orthodox. Wo soll das enden? Ich ahne es: Ost und West treffen sich in der Mitte, einer neuen Mitte sozusagen. Dass Osteuropa immer westlicher wird, beklagt längst jeder zweite Pauschaltourist. Nun scheint mir jedoch, die USA werden dafür immer östlicher.

Als ich vor zwei Jahren einige amerikanische Freunde durch die "Wendeausstellung" im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum führte, waren sie noch stark beeindruckt. Vor allem von den Ecken mit Stasi-Ausrüstungen und -Tricks. Nun müssen sie nicht mehr neidisch sein: Erstens öffnete dieser Tage das "Spy Museum" in Washington die Tore, in dem sie nun auch zuhause ostdeutsche Spionage-Gerätschaften bestaunen können. (Warum eigentlich so viel ostdeutsche und so wenige vom CIA?) Und zweitens will die Bush-Regierung nun dafür sorgen, dass die USA endlich ihre eigene Stasi bekommt.

Das US-Justizministerium plant, ab August auch in Amerika Stasi-Strukturen aufzubauen. Ganz frank und frei wirbt Ashcrofts Truppe um Postboten, Klempner, Busfahrer oder Zugschaffner, die sich im "Terrorism Information and Prevention System" (TIPS) patriotisch einen Dollar dazuverdienen wollen - indem sie die Augen offen halten und "Verdächtiges melden". Fernziel ist, wenn man dem Investigativ-Journalisten Ritt Goldstein glauben kann, in Großstädten einen von 24 Amerikanern als "IM" anzuheuern. So ehrgeizig war die SED nicht: "Das TIPS-Programm wird einen höheren Prozentsatz von zivilen Informanten haben als die frühere ostdeutsche Geheimpolizei Stasi", schreibt Goldstein im Sydney Morning Herald.

So gesehen macht es sogar Sinn, dass im Washingtoner Spy-Museum so viele ostdeutsche Gerätschaften und so wenig CIA-Instrumente ausgestellt sind: Amerika ähnelt eben der späten DDR - selbst Museen sind Propaganda. Und es gibt Hunderte andere Indizien. Zum Beispiel Musik: Im Osten ließ man Kinder Arbeiterkampflieder singen. Die amerikanische Version liefern Countrystars wie Toby Keith, der ideologisch aufgeladen über den 11. September singt: "Es wird Euch noch Leid tun, dass Ihr Euch angelegt habt mit den Juh Ess Ey / denn wir werden Euch in den Arsch treten, that's the American Way."

Die ersten Ähnlichkeiten zwischen USA und DDR fielen mir auf, als ich am "Labour Day", dem Tag der Arbeit, erstmals eine komplett flaggengeschmückte US-Stadt sah: Es erinnerte fatal an das pflichtgemäße Hissen von Hammer und Zirkel im Ährenkranz am ostdeutschen 1. Mai.
Ähnlich steht es um die Weiter zum WODKA zum ThemaTechniküberlegenheit, die ich von Amerika erwartete: Nichts als eine Legende, die der Rest der Welt abgekauft hat. Tatsächlich liegen Fensterdichtungen, Gasherde, Toplader-Waschmaschinen mit den Einstellungen "heiß", "warm" und "kalt" sowie Toilettenspülungen mit Macken aus den frühen Fünfzigern noch weit unter DDR-Standard. Ebenso das Dienstleistungsgewerbe. Die "Cable Guys" West sind genauso schwer zu kriegen wie der "Fernsehfritze" Ost. Und mit Nachfragen und Beschwerden wird an den kostenlosen Telefonleitungen in USA genauso umgegangen wie mit denen im ostdeutschen "Kundenbuch". Es regieren, wie generell beim Einkaufsbummel, Schlampigkeit und Patzigkeit. Wie damals an der Wursttheke in Halle-Neustadt. Das geht nicht mehr lange gut.

Hier in Washington stehen an einigen Ecken Bronzestatuen, die der realsozialistischen Heile-Arbeiter-und-Bauern-Welt-Kunst detailgetreu nachgeahmt scheinen. Im Park neben der "Ellipse" vorm Weißen Haus zum Beispiel schreiten eine Art "Mutti und Vati"-Paar stolz Seit an Seit, und der junge Pfadfinder geht in Uniform voran. Er sieht verdammt wie ein Jungpionier aus, inklusive Halstuch.

Selbst Präsident Bush legt immer mehr Honecker-Marotten an den Tag. Etwa die beliebte Schwarz-Weiß-Rhetorik: Klassenfeind-Bruderland, Gut-Böse, Achse des Bösen, kapitalistische Konterrevolution. Oder dieser penetrante Verweis auf "das amerikanische Volk" in Bushs Reden: "Das amerikanische Volk weiß, dass wir schnell genug reagiert haben", "Das amerikanische Volk versteht, dass der Kampf gegen den Terror lange dauern wird", "Das amerikanische Volk will, das wir schnell handeln"... Immer öfter verwendet er dabei "ich" und "das amerikanische Volk" auch synonym. Dabbeljuh als Volkes wahre Stimme, der "alles zum Wohle des Volkes" tut, wie es schon im Osten so schön hieß.

Der endgültige Beweis für die Ostzonisierung Amerikas ist, dass die USA weiterhin ihre Großartigkeit und Überlegenheit feiern und dabei nicht bemerken, dass ihr Untergang längst im Gange ist - wir erinnern uns an den 40. Geburtstag der DDR. Die Leserbriefe in der aktuellen ZEIT und der Politologe Immanuel Wallerstein scheinen das Ende schon zu sehen. Bei ersteren heißt es nämlich, wir werden Amerika noch untergehen sehen, bei letzterem "Die Pax Americana ist vorbei" und "Der Adler ist bruchgelandet". Wallerstein, bekannteste amerikanische Stimme der akademischen Linken, schreibt den Untergang der USA schon seit Jahren herbei. Nun dient ihm der 11. September ebenso als Argument wie das unbedachte Säbelrasseln Richtung Irak: Alles Abstiegskämpfe, urteilt Wallerstein. Wie die Wasserwerfer auf den Demos in Dresden oder der Wechsel zu Egon Krenz.

Gruselig? Nein, keine Angst. Ich habe eine Kleinigkeit ausgelassen, die den großen Unterschied macht. Und deshalb mutieren die Staaten eben doch nicht zur Ostzone. Denn die Amerikaner HABEN Videorekorder, schnelle Autos und Westgeld. Das ist der grundlegende Unterschied: Sie sind zufrieden. That's the American Way.


WAS BISHER GESCHAH... ... in der russisch-amerikanischen Online-Kolumne "Wodka und Whiskey" können Sie hier nachlesen.

WODKA UND WHISKEY ist die russisch-amerikanische Online-Kolumne, in der sich die beiden deutschen Journalisten und Freunde Gerit Schulze (Moskau) und Steven Geyer (Washington) öffentlich die Stimmung in ihren Gastländern erklären. Einmal pro Woche beschreiben sie die politische Großwetterlage in den Staaten der Ex-Klassenfeinde mit Klatsch und Kuriositäten, Analyse und Anekdoten, Rausch und Völkerverständigung.

» DRUCKVERSION
» ARTIKEL VERSENDEN


22. Juli 2002 (c) ZEIT.DE


 


» DRUCKVERSION
» ARTIKEL VERSENDEN



SUCHE


This form is inoperational!

 






ZUM THEMA
ARTIKEL

»  DIE ZEIT 24/2002:
Rund wie die Welt
Von Steven Geyer

»  DIE ZEIT 28/2002:
Gott segne die Extrawurst
Von Steven Geyer

»  DIE ZEIT 26/2002:
Der antastbare Präsident
Von Steven Geyer

»  DIE ZEIT 23/2002:
Über allen Gipfeln ist Ruh
Von Gerit Schulze

»  DIE ZEIT 27/2002:
Verweigerer ins Straflager
Von Gerit Schulze

»  DIE ZEIT 25/2002:
Heißes Blut zum 1:0
Von Gerit Schulze

»  DIE ZEIT 29/2002:
Wettstreit um die Schäfchen
Von Gerit Schulze, ZEIT.de




 

 


1.Wort markieren
2.Button anklicken
3.Erklärung erscheint!



ZEIT.DE  | POLITIKDOSSIERWIRTSCHAFT  | WISSEN  | FEUILLETON  |
LITERATUR  | LEBEN  | REISEN  | CHANCEN  | MEDIA  | E-VOTE  | KULTURKALENDER |
STELLENMARKT  | ABO-SHOP  | ZEIT-SHOP  | ZEIT-VERLAG   | PARTNERSUCHE |
IMPRESSUMMEDIADATEN  | DIENSTE  | KONTAKT  | HILFE  |


>»  DIE ZEIT 25/2002:
Heißes Blut zum 1:0
Von Gerit Schulze

»  DIE ZEIT 29/2002:
Wettstreit um die Schäfchen
Von Gerit Schulze, ZEIT.de