Statt einer herkömmlichen Zusammenfassung soll hier exemplarisch noch mal das Funktionieren von Text-Textverbindungen hinsichtlich Sinnkonstitution direkt vor-geführt werden. Dabei erfolgt natürlich die Einbeziehung des ein oder anderen offenliegenden Ansatzpunktes der einzelnen Kapitel, aber - und das ist wesentlich - eben unter einem anderen Gesichtspunkt. Es geht nicht um das Vorlegen einer letztgültigen Gesamtdeutung, sondern um die nachdrückliche Verdeutlichung der Offenheit und Relativität von Sinn, indem gegen den Strich der schon ausgearbeiteten Sinntendenzen eine andere gestellt wird, und um die Tatsache, wie dies funktioniert.
Den Hintergrund oder, wenn man will, Referenztext bildet die intertextuelle Theorie selbst, speziell die Auflösung des Subjekts in Intertextualität. Allein diese Idee vermag äußerst produktiv auf dem durch die Methode der angewandten Intertexuelität beackerten Sinngefüge von AmG zu gedeíhen. Versuchen wir also, die intertextuellen Verbindungen in AmG mit Auflösungserscheinungen von A&O, der vor diesem Hintergrund als der verbliebene Kern einer schon in andere Figuren (vor allem Eugen, Olmers und Martin) aufgespaltenen Persönlichkeit erscheint, zu kompilieren. Das hohe Maß an expliziten Zitaten (von ihm selbst, aber auch von dem ihm intertextuell assoziierten Autor von AmG eingebracht) steht plötzlich für ein Abtreten der persönlichen Autorenschaft an andere Texte[1]. Aber auch das detailversessene Leben in einer Buchwelt zeigt, wie sehr er mit der Sphäre der Bücher verwoben ist, wie sehr er darin wie in einer Ersatzwelt lebt. Das Atmen in dieser Welt ist aber nichts anderes als fortwährende Intertextualität. Wer so radikal seine Identität mit Textkontakten konsti-tuiert, läuft Gefahr, sich darin zu verlieren wie im Labyrinth des Wahnsinns. Und offenbart sich nicht eine mythische Kreisstruktur dann in der Rückbesinnung auf die eigene Kindheit, als man noch vielmehr eins war mit der Welt? Und in dem dahinterstehenden, verborgenen Wunsch, diesen Zustand wieder erreichen zu wollen durch ein Aufgehen in der Textwelt? Und bekommen die Texte der Kindheit, die Märchen, nicht aus demselben Grund eine so tragende Bedeutung? Ein Wunder, wenn schließlich eine leibhaftige Märchenfigur den Weg in die Realität (oder ist es die Phantasie) der sich auflösenden Person findet.
Für was alles steht AE mit einem Mal! Ihr reichhaltiger intertextueller Hintergrund wartet geradezu auf neue Vernetzung. Sie, die Grenzgängerin zwischen Leben und Tod, Paradies und Alltagshölle, kann sie einem helfen, dem Tod, für A&O die Auflösung ins Nichts, zu entkommen ins Reich der ewigen Phantasie, der Textwelt? Ihr eigentliches Paradies ist doch Mshuna Kushta, der ewige Garten der reinen Sinnlichkeit, wie schön wäre es, sich dort mit ihr zu vereinen, also in der Kunstwelt. Wenn sie nicht wirklich herauskommen kann, muß man selbst halt in diese eingehen, die Insel Felsenburg durchschreiten, das Dichter-Elysium betreten. AE transformiert von der Botin aus den Idealsphären zu einer von dort kommenden Begleiterin, die vielleicht vermag, jemanden in diese mit zurückzunehmen.
Aber trotz aller intertextueller Anstrengungen gelingt es A&O nicht, vollends in die Glück verheißenden Welten wirklich vorzudringen. Das gibt dem Ganzen eine tragische, verzweifelte Note. Das Durchschauen dieses ewig sich wiederholenden Marionettenspiels ohne Happy End führt schließlich zu Notlösungen. Eine davon ist der Humor, der zu Galgenhumor wird, wenn die Zeit abläuft. Eine andere die sprachliche Heiligenverehrung der Göttin der Intertexualität. In dieser Resignation lauert auch wieder eine Gefahr, die des Fallenlassens in Beliebigkeit und Sinnlosigkeit. Und plötzlich reitet A&O wie Don Quijote den Sinnmühlen entgegen und erwehrt sich den Riesen, denen er sich nicht ergeben kann, um seiner Angebeten willen. Er, der desillusionierte Realist, der selbst der antiparadiesischen, alles beherrschenden Sexuali-tät der Rotte noch intertextuelle Genüsse abgewinnt. Das Einzige, was ihm bleibt, scheint tatsächlich die Möglichkeit zu sein, ein Buch zu schreiben wie AmG. Und die kurze Reise in die ersehnten Welten auf der Wolke mit AE. Nur dort findet er - vorübergehend - den vollkommen Einklang und Eingang in die vollständig amalgierte Welt der Texte[2].
Wie gesagt, handelt es sich bei dieser pointierten Konstitution von Sinn aus der Verbindung Ichauflösung und AmG um eine Vorführung, nicht um eine Festlegung.
In der Zukunft würde vor allem ein avancierter Kommentar zu AmG not tun, der - vielleicht unter Einsatz multimedialer Medien auf einer CD-ROM - die Kluft zwischen ‚Normalleser‘ und AmG verringern kann. Dabei sollte trotz aller Erkärung besonderes Augenmerk der Wahrung der Offenheit des Werks zu fallen, indem mehrere Lesemodelle parallel angelegt werden. Bei einem computergestützten Medium würden sich verschiedene gezielte ‚Reisen‘ durch den Datenbestand anhand bestimmter Querverweisketten anbieten.
Neben der Erprobung der Methode der angewandten Intertextualität und der daraus resultierenden, durchaus tiefgreifenden Folgerungen, wollte diese Arbeit Arno Schmidt als Sprachtechniker, von dem man in der Frage: Wie funktioniert Literatur? eine Menge lernen kann, ein Stück mehr Akzeptanz verschaffen. Aber vor allem das Erlebnis vermitteln, unter der abweisenden Oberfläche eines ungewöhnlichen Textes ganze Kontinente von intertextuellen ‚Vegetationen‘ zu entdecken.
[1] Vgl. Drews 1992, S. 10.
[2] Hier hat die intertextuelle Verbindung einen Grad erreicht, in denen einzelne Bezüge nicht mehr nachweisbar sind, sondern einem Gesamteindruck von Überblendung der vielen ‚Wolkenreisen‘ in der Literatur gewichen ist (vgl. Immelmann 1993 und Kyora 1993).