------------- Begin Forwarded Message ------------- Date: Thu, 9 Nov 2000 18:58:09 +0100 (MET) From: Werner Icking <E-Mail Adresse gelöscht> Subject: Re: Helme im Regal To: [Name u. E-Mail Adresse gelöscht] > Date: Thu, 09 Nov 2000 17:40:36 +0100 > From: [Name u. E-Mail Adresse gelöscht] Hallo [Name gelöscht], > Nicht kaufen, nicht tragen: es reicht, wenn die Helme im Regal liegen. > Selbst für Fußgänger! > > schreibst Du in de.rec.fahrrad. > Mich interessiert, warum. Ich finde Helme nervig, unangenehm (juckt, > Frisur vermanscht, zu heiss/kalt usw.) und doof sieht man auch damit > aus. Trotzdem trage ich seit acht Jahren Helm. Du liest d.r.f und hast dort noch keinen der Helmthreads gelesen? Auch nicht das, was da z.Zt. unter "gute Helme? (was: boeses ABS)" tobt? Verwunderlich. > Januar 2000 hatte ich > einen Unfall, wahrscheinlich Glatteis, jedenfalls "bremste" ich mit dem > Jochbein an der Bordsteinkante. Letztere blieb unbeschadet, ersteres > wurde während einer OP wieder zusammengebastelt. Die schwere > Gehirnerschütterung ging mit retrograder Amnesie einher, mir fehlen 4 > Stunden. Da aber noch genug Blut festgefroren war, als ich aus der > Klinik entlassen wurde, ließ sich ziemlich punktgenau sagen, wo sich > Gesicht und Stein getroffen haben. Ich denke, daß ich ohne Helm deutlich > größeren Schaden genommen hätte, möchte die Nummer aber nicht nochmal > ohne Helm abziehen, obwohl Vergleichswerte sicher sehr aussagekräftig > wären ;-) Das ist ohne eine sehr aufwendige Unfallanalyse nicht zu ermitteln, ob der Helm geholfen hat oder die Sache sogar verschlimmert hat. Verschlimmern geht z.B. dadurch, daß der Helm den Kopfdurchmesser nicht unwesentlich vergrößert; daß der Helm das Gewicht des Kopfes nicht unwesentlich erhöht; ... es gibt aber auch andere Komponenten. Ich bin im Dezember 1999 auch an einer vereisten Stelle gestürzt und mit dem Schädel so auf den Boden geknallt, daß ich Sterne gesehen habe. Zwei Monate hatte ich Probleme mit den Prellungen und "unguten" Gefühlen in den Zähnen. Ich bin eigentlich mit der rechten Brust aufgeknallt. Dort war die Jacke verschmutzt. Danach ist der Kopf aufgeknallt. Ich trug keinen Helm. Um mit Deinen Worten jetzt weiterzureden: ich denke, daß ich mit Helm nicht so glimpflich davon gekommen wäre. Ich wäre wohl mit dem Helm aufgeknallt und anschließend mit dem Kiefer, der dann vermutlich gebrochen wäre. Oder ich hätte mir vermutlich die Halswirbelsäule grundlich verrenkt oder was man sonst damit anstellen kann ... Aber auch hier: Das ist ohne aufwendige Unfallanalyse ... <Rest s.o.> Einzelfälle helfen also nicht in der Betrachtung. > Du fährst sicherlich ohne Helm und hast dafür Gründe und die würden mich > sehr interessieren. Gehen wir also ins Allgemeinere. Da sehe ich zunächst einmal, daß weder tote Radfahrer überall neben den Straßen liegen, noch daß schwerverletzte Radfahrer signifikant die Population der Rehakliniken ausmachen. Etwas seriöser gesagt: Alltagsradfahren (ich rede nicht von Sport, Down-Hill, ...) ist nicht gefährlicher als andere Verkehrsarten auch. Wozu braucht man dann also einen Helm beim Radfahren, wenn man ihn beim Zufußgehen oder Autofahren auch nicht braucht? Oder zurück zu den Fakten: Unfalltote sterben in etwa zwei Drittel *ALLER* Fälle an SHT (Schädel-Hirn-Trauma). Das ist auch im Verkehr ganz ähnlich. Und das trifft auch für Autofahrer zu, auch für Radfahrer auch für Fußgänger. Wenn man also auf dem Fahrrad meint, einen Helm tragen zu müssen, dann muß man ihn erst Recht beim Autofahren tragen. Und nun noch eines zur Schutzwirkung: Wenn überhaupt, dann hat ein Fahrradhelm eine Schutzwirkung bei einer Aufprallgeschwindigkeit knapp unter 20 km/h. Das ist ungefähr die Geschwindigkeit, mit der ein stehender Erwachsener aufprallt, wenn er unvermittel umfällt, sei es ohnmächtig oder weil er sich irgendwie nicht halten kann (Glatteis, Dusche, ...). Dasselbe gilt auch für einen Radfahrer. Wenn man nun genau überlegt, was eigentlich bei einem Fahrradunfall passiert, dann kommt man sehr schnell darauf, daß Fahrradfahrer selten gegen irgendetwas fahren. So blöd sind die eben nicht. Man fährt nicht gegen Wände oder Straßenlaternen oder Lastwagen oder ... Wenn man es trotzdem tut, sollte man das abstellen. Denn Unfälle vermeiden ist wichtiger als die Folgen von Unfällen zu mindern. Wenn man das also nicht tut, dann ist für den Aufprall des Kopfes nur die vertikale Geschwindigkeitskomponenten wichtig und die ist bestimmt durch die Fallhöhe. Auch hier wieder: die Fallhöhe beim Radfahren ist normalerweise niedriger als beim Zufußgehen. Warum also beim Radfahren einen Helm aufsetzen, wenn man es beim Zufußgehen nicht tut? Dann gibt es da noch die Untersuchungen aus Australien und Neuseeland. Dort hat man einmal freiwillig, einmal per Gesetz die Helmtrage- quote drastisch erhöht. Als man nun untersuchen wollte, was es genutzt hat, stellte man zwar fest, daß weniger Rad gefahren wurde, daß aber die Kopfverletzungen nicht stärker zurückgegangen sind als das Radfahren. Und warum auch immer: schwere Kopfverletzungen sind nicht einmal so stark zurückgegangen. Eine bessere Bestätigung für das, was die Physik lehrt, daß nämlich so ein Stückchen Styropor in den meisten Fällen nichts ausrichten kann, kann man eigentlich nicht bekommen. (Autorin: Dorothee Robinson) Hingegen konnte bisher allen Studien, die dem Helm einen Sicher- heitsgewinn nachsagen wollten, widerlegt werden oder den Studien unwissenschaftliches Vorgehen nachgewiesen werden. (Autoren: Thomson & Rivara; Dr. Kelz, Göppingen). Dann gibt es noch Verdachtsmomente, daß Helme durchaus in der Lage sind, Unfallfolgen zu verschlimmern. Wenn Du z.B. bei hoher Geschwindigkeit stürzt und über den Boden rutschst aber nicht gegen irgendetwas prallst, dann kann Dein Kopf (entschuldige das drastische Bild) auf der Schmiere von Haut und Blut gut gleiten. Verzahnt sich jetzt aber der Helm mit dem Asphalt kann es aufgrund der plötzlichen Rotation der Schädelkalotte zu schweren Rotationsschäden im Hirn kommen. Ich denke mal, daß Mutter Natur mit der Evolution sehr viel dazu beigetragen hat, daß das so wichtige Hirn durch den Schädel ziemlich optimal geschützt ist - vom Baby bis zum alten Menschen in jeweils unterschiedlicher Art. Wie kann man da so vermessen sein und glauben, daß ein paar Zentimeter Styropor daran etwas verbessern könnte? Doch ein anderer Aspekt ist mir viel interessanter: ich trage keinen Helm, weil ich meine Aufmerksamkeit viel stärker darauf richte, wie ich Unfälle vermeiden kann. Deswegen benutze ich z.B. kaum mehr Radwege. Das ist mir zu gefährlich. Deswegen investiere ich darin, daß das Fahrrad technisch in Ordnung ist. Darum kümmere ich mich darum, daß ich im Ernstfall auch wirklich gut bremsen kann - ich und meine Bremse. Helm Tragen ist also eher ein Zeichen der Hilflosigkeit und auch ein Zeichen, daß man nicht so recht weiß, was man eigentliche für seine Sicherheit richtiges tun kann. Aber dafür kann man viel tun. Schau z.B. mal unter http://bernd.sluka.de zum Thema "10 Gebote für sicheres Radfahren". Aber genug geschrieben. Vielleicht noch ein Tip zu Helmen: http://Hardshell.home.pages.de/ Vielleicht noch eines zum Schluß: das was ich hier geschrieben habe, kann ich bei Rückfragen gerne noch ein bißchen weiter erläutern. Diskutieren möchte ich das aber - zumindest per E-Mail nicht. Das kann man in de.rec.fahrrad tun. Also: Rückfragen gerne; Diskussion bitte nicht per E-Mail. Ich hoffe, Dir ein bißchen geholfen zu haben. Gruß, Werner - der gleich wieder auf's Rad steigt und wie jeden Arbeitstag durch den dunklen Wald mit dem Rad nach Hause fährt; dabei bergab auch ca. 50 km/h fährt - nachts wegen des Lichts weniger - und der im Jahr ca. 4500 km Fahrad fährt seit etwa 25+ Jahren, seit er mit ca. 30 Jahren wieder mehr Rad fährt - noch Unklarheiten :-) Natürlich! -- Ohne Helm. ------------- End Forwarded Message ------------- |