1. Wie!

 

Das Analyseverfahren, welches dieser Arbeit zu Grunde liegt, basiert auf einer bestimmten, bewußt eingenommen Position sowohl im Bereich der AS Forschung als auch innerhalb des Feldes der intertextuellen Literaturtheorie.

1.1 Die Forschungslage zu AS/AmG

 

In der Sekundärliteratur zu AS im allgemeinen und seinem letzten vollendeten Werk AmG im speziellen hat sich in den letzten Jahren eine Art Schisma vollzogen. Auf der einen Seite steht die traditionelle Vorgehensweise, der ‚Dechiffrierung und Sanktionierung‘. Auf der anderen Seite versucht eine Reihe vor allem neuerer Arbeiten über verstärkte methodologische Hinterfragung, insbesondere der innerhalb der ersten Gruppe vorherrschenden Ansätze, einen Standpunkt zu etablieren, der unter dem  Begriff der ‚Theoretischen Distanzierung‘ zusammengefaßt werden kann.

     Kernpunkt dieser Absetzbewegung der zweiten Gruppe ist der Vorwurf an die klassische AS Philologie, zwar fruchtbares und notwendiges Material zu dessen Werken ans Licht zu bringen, sich aber, indem sie nicht darüber hinausgeht, in einer bloßen Rekonstruktion des Zettelkastens, mit denen der Autor seine späteren Werke jeweils vorbereitete, zu determinieren. Als ebenso eingeschränkt wird die Strategie bewertet, aus den untersuchten Werken Interpretationsvorschläge zu entnehmen, um sie ‚rekursiv‘ auf diese selbst wieder anzuwenden. Die Absicherung solcherart Auslegung durch die Sanktionierung des Autors mache den Interpreten in Wahrheit zum unselbständigen Teil der ‚selbstexplikativen Textstrategie‘[1] von AS. Auf der anderen Seite bestehe bei einer vom Autor, von dessen Biographie und Werkinhalten distanzierten, also eher theoretisch-abstrakt fundierten Herangehensweise das Risiko, der Beliebigkeit anheim zu fallen[2].

     Damit sind die Endpunkte einer Skala definiert, an der auch ein intertextueller Zugang gemessen werden muß: Inwieweit soll bei einer Untersuchung der Bezüge von AmG zu anderen Texten, der Inhalt des Werkes selbst (bzw. der der Bezugstexte bzw. der anderer Werke von AS) einbezogen werden? Wann führt der Grad der Distanz zu solchen textnahen Kategorien zum Eindruck: auf diese Weise ist praktisch alles anschlußfähig?

     Vertieft wird diese Problematik der Positionsbestimmung durch die Diskussion innerhalb der intertextuellen Theorie selbst, insbesondere aber durch die ihr zu Grunde liegende radikal andere Sicht auf Schlüsselbegriffe der Literaturwissenschaft wie Autor, Leser, Sinn und Text.

1.2 Die intertextuelle Theorie

 

Im Bereich der Intertextualität hat sich unter dem Gesichtspunkt eines konkret literaturwissenschaftlich anwendbaren Verfahrens der Ansatz von Renate Lachmann als der vorläufig avancierteste herauskristallisiert[3]. Sie setzt auf die Untersuchung intertextueller Strukturen hinsichtlich ihrer Funktion für die Sinnkonstitution. Dabei geht es nicht mehr um den interpretatorischen Wettstreit, ein bestimmtes Sinnmodell einem Werk überzustülpen, sondern vielmehr um den Versuch zu verstehen, wie Sinn und Sinnvielfalt in der Literatur überhaupt zustande kommen. Dem Leser wird dadurch gleichzeitig die Möglichkeit zu einem nicht durch eine bestimmte interpretatorische Ideologie verstellten Blick auf wesentliche Konstruktionsprinzipien des Textes (und damit jedes Textes) geboten, die er als elementar neues Leseerlebnis erfährt.

     Die funktionelle Relativierung von Sinn findet auf dem Gebiet der theoretischen Implikationen des Intertextualitätskonzepts ihre Voraus- und Fortsetzung vor allem in einem radikalen Neuverständnis der Begriffe Text und Subjekt. Im landläufigen Sinne versteht man unter einem Text eine in sich geschlossene und autonome Einheit von (schriftlicher) Sprache. In Anlehnung an die Semiotik oder Zeichentheorie erweitert der Intertextualist die Sprache zum Zeichenensemble, wobei ein Zeichen einen beliebigen Träger von Bedeutung darstellt. Text wird dann zu einer Ansammlung von Zeichen eines symbolischen Systems, sei es z.B. der Malerei oder des Films. Diese Sicht radikalisiert sich bis zu der Erkenntnis, daß praktisch die ganze Wirklichkeit aus symbolischen Systemen besteht, also (Hyper)Text ist. Unter diese Vertextlichung der Welt[4] fällt konsequenterweise als Teil derselben auch das Subjekt. Das Ich wird ebenfalls zum Text. Damit löst sich die Vorstellung, daß ein Subjekt sich der Sprache im Text bedient und damit einen bestimmten Sinn an ein anderes Subjekt vermittelt, gänzlich auf. In einem Universum der Texte sind es die Texte selbst, die kommunizieren und sich durch diesen Bezug auf andere Texte überhaupt erst voneinander abgrenzen. So wie das einzelne Zeichen seine Bedeutung auch nur in Differenz zu anderen Zeichen erlangen kann und niemals isoliert für sich. Das Subjekt wiederum erhält seine Identität erst durch Textbezug. Der Leser konstituiert sich und ‚seinen‘ Textsinn über die Aktivierung und Beschaffenheit der Verbindungen zwischen dem gelesenen Text zu anderen bzw. dem großen Hypertext, oder mit dem entscheidenden Begriff gefaßt: über Intertextualität[5].

     Sinn wird relativ, weil in einem riesigen Netz von Text-Textverweisen eine absolute Bezugsgröße für Wahrheit fehlt. Damit werden aber die eigentlichen Sinnangebote nicht überflüssig, sondern vielmehr notwendige Teile eines im Prinzip unendlichen Prozesses der Sinnfindung.

1.3 Der intertextuelle Ansatz und die Probleme der AS Forschung

 

Wie stellt sich nun, als erster Schritt der Konkretisierung dieses komplexen Hintergrundes für die Untersuchung von AmG, der zuvor eröffnete Diskurs zur Methodologie der AS Forschung dar?

     Aufgrund der fundamentalen Relativierung der Bedeutung des Subjekts bzw. Textsinns steht eine intertextuelle Position abseits jeglicher Unternehmungen, die die Sanktionierung durch den Autor bzw. den Text selbst für sich in Anspruch nehmen. Textstellen, die auf den Text verweisen, aus dem sie stammen, gehören gleichwohl als Spezialfall zum intertextuellen Gegenstandsbereich, und werden gleichberechtigt zu verschiedenen anderen gemäß ihrer Funktionen für die Sinnstruktur behandelt. Im Grunde verweisen die Arbeiten, die solche internen Interpretationshinweise ausarbeiten, indirekt genau auf die/eine Funktion der Textstelle, der sie so unreflektiert folgen. Darüber hinaus gibt es bei AS Textstellen, die über intertextuelle[6] Aspekte selbst reflektieren und dadurch eine Anwendung auf eben diese im Werk nahe legen. Aber auch sie können höchstens Vorschläge für Funktionsbestimmungen entsprechender intertextueller Bezüge enthalten, die einer kritischen Überprüfung standhalten müssen. Der damit verbundenen Frage, inwieweit ASs Poetik bzw. die seiner Werke unbewußt oder bewußt eine Affinität zu intertextuellen Positionen aufweist, darf ebenfalls nur relativ geringes Gewicht beigemessen werden[7]. Für die Fundierung, Reflexion und Anwendung einer funktionsorientierten Betrachtung von Bezügen zwischen Texten spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob diese bewußt oder unbewußt oder überhaupt nach einer bestimmten Theorie (inclusive der der Intertextualität selbst) gestaltet sind. Selbst wenn eine solche theoretische Sanktionierung durch den Autor möglich wäre, widerspräche ihre Anerkennung und Inanspruchnahme den Grundfesten der intertextuellen Herangehensweise, würde also dieses Unterfangen von vornherein ad absurdum führen.

     Eine große Gruppe der Sekundärliteratur über AS erläutert im Stile des klassischen Kommentars Einzelstellen und listet dabei auch viele Einzelbezüge zu anderen Texten auf[8]. Letztere finden sich ebenfalls häufig in Arbeiten des Typs: AS und X (X bei AS, etc.), wobei X für ein bestimmtes Werk oder ein bestimmten Autor steht, mit einer Antwort auf folgende Fragen als Ziel: Wie hätte AS über X letztendlich geurteilt, und: Welchen Einfluß übte X auf AS (respektive seine Poetik) aus?[9] Da es sich bei ’X‘ meistens um solche Werke handelt, zu denen sich AS explizit in seinem Werk (vor allem auch in den Essays und Dialogen) geäußert hat, erschöpfen sich diese Veröffentlichungen sehr häufig darin, schon angelegte Wege bloß noch breitzutreten[10]. In diesem Punkt muß eine intertextuelle Sichtweise dem kritischen Teil der AS Forschung beipflichten, braucht aber die Begrenztheit in der Fixierung auf den Autor (bzw. seine Texte) nicht nur zu konstatieren, sondern bietet mit dem hier ausgearbeiteten Ansatz eine weiterführende Perspektive, die die ermittelten Bezugsstellen im Rahmen einer funktionellen Analyse verschiedener Arten von Sinnkonstitution tiefergehend nutzbar macht.

     So sehr Intertextualität auf der einen Seite eine Basis für Distanz zum Autor AS und seinen rekursiven Textstrategien liefern kann, so ernst sollte auf der anderen Seite die Gefahr der Beliebigkeit untersucht werden, die sich unter Umständen ebenso aus dieser Basis speist. Dafür muß in einem ersten Schritt diese Warnung der kritischen AS Forschung intertextuell reflektiert werden, um dann in einem zweiten Schritt dergleichen Tendenzen innerhalb des intertextuellen Gebäudes selbst, insbesondere im Hinblick auf die konkrete Anwendung, nachgehen zu können.

     Für einen Intertextualisten fächert sich die Bedeutung eines Textes in ein im Prinzip unendliches Netz von Verweisen zu anderen Texten auf. Dabei ist jedoch nicht eine Struktur in Form einer Pyramide, mit dem zu deutenden Text an der Spitze und eben unendlicher Basis, gemeint, sondern vielmehr ein nicht ausgerichtetes Meganetz aus Textsynapsen, die jede für sich wieder ins uferlose verzweigt. Ähnlich wie bei der mathematischen Struktur der Mandelbrotbäume bringt eine stufenweise Ausschnittvergrößerung nur immer wieder die selbe netzartige Struktur zum Vorschein. Der eine Sinn eines Textes existiert also nicht, Sinn ist immer nur in einer Art Zwischen- und Teilzustand vorhanden. Demnach ist Beliebigkeit oder, neutraler ausgedrückt, Offenheit substantieller Bestandteil jedes Textes als Text.

     Da es sich bei literaturwissenschaftlichen Arbeiten per se um Texte handelt, wohnt ihnen ebenfalls dieses intertextuelle Maß an Offenheit inne. Und zwar allen gleichermaßen, so daß es auch aus dieser Sicht ein Trugschluß ist, etwaigen vom Autor präferierten Textbezügen einen geringen Grad an Beliebigkeit zu zusprechen als anderen. Überhaupt liefert die Gesamtheit der Sekundärliteratur ein der intertextuellen Diagnose entsprechendes Bild. Dort findet sich eine ganze Palette möglicher Interpretationen, deren Widersprüchlichkeit und Aneinanderreihbarkeit aber mitnichten auf einen einheitlichen Sinn von AmG hindeuten, sondern vielmehr einen Eindruck von Offenheit bis hin zur Wahllosigkeit vermitteln. Offensichtlich variieren in jedem dieser Fälle die symbolischen Systeme (inklusive der Textstellen in AmG selbst), die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Eine Reflexion über die zu Grunde gelegte Auswahl an Texten und die Mechanismen der Verknüpfung (aus intertextueller Sicht), sprich (aus allgemeinerer Sicht) eine geeignete Überprüfung des ausgeführten Ansatzes findet praktisch nie statt. Damit aus unerkannter Beliebigkeit oder Offenheit kalkulierte Relativität wird, bedarf es aber einer diesbezüglichen wie weitergehenden kritischen Selbstreflexion. Für die Methode angewandter Intertextualität beinhaltet das insbesondere die gezielte Anwendung intertextueller Theorie auf sich selbst. Nur so kann der adäquate Hintergrund für diejenigen Kriterien geschaffen werden, die schließlich die Auswahl und Analyse der konkreten Textbezüge bestimmen.

     In diesem Moment vollzieht sich nichts anderes als eine Inbezugsetzung der symbolischen Systeme Intertextualität und AS Forschungsliteratur[11] (vor dem Hintergrund der deutschen Sprache, der Regeln wissenschaftlicher Arbeiten etc.). Die zuvor eruierte Übereinstimmung des Panoramas der literaturwissenschaftlichen Texte zu AS und AmG mit den theoretischen Erwartungen des Intertextualisten relativiert sich daher in der ihr zugrunde liegenden Auswahl der Texte. Wähle ich eine andere Literaturtheorie, läßt sich daraus eine ebenfalls geänderte Sicht auf die Sekundärliteratur zu AS ableiten, ohne das die schlüssige Kongruenz zwischen beiden leiden muß. Intertextualität ist Teil dessen, was sie beschreibt. Sie führt nicht aus dem von ihm selbst postulierten Netz heraus, sondern relativiert sich darin und damit auch wiederum dieses selbst. Mit einem anderen theoretischen Paradigma ließe sich bei entsprechendem Grad an Selbstreferentialität und wechselseitiger Einbeziehung des jeweils anderen Systems, diese Relativität auch ohne Rückgriff auf immanente Begriffe direkt zeigen. Die Methode angewandter Intertextualität muß sich vor dieser Folie als ein Analyse-Werkzeug unter anderen begreifen, welches in einem durchaus beliebig strukturierbaren Textraum durch einen Akt der Setzung intertextueller Prämissen initialisiert wird.

1.3.1 Begriffsdefinitionen zu Intertextualität

 

Bevor auf der Ebene der konkreten Anwendung die Frage der Relativität und Beliebigkeit abschließend diskutiert werden kann, bedarf es einiger präzisierender Begriffsbestimmungen in dieser Richtung.

     Unter Intertextualität soll „jene neue textuelle Qualität [verstanden werden], die sich aus der durch das Referenzsignal garantierten implikativen Beziehung zwischen manifestem und Referenztext ergibt“[12]. In dieser Terminologie käme AmG die Rolle des manifesten Textes zu, der Bezug nimmt auf verschiedene Referenztexte. Die Referenzsignale ermöglichen es dem Leser einen Referenztext als solchen zu erkennen und seinen Inhalt als zusätzliche Bedeutungsebene des manifesten Textes zu aktivieren. Erhält ein Wort dadurch eine oder mehrere weitere Bedeutungen spricht man von Doppel- oder Mehrfachkodierung[13].

     Kontamination und Anagramm bilden zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Beziehung zwischen manifestem Text und Referenztext[14].

     „Die  K o n t a m i n a t i o n  erscheint als Ergebnis der Selektion von Einzelelementen aus verschiedenen Referenztexten (oder von Textstrategien, die verschiedenen Poetiken zugehören) und deren Kombination ... im manifesten Text.“[15]

     „Das  A n a g r a m m  hingegen besteht aus über den manifesten Text verteilten Elementen, die, zusammengesetzt, die aus der Zerstückelung zurückgeholte, kohärente Struktur eines fremden Textes erkennen lassen ...“[16].

     Eine genauere Untersuchung der mehrfachkodierten Elemente soll dann zu den einzelnen Modalitäten führen, in denen sich ihre zusätzlichen Sinndimensionen im manifesten Text entfalten.

     Die prinzipielle Unabschließbarkeit von Sinn spielt nun an zwei Stellen in die sich abzeichnende Methode der angewandten Intertextualität hinein. Zum einen in der Beschneidung der unendlichen Menge an möglichen Referenztexten über das Kriterium des Referenzsignals. Andererseits bei der Angabe einzelner Sinnschichten der mehrfachkodierten Elemente.

     Auf den ersten Blick könnte das Referenzsignal vor dem Hintergrund der gewohnten Kommunikationstheorie als bewußt gegebenes Signal des Autors an den Interpreten/Leser gedeutet werden. Zwar fallen sicherlich viele so vom Autor intendierte Hinweise auf Referenztexte in jede Liste von Referenzsignalen, aber prinzipiell ist für die Signifikanz eines Referenzsignals ausschließlich sein Funktionieren, also der eindeutige Aufruf eines anderen Textes, ausschlaggebend. Schwierigkeiten beim genauen Verständnis dieses Sachverhaltes auf der Basis der diskutierten intertextuellen Theorie bereitet dazu die Tatsache, daß es offensichtlich wieder ein Subjekt, nämlich der Rezipient, ist, der diese Verifizierung der Referenzsignale ausführt[17]. Darin spiegelt sich aber nichts anderes wieder als die grundsätzliche Konstellation, daß der Hypertext unabhängig vom Subjekt existiert (wie etwa in der herkömmlichen Sicht die Sprache), aber natürlich jedes Subjekt bewußt und unbewußt Teil des Hypertextes ist, ihn ständig mitkonstituiert (die Sprache verwendet, beeinflußt). Und weiter ein literaturwissenschaftlich orientiertes Subjekt einen bewußt nachvollziehbaren Zugang dazu wählt. Das Referenzsignal dient der pragmatischen Auswahl bestimmter Text-Textbeziehungen aus der unendlichen Vernetzung aller Texte auf der Plattform der intertextuellen Prämissen. Es ist sich daher ausdrücklich bewußt, die Grenze des fließenden Übergangs zur Beliebigkeit zu markieren, und wird gerade auf Grund dieses Wissens um die Relativität seiner Auswahl eher auf deren Strenge und Nachvollziehbarkeit achten.

1.4 Die Methode der angewandten Intertextualität und AmG

 

Nach der Aktivierung eines bestimmten Referenztextes durch die Identifizierung des Referenzsignals treten in den weiteren vorhandenen Bezugsstellen bestimmte seiner Sinnschichten in einen funktionalen Zusammenhang mit solchen des manifesten Textes. Jede Formulierung einer Sinnschicht impliziert die erörterte Relativität von Sinn, weshalb folglich auch die darauf aufbauende Funktionsbestimmung ein gewissen Grad an Unsicherheit aufweist. Sinn wird relativiert, aber nicht negiert. Negiert wird lediglich die Festlegung literaturwissenschaftlichen Arbeitens auf die Suche nach dem wahren Sinn eine Textes. Sinn, durch die Einsicht in seine Unschärfe schärfer charakterisiert, wird wesentlicher Bestandteil einer Einheit mit der Frage nach seinem Funktionieren, einer Verbindung von ‚Was?‘ und ‚Wie?‘[18] Relativität ist nur dann negativ besetzt, wenn das Ziel eindeutige Wahrheit ist. Intertextualität stellt aber auch Wahrheit selbst als unendlichen Prozeß dar, dessen zentrale Eigenschaften seine Unabschließbarkeit und Offenheit sind. Es ist demnach nur konsistent, wenn konkrete Aussagen, wie sie Funktionsanalyse von Sinnkonstitution macht, diese Eigenschaften ihrer Grundfeste geradezu exemplarisch widerspiegeln. Und auch hier gilt: Gerade die Einsicht in die Offenheit ist Maßgabe für eine Konzentration auf wesentliche und eben exemplarische intertextuelle Strukturierungsprinzipien von AmG und jedes Textes.

     In jedem Fall ist die Methode angewandter Intertextualität in ihrer Anwendung auf AmG Teil des offenen Prozesses der fortlaufenden Vernetzung und Weiterentwicklung des intertextuellen Komplexes selbst, so daß während ihre Anwendung immer die Möglichkeit bestehen sollte, sich gegebenenfalls aus dieser Distanz heraus und in diesem Sinne kritisch mit dem selbst Durchgeführten auseinanderzusetzen.

     Konkret verteilt sich die Analyse angewandte Intertextualität in AmG im Rahmen dieser Arbeit auf zwei Hauptbereiche. Am Beginn steht die Masse der bloßen Erwähnungen anderer Texte, die jede für sich nur sehr punktuelle und oberflächliche Wirkung zu haben scheinen, aber in größeren Gruppen und ihrer Gesamtheit unter Umständen tiefere Sinnfunktionen übernehmen. Im übrigen ist dieser massive Einsatz von expliziten Kurzaufrufen per Namens und/oder Werknennung ein, soweit mir bekannt, singuläres Phänomen in der Literatur überhaupt. Dem gegenüber steht der weitverzweigte Bezug zu Hieronymus Boschs Triptychon ‚Das Tausendjährige Reich‘, der ein Anagramm-Beispiel darstellt.

 



[1] Vgl. Voigt 1995, S. 266.

[2] Vgl. Weninger 1992, S. 43.

[3] Vgl. GuL, v. a. Kap. 2, S. 51ff. Lachmann stellt sich in die Tradition von Julia Kristeva, die wiederum in Weiterführung der Ideen von Michel Bachtin und Jacques Lacan, als erste den Begriff der Intertextualität als solchen einführte.

[4] Vgl. Pfister 1994, S. 216.

[5] Bei Kristeva 1972, S . 348: „An die Stelle des Begriffs Intersubjektiviät tritt die Begriff der Intertextualität.“

[6] Es sei hier der Genauigkeit halber darauf hingewiesen, daß AS an keiner Stelle diesen Begriff verwendet, sondern statt dessen eher konkrete Beispiele von Bezügen gibt oder von ‚Plagiat‘ (AS 1990, S. 338) bzw. ‚Beeinflussungen‘ (AS 1995, S. 375) redet. Wie aus den gemachten Überlegungen hervorgehen sollte, hat das für diese selbst nur marginale Bedeutung. 

[7] Die Figur: AS kommt aus seiner eigenständigen (vom Poststruktualismus weit entfernten) poetischen Position zu Ergebnissen, die frappierend eben denen einer poststrukturalistischen Poetik gleichen, gibt es vielleicht doch theoretische Verbindungspunkte (die dann ASs Poetik wiederum besser verstehen helfen sollen)?, wird z. B. von Wintersberger 1989 ausgearbeitet.

[8] So Este, HBP und Joyce bei AS.

[9] Beispiele: ‚AS und Marcel Proust‘ (= Eideneier 1997), Marcel Proust bei AS ( Finke 1976), ‚AS und Caroll‘ (Flemming 1979), ‚AS und Ludwig Tieck‘ (Körber 1998b), ‚Amelungenlied bei AS‘ (Krömmelbein 1984), ‚ASs Freud Rezeption‘ (Kyora 1992), ‚Lasswitz ‚Zwei Planeten‘ bei AS‘(= Schweikert 1977) und ‚AS und James Joyce‘ (Drews 1991).

[10] Bewußt gegen diese Tendenz geschrieben worden zu sein scheint Gradmanns Untersuchung der Beziehung von AS zu James Joyce. Hier wird erstens eine unabhängige zeichentheoretische Sicht auf den Mythos als Vergleichsgrundlage gewählt, um zweitens gegen den Strich der AS Glorifizierung seine Auseinandersetzung mit Joyce kritisch zu beleuchten. Prompt erscheint diese dann als im Grunde von der Unfähigkeit ASs geprägt, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen, und so über ein kategorisches Mißverstehen der Mythosverwendung (und darüber hinaus der Sprachauffassung insgesamt) bei Joyce als ununterbrochenes Zwingen unter die eigenen Auffassungen. Triebkraft dieses Ringens sei der Versuch gewesen, den übergroßen Konkurrenten bejahend überholen zu können. Einen ähnlichen psychischen Impetus sieht auch Menke (im Gefolge von Harold Blooms ‚The Anxiety of Influence‘) bei ASs wechselhafter Goethewertschätzung am Werk.. Trotz dieser positiven Ansätze muß allerdings klargestellt werden, daß auch hier der Autor und seine Poetik, wenn auch im kritischen Sinne, das Maß aller Dinge bleibt.

[11] Explizites Zeichen dieses Vorgangs sind nicht zuletzt die in den Fußnoten (respektive dem Literaturverzeichnis) offengelegten Quellen der direkten und indirekten Zitate.

[12] GuL 60.

[13] Hier zeigt sich in den Begriffen selbst die Nähe zu Freuds ‚Überdeterminierung‘ und ‚latentem‘ bzw. ‚manifestem‘ Trauminhalt.

[14] Sie sind darüber hinaus der vorläufige Endpunkt einer historischen Begriffspaarkette, die in der Abfolge ihrer einzelnen Glieder die Quellen und Hauptwegbereiter des Intertextualitätskonzepts verdeutlicht, das hier zur Anwendung kommt (vgl. Suchsland 1992, 19ff):

F. Saussure (der ‚erste‘ Zeichentheoretiker): Syntagmatische Beziehung (= Lineare Kombination von Zeichen wie im Wort oder Satz)/Assoziative Beziehung (= inhaltliche oder lautliche Ähnlichkeit von Zeichen)

à R. Jakobsen (Linguist) leitet daraus grundlegende sprachliche Operationen ab: Koniguitätsverhältnis (=Kombination von Zeichen)/Similiaritätsverhältnis (=Selektion von Zeichen aus einem Code) und bringt sie mit den rhetorischen Grundbegriffen Metonymie/Metapher in Zusammenhang.

à J. Lacan deutet diese Sprachmechanismen als grundsätzliche symbolische Verfahrensweisen der Psyche, die an die Stelle der Bewegungen der Triebströme treten, und stellt ihnen entsprechend die Freudschen Mechanismen der Traumarbeit voran: Verschiebung und Begehren/Verdichtung und Symptom.

à “Für J. Kristeva ... sind Metonymie und Metapher gewissermaßen Übersetzungen von vorsymbolischen Phänomenen ins Symbolische, in denen Vorsymbolisches immer noch nachschwingt” (Suchsland 1992, 90). Damit laufen Metonymie und Metapher dem Bestreben des Symbolischen nach Konstituierung eines festen Bedeutungssystems fundamental zuwider.

à Lachmann nimmt Kristevas Standpunkt (ausgehend von einer anderen Basis im Gedächtniskonzept) auf, wenn sie Kontamination/Anagram zu den zentralen Begriffen der Beschäftigung mit den Ursachen von Sinndispersion und Sinnkomplexion  in der Literatur macht (vgl. GuL 7).

[15] GuL 61.

[16] GuL 61.

[17] Wie die ganze intertextuelle Theorie das Werk mehrerer Subjekte ist und gleichzeitig symbolisches System=Text. 

[18] Bei der immensen Verbreitung der ‚Was?‘ orientierten Arbeiten liegt die Betonung verständlicherweise auf dem Teil, der für die Alternative steht, dem Wie!‘.