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Pressebericht

 

Samstag, 22. Mai 1999, Nr. 117 · REISE Frankfurter Rundschau · Seite 3

 

Sommin, Koslitz Sommin, Koslitz Sommin, Koslitz Sommin, Koslitz Sommin, Koslitz Sommin, Koslitz
Zum Brummbaß die Teufelsgeige
Wenig Luxus und viel Natur in der Kaschubischen Schweiz

 

Von Edith Heller

Das Frühlingserwachen am Großen Somminer See beginnt spät. Noch plätschern die Wellen, von keinem Boot gestört, ans sandige Ufer, aber die Bauern von Sommin überprüfen schon die Ruderboote für die Touristen und reparieren die vom harten kaschubischen Winter stark mitgenommenen Bootsstege. Der Sommer soll heiß werden in diesem Jahr, prophezeit Schultheiß Tadeusz von Cyssewski - und somit können die Einwohner des kleinen, an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze gelegenen Dorfes schon bald wieder mit den ersten Sommerfrischlern rechnen.
Was zieht die Menschen eigentlich in jene hügel- und seenreiche Moränenlandschaft in Ostpommern, die sich 200 Kilometer südlich und westlich von Danzig erstreckt und seit Beginn des Jahrhunderts den Beinamen der "Kaschubischen Schweiz" trägt? Tadeusz von Cyssewski zählt die Attraktionen von Sominy auf: Es gibt ein Holzkirchlein aus dem 18. Jahrhundert, einen denkmalgeschützen Bauernhof, die ehemalige Schäferei und das Gestüt "Kaszubski Bor", das Ferien im Sattel anbietet. Die Zimmer, die der Schultheiß im Rahmen des von der Regierung geförderten Agrotourismus-Programms anbietet, kosten nur umgerechnet zehn Mark pro Tag, und der Aufenthalt lohnt sich wirklich, denn man kann täglich bis zu 40 Kilogramm Plötzen, Barsche, Brassen und Schleien aus dem See angeln - und manchmal sogar Renken oder Maränen.
So idyllisch das klingen mag: Wer Kaschubien entdecken will, sollte sein Urlaubsquartier mit Bedacht wählen. Das Danziger Hinterland ist nach wie vor armes Bauernland und touristisch wenig erschlossen. Ein großes Plus für alle, die Naturnähe suchen und dafür auch einfache Bedingungen in Kauf nehmen....
.... Sehenswert ist die Halbinsel Hel/ Hela, und dort vor allem das von einer aktiven Stadtverwaltung systematisch verschönerte Fischerdorf Jurata/ Heisternest. Schön, aber nicht ganz billig: das bereits im kaschubischen Hinterland gelegene Schloß Krockow in Krokowa, der u.a. mit Mitteln der Stiftung Deutsch-polnische Aussöhnung restaurierte Stammsitz eines der wichtigsten pommerellischen Adelsgeschlechter.
Zu entdecken gilt es eine einstmals eigene ethnographische Region, die von der Ostsee bis zur Bory Tucholskie/Tucheler Heide nördlich von Bydgoszcz/Bromberg reicht. Die Bezeichnung des Territoriums stammt aus dem 13. Jahrhundert und geht auf den westslawischen Volksstamm der Kaschuben zurück. Bis 1929 gehörte der größte Teil Kaschubiens zu Polen, außer der Umgebung von Slupsk/Stolp, Bytow/Bütow und Czluchow/ Schlochau, die Deutschland zugeteilt war. Nach dem Krieg fiel das gesamte Gebiet infolge der Grenzverschiebung an Polen.
Schon immer waren die Kaschuben den Deutschen zu wenig deutsch und den Polen zu wenig polnisch. "Und wenn man Kaschub is, das reicht weder de Deitschen noch de Pollacken", sagte schon Anna Koljaiczek, die kaschubische Großmutter von Gunter Grass' Romanfigur Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel". Der kaschubische Dialekt ist heute vom Aussterben bedroht, weil die Jungen ihn zwar noch verstehen, aber nicht mehr selbst verwenden.
Dank des Fremdenverkehrs werden andere kaschubische Traditionen jedoch weiter gepflegt. So kann man auf dem alljährlich im Juli stattfindenden kaschubischen Jahrmarkt in Kartuzy/ Karthaus noch alte Volksinstrumente wie die Teufelsgeige und den Brummbaß hören, die anderswo völlig unbekannt sind. Auch das kaschubische Museum in Karthaus, das westkaschubische Museum in Bütow sowie die Freilichtmuseen in Kluki/Klucken und Wdzydze/ Sanddorf ermöglichen eine Begegnung mit der kaschubischen Kultur.
Die meisten Touristen lockt jedoch zweifellos die Natur: mehr als 700 saubere Seen und sanfte Hügel, die ideal sind zum Wandern und Radfahren. Vielleicht ist doch etwas dran an der Überzeugung der Einheimischen, wonach der Herrgott ihre Heimat bei der Weltschöpfung vergessen hatte. Als er sich an die Kaschubei erinnerte, schämte er sich und gab ihr das Beste von dem, was ihm an anderen Orten übriggeblieben war: Das blaueste Wasser, den goldensten Sand, die grünsten Wälder und die rundesten Kieselsteine. Und so wurde Kaschubien zu einem der schönsten Winkel der Welt.

 

© Frankfurter Rundschau

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