Nordlichter-Reports:
eine Sammlung unserer E-Mails aus Island
28.03.2001
Hallo
liebe Freunde!
Ich
gehe ziemlich ungern schwimmen. Erstens bin ich wasserscheu und zweitens ist mir
immer kalt im Schwimmbad. Aber hier waren wir schon dreimal im Bad! In
Reykjavík sind nämlich alle Bäder Thermalbäder mit Wassertemperaturen von 32
bis 40 Grad. Es gibt meistens drei Heisswasserbecken wo man nur drinnen hockt
und sich aufwärmt (in den Graduierungen "ziemlich warm",
"heiss" und "extrem heiss") und ein Sportbecken mit
normaler Schwimmbadtemperatur. Nachdem man drei Minuten in "extrem
heiss" verbracht hat, kann man ohne Probleme eine Viertelstunde im
Sportbecken schwimmen gehen ohne, dass selbst einer erfrorenen Natur wie mir
kalt wird. Nett ist es auch, dass alle Bäder im freien sind. So sind mir
unlängst bei minus 10 Grad Aussentemperatur die Haare beim Schwimmen
eingefroren ... In Sachen heisses Wasser ist uns noch was lustiges passiert:
wir haben unser WC mit Warmwasser gereinigt und der WC-Reiniger hat mit dem
sehr mineralhältigen Wasser chemisch reagiert und fürchterlich zu stinken
begonnen. Seitdem verwenden wir nur mehr kaltes Wasser zum Putzen, das wird aus
gewöhnlichen, kalten Quellen entnommen und hat Trinkwasserqualität.
Zu
Ostern werden wir in Ost-Grönland eine Woche Urlaub machen. Vom Eskimo-Dorf
Amassalik, das im Winter nur per Hubschrauber zu erreichen ist, werden wir 2 Tage
und eine Nacht gemeinsam mit Einheimischen mit Hundeschlitten den riesigen
Gletscher im Landesinneren befahren. Ein bisserl Bammel habe ich schon vor der
Übernachtung: ich hoffe mir wird nicht zu kalt werden. Ostgrönland ist vom Rest
des Landes vom riesigen, besagten Gletscher getrennt und wegen der Eisberge
fast das ganze Jahr über nur per Flugzeug von Island oder von Nuuk, der
Hauptstadt Grönlands, erreichbar. Fast alle der 60.000 Einwohner Grönlands
wohnen im Westen oder Süden, im Osten leben nur 3000 Menschen und die sprechen
eine eigene Sprache. Den Gedanken finde ich extrem: eine Sprache zu sprechen,
die nur von rund 3000 Menschen verstanden wird. Einer der Hundeschlittenführer
spricht Isländisch als Fremdsprache. Jetzt verstehen ihn schon rund 80 mal mehr
Leute als früher. Aber ich hätte ihm aber empfohlen besser Englisch zu lernen,
selbst wenn ihn jetzt immerhin 230.000 Isländer verstehen! Bin schon gespannt,
wie wir und mit denen unterhalten werden. Aber vielleicht wird es uns sogar zu
warm in Grönland. Das Wetter ist ja diesen Winter ziemlich verrückt. Im Februar
war es eine Woche lang in Nuuk wärmer als in Wien: in Grönlands Hauptstadt
hatte es unter Tags plus fünf Grad, in Wien Null Grad, in der Mongolei minus 40
Grad.
Aprops
Wetter, vorletztes Wochenende haben wir bei traumhaftem Wetter eine Schitour
gemacht. Es war keine einzige Wolke am Himmel zu sehen und wir sind nur im
T-Shirt aufgestiegen. Wir hatten rund 200 km Fernsicht und konnten unter
anderem die Westmänner-Inseln sehen. Ich fand es sehr witzig beim Schifahren
mit T-Shirt bekleidet auf das Meer zu blicken. Mit von der Partie war Gísli,
ein Arbeitskollege, der wie alle andern Isländer die Schitour mit
Langlaufschiern gemacht hat und dementsprechend abenteuerlich dann den Berg
hinunter gefahren ist. Er ist etwa 32 Jahre alt und kommt von Snæfellsness,
einer Halbinsel nördlich von Reykjavík. Wir haben schon oft Geschichten gehört,
dass sich die Isländischen Frauen früher die Haare mit Gülle gewaschen haben,
damit sie blonder werden. Aber dieses Gíslis Schwester hat das noch vor 20
Jahren gemacht. Und als er ein Kind war, hatte die ganze Gemeinde nur eine
einzige Telefonleitung. Jeder hatte aber einen Apparat zu Hause. Je nachdem wie
oft es klingelte, ging dann der zum Telefon, der sich angesprochen fühlte. So
wurde seine Familie mit zuerst zweimal dann viermal läuten erreicht. Übrigens
konnte jeder beim Telefonat mithören, wenn er auch abgehoben hat. Eine alte
Tratschtante, die immer mitgehört hat, soll sich dann manchmal sogar ins Gespräch
eingemischt haben. Gísli ist hier gelegentlich auf der Schaufel, weil er
vergleichsweise aus dem technischen Mittelalter kam und dann schliesslich
Elektrotechnik studierte. Und der Grund warum er das studiert hat ist auch
lustig: seine Familie hat auf ihrem einsamen Hof immer alles selbst repariert.
Eines Tages war das Radio kaputt und so schraubten er und sein Vater das Ding
auf, in der Annahme, dass sie es reparieren könnten. Aber sie staunten, was da
alles drinnen war und so sehr sie auch probierten, sie haben nicht verstanden
wie das Ding funktioniert und konnten es auch nicht reparieren. Das hat den
jungen Gísli aus dem Isländischen Nichts so geärgert, dass er beschloss
Elektrotechnik zu studieren.
Wieder
zurück zum Wetter in diesem Land und den Österreichern die hier leben. Letztes
Wochenende besuchten wir Snæfellsness. Wir sahen uns am Samstag an einem Strand
schwarze Felsen an, die bei Flut vom Meerwasser umspült werden und bei Ebbe wie
mit Zuckerguss mit Eis überzogen waren. Und bei einer Saukälte (ich: T-Shirt,
Langarm-T-Shirt, Fleece-Jacke, Daunen-Jacke, Gore-Tex-Jacke; Agnes:
Termo-Leiberl, Hemd, Fleece-Pulli, gefütterter Overall, Daunenjacke) machten
wir noch einen weiteren romantischen Strandbummel um zwei Felsentore zu sehen.
Am Sonntag bestiegen wir den Snæfellsjökull, den höchsten Berg von
Snæfellsness. Esoteriker halten ihn für ein Kraftzentrum und UFOs sollen dort
besonders häufig zu sehen sein. Agnes hat festgestellt, dass der Berg nicht
Kraft gibt, sondern sie raubt als wir im Bruchharsch bei minus 10 Grad auf
Meeresniveau und 30 km/h Windgeschwindigkeit zum 1400m hohen Gipfel aufstiegen.
Schon die Fahrt zum Ausgangspunkt der Tour war abenteuerlich: wir fuhren mit 2
Jeeps und ich erhielt eine Fahrstunde in Geländefahrtechnik im Tiefschnee. In
einer Mulde mussten wir die Weiterfahrt aufgeben und marschierten los. Aufstieg
wie gesagt im Bruchharsch bei grauslich kaltem Wind aber mit toller Fernsicht.
Bis wir uns dem Gipfel näherten, denn da wurde es so nebelig, dass wir nur mehr
vage erkennen konnten, wo wir wieder runter müssen. Fernsicht ade.
Glücklicherweise war ein paar hundert Höhenmeter tiefer wieder was zu sehen.
Wir sahen die dem Berg vorgelagerte Lavawüste mit ihren hunderten Mini-Hügeln
aber unsere Autos sahen wir nicht, denn wir hatten sie ja, wie gesagt in einer
der hundert Mulden geparkt. Sehr klug. Aber die Depperten haben Glück und so
fanden wir die Strasse die wir eigentlich weiter hinauffahren wollten und
folgten den Randpflöcken bis zu den Autos. Die Isländer die mit waren, waren
übrigens wieder mit Langlaufschiern unterwegs. Während der eine von ihnen schon
in der Vorwoche dabei war, war der andere noch nie am Berg mit seinen Brettern
und hatte bei der Abfahrt bald genug vom dauernd hinfliegen. Aber er war sehr
erfinderisch: er richtete die Schi talwärts, setzte sich drauf und bremste mit
dem Pickel. Das ging erstaunlich gut! Auf der Rückfahrt sahen wir uns noch den
Hof an, wo Gísli aufgewachsen ist. Er ist im nichts. Etliche Kilometer vom
nächsten Haus entfernt. Agnes stellte fest, dass es nicht weiter erstaunlich
ist, dass in den Sagas hier so viele Geister und Unwesen vorkommen, wenn man in
so entlegenen Häusern gelebt hat.
Liebe
Grüsse
Stephan
31.05.2001
Hallo
aus dem Norden!
Wie Du
schon weißt, waren Agnes und ich zu Ostern in Ostgrönland auf Urlaub. Wir waren
zunächst 3 Nächte in einem Hotel nache dem 300 Einwohner zählenden Dorf
Kulusuk. Von dort aus unternahmen wir mit Robben-Jägern Tagesausflüge am
Hundeschlitten auf dem noch immer gefrorenen Meer. Die Jäger fangen Robben mit
Netzfallen, die sie bei Atemlöchern im Eis aufstellen oder schießen die Tiere,
wenn sie auf dem Eis Rast machen. In einem Netz, das wir besuchten, war eine
Robbe gefangen und so hatte ich am Rückweg zum Hotel eine weiche Rückenlehne.
Die Lasten, die die 9 Hunde gezogen haben waren gewaltig: wir waren bis zu 3
Personen pro Schlitten und legten rund 20 Kilometer pro Richtung zurück. Das
Wetter zeigte sich am zweiten Tag von seiner besten Seite. Das ist dort nicht
gerade selbstverständlich. Die Gegend ist für den Nordsturm Pitoraq bekannt,
ein Wind mit bis weit über 200 km/h, der etwa 2 bis 3 Mal pro Jahr auftritt.
Am
vierten Tag ging es mit dem Hubschrauber in die größte Siedlung Ostgrönlands,
nach Tasiilaq. Dieser 1500 Einwohner zählende Ort wurde in den Siebzigern von
einem Pitoraq heimgesucht, der alle Häuser zerstörte und die Evakuierung aller
schulpflichtigen Kinder nach Dänemark erforderte. Als wir dort waren war es die
ersten drei Tage fast windstill und wir unternahmen weitere Schlittenfahrten.
Wir fuhren ins umgebende Bergland, besuchten verlassene Siedlungen und
fotografierten etliche Eisberge und Fjorde. Beim bergauf Fahren wurde uns stets
verboten vom Schlitten abzusteigen und zu Fuß zu gehen. Ich denke die Ehre der
Hundebesitzer war sehr gekränkt wenn ein anderer gesehen hätte, dass sein Gast
einen Schritt mehr geht als unbedingt notwendig. Ein weiteres besuchtes Dorf
mit rund 100 Einwohnern hat eine Geschichte zu erzählen: es liegt an einem
malerischen Fjord; vor sieben Jahren war ein französicher Tourist so begeistert
von diesem Ort, dass er beschloss dort zu bleiben. Und er lebt immer noch dort
und ist jetzt, wie alle anderen Dorfbewohner, Fischer und Jäger.
Am Tag
unserer Abreise war es mit der Windstille vorbei und der Hubschrauber konnte
uns nicht von Tasiilaq zurück zum Flughaften bei Kulusuk bringen. Einem
Flugzeug macht Wind deutlich weniger aus als einem Hubschrauber und so erfuhren
wir, dass unser Flugzeug planmäßig in Kulusuk erwartet wird. Wir dachten schon,
dass wir nun mächtig Probleme haben und unser versäumter Flug verfallen wird.
Aber es kam alles anders: dem Pilot war es doch zu viel Wind und er umgedreht
und ist zurück nach Reykjavik geflogen.
Wir
wurden dann tags darauf mit dem Hubschrauber wieder nach Kulusuk gebracht, wo
wir einen weiteren vollen Tag auf einen Ersatzflug warteten. Und diesen Tag
verbrachten wir bei strahlendem Sonnenschein mit einer Wanderung durch die
Eisberge am zugefrorenen Meer. Am Abend konnten wir sogar einen Polarfuchs aus
nächster Nähe beobachten, als er sich die Küchenabfälle des Hotels abholte. Am
gleichen Abend hat man uns auch gesagt, dass dort wo wir spazieren waren ein
paar Tage zuvor ein Eisbär gesehen wurde ...
Im
Hotel haben wir übrigens einen interessanten Mann kennengelernt. Er ist dänischer
Fischerei-Experte und lebt seit 8 Jahren in Grönland. Zwei Jahre davon hat er
in einem entlegenen Dorf in Ostgrönland gelebt. Unter anderem berichtete er,
dass viele Einwohner noch an Geister glauben und die Eckzähne der
Schlittenhunde per Gesetz abgeschnitten werden müssen, weil sie zwar alle sehr
herzig aussehen, aber ziemlich gefährlich werden können. Damit sich die Eskimos
nicht totlachen, als er das erste Mal mit seinem Hundeschlitten fuhr, hat er
seinen Erstversuch am 1. Jänner um 7 Uhr morgens gemacht. Etwas völlig anderes
konnte er uns auch bestätigen: Alkohol ist in Grönland ein echtes Problem. Wir
waren in einer Bar und sind von Österreich gewohnt, dass es ab einer gewissen
Uhrzeit einige Besoffene geben kann. Von Island waren wir gewohnt, dass 20 bis
30% betrunken sind aber dort waren wir die einzig nüchternen.
Nach
der Rückkehr aus Grönland kam uns Island richtig dicht besiedelt vor. Wobei man
hier auch sehr einsam sein kann. Die Schwester eines Arbeitskollegen, sie heißt
Eydis, geht mit Agnes einmal pro Woche reiten und hat dabei viel Zeit
Geschichten zu erzählen. Sie ist in den Westfjorden des Landes aufgewachsen,
eine Gegend in der es erst Mitte Juni grün wird, und es auch im Sommer selten
mehr als 10 Grad hat. Dort sind heute rund 50% der Farmen verlassen und man
fragt sich weniger warum sie verlassen wurden, als welche Not die Menschen je
in diese karge Gegend getrieben hat. Eydis ist auf einem dieser heute
verlassenen Höfe aufgewachsen und hat so wenig andere Leute als ihre Familie gesehen,
dass sie als Kind dachte ausser ihr und ihrer Mutter gäbe es nur Männer auf der
Welt.
Das in
der Einsamkeit Aufwachsen hat Eydis (wie die meisten anderen Isländerinen auch)
zu einer sehr selbstsicheren Person gemacht. Als sie in Spanien auf Urlaub war,
war wegen des ETA-Terrors vor jedem Hotel ein Polizist postiert und sie hat bei
einem Hoteleingang einen "sooo herzigen" Polizeihund fotografiert.
Der Polizist war aber wegen des Terrors in höchster Anspannung und hat sofort
die Kamera konfisziert. Da wollte Eydis ihre Kammera wieder zurücknehmen. Doch
der Polizist war nicht faul und hat sie mit beiden Händen so hoch gehalten,
dass Eydis nicht zu ihr gelangte (sie ist etwa 1.60m groß). Nachdem der
Polizist was von ihr hatte, musste sie _ihm_ nun etwas wegnehmen und so nahm
sie seine Pistole aus dem Halfter und erklärte, dass er sie nur wiederkriegt,
wenn sie ihre Kamera wiederbekommt. Der Polizist wurde sehr bleich und meinte
sie solle jetzt keine Dummheiten machen und so wurde dann die Pistole gegen die
Kammera getauscht. Zum Leidwesen von Eydis musste sie aber den Film vernichten.
Der
Hof, auf dem Eydis aufgewachsen ist wurde die letzten 20 Jahre von ihrem Onkel
bewirtschaftet ehe er vor kurzem - wie viele andere Schafzüchter - aufgab. Er
wollte eigentlich ohnehin nie Bauer werden und die harten Bedingungen und die
Einsamkeit bescherten ihm Depressionen. So hat er landwirtschaftliche Geräte,
die irgendwo kaputt gingen, anstatt sie zu reparieren, einfach liegen lassen.
Eydis Familie benutzt den Hof heute als Ferienhaus. Da machen sich verrostete
Traktoren, Mähbalken, Kunstdüngerstreuer etc. rund ums Haus, im Bach und auf
den Weiden und nicht besonders. Wir waren letztes Wochenende dort auf Besuch -
und halfen Klumpert räumen. Die Traktoren sind nicht mehr wirklich
funktionsfähig aber ein Anhänger ist es noch. So benutzten wir unseren und
meines Arbeitskollegen Geländewagen als Traktoren und haben eine uralte
Saatmaschine aus dem Bach gezogen, Teile von Blechhütten geborgen und das
Weideland von anderem rostigen Gerümpel befreit. Belohnt wurden wir mit
unzähligen Sagas und Geschichten. Das Erzählen derselben ist das Haupthobby der
Isländer. So gibt es zu diesem Hof eine eigene Sage - und einen Geist. Denn
wenn die Isländer nicht viel mit den Grönländern gemeinsam haben, aber an
Geister glauben sie auch. Eydis Vater hat erzählt, dass er vier Leute kennt die
Zeugen eines Spuks waren. Bei seiner Erzählung vermied er immer sich darüber
lustig zu machen, denn vielleicht stimmt alles ja doch ...
Auf den
Weideflächen der verlassenen Farmen stehen oft Pferde, die das ganze Jahr
draußen verbringen (und keine Arbeit machen). Agnes haben so manche das Herz
gebrochen, denn viele sind extrem neugierig wenn sie Menschen sehen und kommen
angelaufen und schauen und schnuppern. Eines der Tiere auf "unserer"
verlassenen Farm wird diese Woche übrigens zu Kotletts verarbeitet. Sie sind
nämlich nicht nur herzig sondern schmecken auch ziemlich gut. Wir haben einmal
eines als Ragout verspeist.
Bei uns
in Reykjavik ist es schon ungefährlicher und vor allem geselliger. Wir waren
anlässlich des Song-Contests zu einer der vielen Eurovision-Parties eingeladen.
Das war wirklich witzig. Hier ist der Song-Contest ein Volksfest. Die Leute
fiebern gemeinsam vor dem Fernseher, füllen Bewertungsbögen aus, grillen,
trinken und feiern. Obwohl es nicht viel zu feiern gab, denn Island wurde
letzter.
Und
eigentlich wollte ich ja viel mehr Bergsteigen. Aber bislang haben sich immer
eine hervorragende Ausreden gefunden. Ich nehme an, das wird sich am Wochenende
rächen, wenn ich mit einem extrem durchtrainierten Arbeitskollegen auf die
höchste Erhebung Islands spaziere. Zwei mal 2200 Höhenmeter am Gletscher an
einem Tag. Das wird das Knieschnackeln und der Muskelkater des Jahrhunderts!
Liebe
Grüße
Stephan
11.08.2001
Hallo!
Es ist
schon eine Weile her seit dem letztem Bericht, uns so gibt es nun wieder einige
Geschichten von uns zu erzählen. Und das ganze sogar mit Fotos! Siehe
http://community.webshots.com/album/19123467BwzFAerhFt und http://community.webshots.com/album/19125858AAUECsUARW
Mit
einem Arbeitskollegen spazierte Stephan im Frühling auf den Vulkan Hekla. Der
Vulkan ist zuletzt voriges Jahr im Winter ausgebrochen und so war es für uns
die erste Wanderung über Steine die einen Bruchteil so alt waren, wie wir
selbst. Auch haben wir noch nie zuvor gesehen, dass ein Schneefeld kniehoch mit
Schotter bedeckt ist. Laut unserer etwa 4 Jahre alten Wanderkarte befindet sich
am Gipfel der Hekla ein Gletscher. Also nahmen wir das Seil mit. Aber vor
Gletscherspalten musste ich (Stephan) keine Angst mehr haben, denn den
Gletscher gibt es nicht mehr. So bin ich dann ohne Angst vor Gletscherspalten
plötzlich im Tiefschnee versunken und in eine Lavaspalte gefallen. Eine Narbe
an meinem Unterarm wird mich noch länger daran erinnern. Als ich dann eine
weitere etwa 6 Meter tiefe Spalte erblickte, hatte ich die Hosen voll und
seilte mich erstmals in meinem Leben auf einem "normalen" Schneefeld
an.
Rund 30
km von Hekla befindet sich das Wandergebiet Landmannalaugar, das Ziel eines
weiteren Wochenendausflugs von uns (Agnes und Stephan) war. Es liegt mitten in
einer Halbwüste und ist eigentlich so gesehen kein reizvolles Wandergebiet wenn
da nicht die vulkanische Tätigkeit für farbliche Abwechslung (rote, grüne,
blaue, und gelbe Schotterberge) sorgen würde. Bei der Anreise mussten wir
erstmals mit dem Auto einen Fluss überqueren. Wir stiegen aus um die
Wassertiefe abzuschätzen und mussten feststellen, das das Wasser so dreckig
war, das es unmöglich war auf die Tiefe zu schlie?en. Während wir diskutierten
wo man fahren könnte und wer nun probehalber durch das eiskalte Wasser waten
muss, kam ein anderes Auto, fuhr durch, und zeigte, dass alle Aufregung umsonst
war und die Querung sehr undramatisch war. Der Reiz unseres Zeltplatzes waren
weder die endlosen Schotterhalden, das weglose Gelände, die nahen stinkenden
Schwefellöcher, sondern ein Bach mit siedend hei?em Wasser, der in einem
langsam flie?enden Fluss mündet. An der Mündungsstelle kann man baden und durch
Schwimmen nach links oder rechts die Temperatur bestimmen. Wir haben uns um
etwa 2 Uhr morgens (es ist ja im Sommer immer hell hier) dort eingefunden und
gebadet. Au?er uns waren noch einige Isländer im Wasser, die schon reichlich
Bier und Branntwein vernichtet haben und sich, aufgrund fortschreitender
Alkoholisierung, nur mehr in einfachen Sätzen unterhalten konnten. So kam es,
dass wir erstmals mehrere Minuten ausschlie?lich Isländisch gesprochen haben.
Einer der "Badegäste" hatte auch eine interessante Geschichte zu erzählen:
er lebte früher in den Westfjorden, eine Gegend die wegen der harten
Lebensbedingungen immer mehr entvölkert wird. Als sechsjähriger spielte er in
einem Karton mitten auf der Stra?e, den er als "sein Haus"
verwendete. Das war nicht weiter auffällig, denn Autos fuhren ja dort ohnehin
kaum. Nun - je entlegener eine Region, desto grö?er sind im Regelfall die
Jeeps, die man dort in Winter auch "unbedingt" braucht. Und als
Jeepfahrer fährt man dort besonders gerne dort wo man seinen Jeep auch richtig
ausnützen kann und freut sich schon richtig, wenn einmal die gewöhnliche Stra?e
schwer passierbar wird. Und so ein Jeepfahrer sah den riesen Karton auf dem Weg
und freute sich dass er nicht ausweichen musste, weil die Achse seines Jeeps ja
hoch genug ist um drüberzufahren. Leider war der Karton doch ein wenig zu gro?,
blieb hängen und so schleifte er eine ganze Weile, ehe der Fahrer stehen blieb
um nach dem Rechten zu sehen. Und da entdeckte er das Kind unter seinem Auto.
Das Kind verbrachte dann einige Zeit im Spital und der Fahrer wurde zum
Alkoholiker. Für uns war es ziemlich offensichtlich, dass das Kind mittlerweile
auch zum Alkoholiker geworden war, so rot wie die Nase des Erzählers war und so
viel Branntwein in seiner Flasche mal drinnen gewesen sein muss.
Etwas
wesentlich Lustigeres ist uns auf einem anderen Ausflug "passiert".
Oder eigentlich ist es ja nicht uns, sondern den anderen passiert: wir
unternahmen mit rund 50 Mitarbeitern aus Agnes Firma eine Abendwanderung in
einer Lavawüste nahe bei Reykjavík. Nach einer Wanderung bei traumhaften Wetter
erreichten wir gegen 22 Uhr unseren bestellten Bus bei einen Treffpunkt, der
nur über eine eigentlich gesperrte Schotterstra?e zu erreichen war. Nach einem
ausgedehnten Picknick ging es zurück nach Reykjavík. Am Wegesrand der Stra?e
mitten ins Nichts mitten in der Nacht parkte ein alter Volvo. Was will jemand
um diese Zeit an einem so verlassenen Ort? Wir erfuhren es bald. Die gesamte
rechte Bushälfte begann beim Vorbeifahren zu kreischen und zu lachen, denn von
oben im Bus hatte man eine gute Aussicht auf das, was im Auto geschah. Na ja so
gut war die Aussicht auch nicht, Agnes hat jedenfalls nur zwei nackte weibliche
Beine am Rücksitz gesehen. Aber jedenfalls wussten am nächsten Tag alle der 500
Mitarbeiter in der Firma was sich in diesem Volvo so zirka abspielte. Aber wo
sollten diese armen Jung-Isländer denn um diese Jahreszeit auch hin? Im
Frühsommer wird es nie dunkel und Wald gibt es keinen. Also auf einer
gesperrten Stra?e in die Lavawüste. Pech nur, dass ein voll besetzter Autobus
vorbeifuhr!
Anfang
Juli wollten wir den Eirisjökull, einen vergletscherten Berg mitten im Nichts
besteigen. Ein isländischer Bekannter borgte sich den Jeep Cherokee seines Vaters
aus und wir fuhren im Konvoi Richtung Berg. Doch wir fanden stundenlang die
Piste nicht, die zum Fu? des Berges führen sollte. Am Abend, als wir nach einem
Spaziergang das Zelt aufstellten, wussten wir warum: die Piste war nur ein
unscheinbarer Gatsch-Pfad, die von einer Schotterstra?e abzweigte. Wir
beschlossen zumindest am nächsten Tag die etwa 15 Kilometer zum Berg zu fahren
und, wenn schon nicht ganz hinauf, doch ein wenig raufzuwandern. Der Isländer,
der übrigens mit Turnschuhen auf den Gletscher wollte, packte zum Abendmahl
einen Alu-Einweggriller aus und grillte sich ein Steak, während wir unsere
Camping-Nudeln am Benzinkocher wärmten. Am nächsten Tag blieb er allerdings mit
Vaters Jeep hinter uns bereits im zweiten Schlammloch stecken. Wir haben ihn
dann mit unserem Suzuki Vitara hinausgezogen. Das ist ungefähr so, wie wenn
eine Citroen-Ente mit polnischen Kennzeichen auf der Autobahn einen deutschen
7er BMW abhängt. In unserem Fall war der arme Isländer aber nicht gerade ein
versierter Autofahrer und wollte den Wagen seines Vaters nur ja nicht schmutzig
machen, und daher drehten wir um und gingen zum nächsten Pferdeverleih reiten.
Das war mindestens so gefährlich wie die Besteigung des Gletschers in
Turnschuhen, denn die Viecher sind mit uns durch die Landschaft gefetzt, dass
wir dachten, wir durchbrechen die Schallmauer.
In der
letzten Juliwoche und ersten Augustwoche verbrachten wir unsern Urlaub in den
zuvor erwähnten Westfjorden. Wir schnitten ein Stück des Weges mit der Fähre ab
und machten auf einer Insel, wo die Fähre anlegte, Station während unser Auto
weiter zum Festland gebracht wurde. Begleitet wurden wir von Stephans
Arbeitskollegen Freyr und seiner Lebensgefährtin Maria. Während wir auf der
kleinen Insel eine Runde wanderten und Vögel beobachteten, paddelten die beiden
mit ihren mitgebrachten Kajaks im Meer und sammelten Muscheln fürs Abendessen.
Und wenn man glaubt man ist jetzt endgültig am ADW, dann trifft man in Island
jemanden bekannten. So trafen wir Bekannte aus dem Tangokurs, die auf der Insel
ein Sommerhaus haben. Das nächste Schiff brachte uns weiter nach Nordwesten
während unsere Begleiter wieder nach Reykjavík zurückfuhren. Am Hafen wartete
schon unser Auto. Unseren Autoschlüssel hatte Stephan mit einem mulmigen Gefühl
am Schiff nach dem Beladen abgegeben, weil es auf der kleinen Insel keine
Möglichkeit gab das Auto auszuladen und die Besatzung für uns das Auto dann am
Festland parkte.
Wenige
Minuten später waren wir an einem kilometerlangen Sandstrand, keine Hotels,
keine Menschenseele, es war warm, wir zogen die Schuhe aus und spazierten dem
Meer entlang ... und wehe das Wasser kam zu nahe, das ist dort nämlich skitkalt
(das ist isländisch, die genaue Bedeutung ist nicht schwer zu erraten). Die
Sandstrände sind aber nicht die einzige Attraktion der Westfjorde. Wir fuhren
dann zum westlichsten Punkt der Insel, Látrabjarg, einer der grö?ten
Vogelfelsen der Welt. Im Umkreis von 60 km gibt es au?er Einsiedlerhöfen keine
menschliche Siedlung. Was auch verständlich ist, denn wir haben es im
Hochsommer dort ohne lange Unterhose keine drei Minuten ausgehalten, wegen des
Windes. Aber das hält eine Unzahl deutscher Radfahrer nicht davon ab dorthin zu
radeln. "Unzahl" ist hier im Verhältnis zu Wetter- und
Stra?enbedingungen zu verstehen. Wir haben vielleicht sechs oder acht Radler
gesehen.
Die
Vögelbeobachtung war sehr nett. Die putzigen Papageientaucher (die sehen aus
wie eine Mischung aus Pinguinen und Papageien) lassen geduldige Beobachter fast
bis auf 2 Meter herankommen. Sie sind unsere erklärten Lieblinge (und auch die
der Isländer, die fangen sie nämlich und essen sie). Aber die Möwen sind
Mistviecher! Erstens machen sie einen Riesenkrach die ganze Zeit, während die
herzigen "Flugpinguine" nur herumsitzen und den Schnabel halten. Und
au?erdem sind die Möwen gemein, weil sie den Papageientauchern die Beute
wegschnappen. Au?er Vogeldreck und verlorener Federn gab es am Strand die Ruine
von Fischerhütten aus dem 17. Jahrhundert. Die haben dort gehaust wie zur
Steinzeit. Kann kein lustiges Leben gewesen sein. Auch Steinmänner (zu einer
Pyramide aufgeschlichtete Steine) waren zu sehen, die alte Handelswege
markierten. Stra?en gab es in den Westfjorden lange nicht. Ganz oben im Norden,
im seit rund 1955 verlassenen Hornstrandir, wurden überhaupt nie Wege angelegt.
Die
Landschaft der Westfjorde ist geprägt von steilen Berghängen vom Typ
"senkrechte Schotterhalde" und karger Landschaft mit grünen Oasen, in
denen Einzelgehöfte stehen. Die wenigen Ortschaften leben vom Fischfang und dem
Handel mit den Bauern. Von Oktober bis Anfang Mai ist Winter. In den letzten
Jahren haben zwei verheerende Lawinenkatastrophen, von ähnlichem Ausma? wie
Galltür, die Abwanderung nicht gerade stoppen können. Im Sommer hat es in der
Regel zwischen fünf und fünfzehn Grad.
Unsere
nächste Station war Sélardalur. Eine heute gro?teils verlassene Gegend, wo bis
Ende der Sechziger ein Bauer lebte, der sich sein Leben lang für Architektur,
Bildhauerei und Kunst interessierte. Alles was er darüber wusste, hatte er aus
Büchern. Und als er in Pension ging, da hatte er nun selbst für diese Dinge
Zeit. Und so kaufte er ein paar hundert Kilo Zement und verpasste seinem
Bauernhof eine Kuppel wie sie auf einer Moschee zu finden ist, ein paar
griechische Säulen vor den Eingang, und wasserspeiende Löwenfiguren in den
Hintaus-Garten. Er baute ein Holz-Modell vom Petersdom, dessen Fotografie er in
einem seiner Bücher fand, und malte ein Altarbild, das er der nur 2 Kilometer
entfernten Kirche zum 100-jährigen Jubiläum schenkte. Der Pfarrer dort wollte
aber von dem Altarbild nichts wissen. Und so wie viele Wiener immer grantig
sind, so sind die meisten Isländer riesige Dickschädeln. Der Bauer baute sich
eben eine eigene Kirche, damit er sein Altarbild nicht ins Wohnzimmer hängen
muss. Die Kirche steht jetzt neben dem bunten Durcheinander an Baustilen,
Statuen und dem Schafstall mit griechischen Säulen.
In
einer ebenso einsamen Gegend wie Sélardalur befindet sich das Geburtshaus des
isländischen Nationalhelden Jón Sigurdson, und dort ist heute ein kleines
Museum. Wir sind dort zur Tür hinein, und der dicke Museumswärter hat uns in
die Hauskapelle geführt und uns über jedes Fenster eine Geschichte erzählt, die
uns wenig interessierte. Und keine Möglichkeit in Sicht sich elegant
davonzuschleichen. In der Kapelle stand ein Klavier und nachdem wir uns alle
seine Geschichten geduldig angehört hatten, spielte er uns auf dem Klavier
etwas vor. Man muss sagen, er spielte wirklich hervorragend, zumindest das eine
Stück, das er wahrscheinlich täglich 10 Mal spielen wird. Aber es ist schon
traurig, wenn ein begnadeter Klavierspieler in einer so gottverlassenen Gegend
wohnt, dass er sich auf solche Weise ein Publikum erzwingen muss. Als er mit
dem Spielen fertig war und uns nun vielleicht alle Details des Leben des
Nationalhelden geschildert hätte, erlöste uns eine weitere kleine Gruppe von
Besuchern, die leider, leider, leider nur Isländisch und nicht Englisch
sprachen und daher die Geschichte von den Fenstern nochmals für sie wiederholt
werden musste. Die Gelegenheit sich aus dem Staub zu machen war endlich da und
wir verzwickten wenig später als einzige Gäste im angeschlossenen Kaffeehaus
einen Rhabarberkuchen.
Die
Fahrt ging weiter über eine Stra?e um eine Halbinsel herum. Ein etwa 30 km
langes Stück dieser Strasse hat ein Bauer aus einem sehr entlegenen Hof selbst
über Jahre hinweg mit einfachsten Maschinen angelegt um direkt (ohne um die
ganze Halbinsel herumzukurven und von der anderen Seite kommen) zu seinem
nächsten Nachbarn zu kommen. Ein Hinweisschild sagte, dass der Weg nur für
Geländefahrzeuge und nur bei Ebbe befahrbar ist. Und so sah er auch aus.
Insgesamt waren 4 Höfe durch diese Abenteuerstrecke zu erreichen von denen
sogar noch zwei bewirtschaftet waren. Das Wetter war herrlich und wir fotografierten
die steilen Hänge und saftigen Wiesen. Im Schönwettertaumel hatten wir beinahe
übersehen, dass eine Brücke, über die wir beinahe gefahren wären, schon sehr,
sehr wackelig aussah und es davor eigentlich eine Abzweigung gab, die den Bach
durch eine Furt durchquerte. Vielleicht hätte uns die Brücke ja ausgehalten,
aber so sicher waren wir uns da nicht. Aber auf die Idee ein Warnschild oder
einen Sperrbalken aufzustellen kam scheinbar keiner.
Dann
fuhren wir Geisterbahn. Die Stra?e nach Isafjörður führte durch einen 9
Kilometer langen Tunnel, der in der Mitte eine Kreuzung hat und gro?teils
einspurig (!) ist. Für den Fall von Gegenverkehr gibt es Ausweichstellen. Es
ist ein sehr komisches Gefühl, wenn man durch den einfach in den Stein
geschlagenen Tunnel fährt und im leichten Dunst die Lichter des Gegenverkehrs
sieht, die einen natürlich frontal anstrahlen. Die Distanzen abzuschätzen wird
extrem schwer und es wurde uns ziemlich unheimlich in der dunklen Felsröhre.
In
Isafjörður ist die Endstation der Boote, die nach Hornstrandir fahren, einer
noch kargeren Gegend, die seit den Fünfziger Jahren verlassen ist. Man könnte
auch auf dem Landweg dorthin kommen, doch es gibt keine Stra?en und von der
Stra?e, die am weitesten in die Richtung dieser verlassenen Fjorde führt ist es
immer noch rund eine Woche Fu?marsch. Wir buchten eine Fahrt in das ehemalige
Dorf Sæbol in der Bucht Adalvík und die Rückfahrt vier Tage später aus der
gleichen Bucht von der durch rund 3 Stunden Fu?marsch getrennten Siedlung
Látra. In beiden Siedlungen sind noch einige Häuser erhalten, die jetzt als
Ferienwohnsitz benutzt werden.
Die
Fahrt nach Hornstrandir war eine au?ertourliche Fahrt eines Fährenunternehmens
und so waren wir nur 3 Passagiere. Man eröffnete uns nach dem Ablegen, dass wir
nicht nach Sæbol sondern nach Látra gebracht werden, weil man nicht extra wegen
uns anlegen wollte. Na gut, wir wollten eine Rundwanderung machen; wir konnten
ja auch in der anderen Richtung herum gehen. Dazu mussten wir allerdings das
Fährschiff für die Rückfahrt informieren, dass wir nun in Sæbol und nicht in
Látra abgeholt werden wollen, was wir auch taten, als das Boot spätabends eine
Ladung Wanderer brachte. Uns wurde 100 mal versichert: "Ekkert mál" -
"Kein Problem", sie würden uns sicher nicht vergessen.
Stephan
hatte trotzdem Zweifel, dass es funktionieren würde und wollte lieber die Route
ändern. Das Argument, dass selbst wenn sie uns vergessen, die Anzahl der
Passagiere ja nicht stimmt und ihnen dann ein Lichtlein aufgehen sollte, und
die ich-bin-bald-schrecklich-angefressen-vor-lauter-Umplanen-Stimmung von Agnes
brachte Stephan zum Einlenken.
Am
Abend gab es dann ein Party am Strand - allerdings eine Müllparty. Die
Sommerhausbewohner türmten ihren Müll zu einem gro?en Haufen, zündeten diesen
an, packten die Gitarre aus und sangen zu ihrem stinkenden Lagerfeuer - eine
komische Szene. Im Müll befanden sich unzählige Plastiksäcke, Getränkedosen und
Einweggriller. Der Gedanken umweltbewussten Einkaufens, Mülltrennung oder gar
Müllvermeidung ist den Leuten hier leider noch sehr fremd.
Am
ersten unserer vier Wandertage sahen wir uns die Reste eines amerikanischen
Militärstützpunktes an. Hier sa?en die Amis nach dem 2. Weltkrieg uns schauten
mit Radar, ob die bösen Russen kommen. Lange haben sie es aber nicht
ausgehalten dort, wie eine Isländerin zu berichten wusste, denn die Gegend
wurde nicht verlassen, weil das Leben dort so einfach und die Winter so mild
sind. Selbstmordversuche durch von-der-Klippe-Springen waren unter den
amerikanischen Soldaten nicht selten - allerdings angeblich nicht oft
erfolgreich. Die Isländer sagen, weil sie durch den starken (Auf)wind wieder
hinaufgeweht wurden...
Unser
Weg führte uns von Fjord zu Fjord über die dazwischenliegenden Berge. Auf den
Bergen waren die Wege zum Gro?teil mit Steinmännern markiert, sonst war man auf
Karte und Kompass angewiesen. Und das war eine neue Erfahrung für uns: wie
langsam man vorankommt, wenn es keinen Weg gibt; mal versinkt man in einem
Sumpf, dann stolpert man durch ein Geröllfeld oder muss einen Bach überqueren.
Vieles erinnerte an den hochalpinen Bereich. Das Wetter änderte sich dort rund
alle 2 Stunden, Gras und Blumen sind kurz-stengelig, in schattigen Lagen lag
schon in 200 Metern über dem Meeresspiegel Schnee. Aber wir verbrachten eine
schöne Zeit dort, hatten die romantischsten Zeltplätze mit Aussicht auf einsame
Fjorde und sahen in vier Tagen au?er Fischerbooten und drei anderen Wanderern
in der Ferne keine Menschenseele.
In
Sæbol waren wir schon 4 Stunden vor Abfahrt des Bootes. Und wir waren nicht
alleine dort. Zwei Zelte standen dort am Strand und ein Sommerhaus war bewohnt.
So hatten wir dann Ansprache, als wir sahen wie "unser Boot" von
Látra, am anderen Ende der Bucht, ablegte und direkt auf Meer hinaussteuerte ohne
an uns zu denken. Nun setzte Stephan den
ich-bin-jetzt-ziemlich-angefressen-Blick auf. Die Sommerhausbewohner konnten
uns jedoch versichern, dass an nächsten Tag sicherlich ein Boot kommt, weil sie
eines bestellt hatten. Reserve-Essen hatten wir genug mit und so plauderten wir
mit den inzwischen zurückgekehrten Besitzern der zwei Zelte. Sie machten schon
das zwölfte Jahr in Hornstrandir Urlaub. Einer hatte gemeinsam mit dem
Geschäftsführer von Stephans Firma studiert, der andere war der Angel-Partner
von Stephans Chef, eine war mit einer anderen Bekannten befreundet. Das ist
hier normal. Die Insel ist so klein, dass man immer Leute trifft. Am folgenden
Tag haben wir insgesamt 3 Arbeitskollegen in Isafjörður getroffen.
Mit 28
Stunden Verspätung setzten wir unsere Reise fort. Wir sahen uns noch ein paar
Robben auf einer Sandbank an, das Hexenmuseum in Holmavík (in Island waren 95%
aller verurteilten Hexen Männer) und hatten bei immer schlechter werdendem
Wetter, bei rund 7 Grad, Nebel und Wind auf einmal keine Lust mehr im Zelt zu
schlafen. Die Erzählungen wie schrecklich hei? es jetzt gerade in Wien war,
brachten uns dazu zurück nach Reykjavík zu fahren um den Rest des Urlaubs
zumindest in einer warmen Wohnung zu verbringen. Und dort hat sich Island mit
uns schnell wieder versöhnt. Ein Frühstück auf der Terrasse, mehr als 20 Grad,
Sonne und Windstille lockten uns doch nochmals raus und wir gingen zum einzigen
Klettergebiet im 300 km Umkreis um Reykjavík und kletterten alle bis auf eine
Route. Na gut, es waren 5 Routen. Aber die waren dafür nett.
Liebe
Grü?e
Agnes
und Stephan
08.11.01
Liebe
Freunde!
Es habt
sich wieder einiges zugetragen im hohen Norden und das ist im folgenden wieder
in Gschichtln verpackt ...
Im
September besuchten uns Brigitte, Johanna und Norbert aus Wien. Mit ihnen
gründete ich vor 8 Jahren eine Kinderbergsportgruppe. Vier Mitglieder dieser
Gruppe, sie sind inzwischen 15 bis 17 Jahre alt, fuhren mit den dreien mit. Und
alle hatten bei uns Platz: neun Leute auf 48m2. Norbert war es gleich zu eng, bevor
er es noch ausprobiert hat und schlief auf der Terrasse. Er kam schon halb
krank mit leichtem Fieber und am Tag zuvor aus Georgien zurück weil ihm das
Essen dort nicht so schmeckete, aber auch der gesunde Terrassenschlaf konnte
keine spontane Genesung herbeiführen. Das bedeutet, für nicht Eingeweihte, dass
er nur mehr eine sehr gute Kondition hatte und kein Kraftphänomen mehr
darstellte.
Geplant
war eine Wanderung im isländischen Nirgendwo wo wir nach vier Tagen am
Ausgangspunkt Núpsstaðaskógar wieder zurückkommen, ich nach Hause fahre und die
anderen noch ein paar Tage in Landmannalaugar verbringen. Dazu wollten Norbert
und Co. im einzigen Haus von Núpsstaðaskógar, nahe einer sehenswerten Kirche,
einen Rucksack voll Proviant lassen. Agnes und ich kannten das Haus, weil wir
uns schon die Kirche angesehen hatten. Dort sitzen immer 2 sehr alte Männer
drinnen und sehen den ganzen Tag zum Fenster raus, und schauen zu, wie die
Leute zur Kirche fahren und Fotos machen. Vor dem Haus steht ein Oldtimer
Range-Rover, der eine Nummerntafel hat aber so aussieht, als dürfte er nicht
mal mehr am Schrottplatz stehen.
Ich
dachte mir, den alten schwerhörigen Leuten auf isländisch zu erklären, dass wir
bei ihnen einen Rucksack lassen wollen, weil wir nicht 15 kg Futter unnötig
durch Islands Pampa schleppen wollen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Am Weg zu
deren Haus fuhr der überschrottreife Oldtimer mit einem uralten Fahrer an uns
vorbei. Beim Haus angekommen sah ich kein Gesicht am Fenster. Ich hoffte schon
sie seien beide bei den Urenkerln zu Besuch und ich muss jetzt nicht quatschen,
als rund eine Minute nach unserem Klopfen die Tür aufging. Dann habe ich
gestottert, was ich mir vorher so ausdachte und der alte Mann sagte nur
"allt i lagi" - "geht in Ordnung". Dann war ich paff, sehr
stolz auf mein Isländisch und froh über das Höhrvermögen des Hausbewohners.
Auf der
Wanderung trafen wir 4 Tage lang keine Menschenseele, es regnete täglich, war
kalt und unfreundlich. Es mussten gut ein Dutzend Flüsse gefurtet werden. Einer
davon ist im Wanderführer als "reissend" beschrieben. Bei näherer
Inspektion haben wir ihn als "unpassierbar" klassifiziert, doch
Norbert fand zum Glück eine riesige Schneebrücke die eine sichere Querung
trockenen Fußes ermöglichte. Im Wanderführer, den Norbert mitbrachte sahen wir
übrigens ein Foto von Jón Gauti, einem Arbeitskollegen, der früher als
Fotomodell und Bergführer gearbeitet hat (Agnes findet ihn sehr fesch). Er
erzählte uns später, dass der Autor des Führers als sein Kunde eine Tour durch
das Gebiet gemacht hat. Er selbst hat den Fluss immer angeseilt durchwatet, hat
kleinere Teilnehmer immer getragen, damit sie nicht davonschwimmen und ist
selbst schon zwei Mal von der Strömung forgerissen worden. Na beruhigend.
Am Weg
nach Hause gab es strahlendes Wetter. Ich fuhr per Anhalter, weil der Bus auf
Islands wichtigster Straße nur einmal täglich im Sommer fährt - im Winter fährt
er überhaupt nur drei Mal pro Woche. Mitgenommen wurde ich unter anderem von
einem evangelischen Priester und seiner Frau, die fast besser deutsch sprachen
als ich. Auf meine Frage warum sie so gut deutsch sprechen ließen sich mich
wissen, dass sie strenge Lehrer in der Schule hatten, als Hobby-Musiker schon
mehrere Konzerte in Weimar gaben und ausserdem große Goethe-Fans sind. Den
letzteren verstehen die sicherlich besser als ich, weil ich lese auf deutsch
eigentlich nur e-mails.
Ende
September kann es im Hochland schon ordentlich schneien und so werden Schafe
und Pferde ins Tal getrieben und nach Besitzern sortiert. Als bestes Fortbewegungsmittel
dient dazu seit 1000 Jahren das Pferd. Die Isländer machen daraus ein Volksfest
und ein Geschäft. Zahlungskräftige Pferdefans aus den USA und Europa fliegen
extra auf die Insel nur um bei einem derartigen Abtrieb mitreiten zu dürfen. Wirklich
mithelfen dürfen sie nicht, Pferde und Sattel müssen sie sich ausborgen, also
kostet denen das eine Stange Geld. So nah am Geschehen konnte Agnes dieser
Versuchung nicht widerstehen und nahm auch an so einem Ritt teil. Erstmals
zahlte sich auch für sie die Mühe des Isländisch Lernens aus. Denn ein Teil der
Bauern konnte noch weniger Englisch als sie Isländisch, war aber ganz
begeistert sich zu unterhalten. Und so erfuhr sie manche Dinge, die den
Touristen verschwiegen wurden, z.B., dass die Isländerin, die als Reiterführer
mitritt, immer alles besser wusste und jeden herumkommandierte (Zitat: wenn es
in Island ein Militär gäbe, wäre sie der Chef) auch erst das erste Mal
mitgeritten ist. Ansonsten war der 3-tägige Abtrieb geprägt von Schneesturm,
darauf warten, dass die Pferde und Schafe weiterlaufen, sich die Zeit mit
Singen von isländischen Volksliedern vertreiben, sich mit selbstgebranntem
Schnaps aufwärmen, anderen Isländern helfen ihre Handpferde wiederzufinden,
weil sie selbst dafür zu besoffen sind, mit dem Pferd im Morast versinken, vom
klassischen Durchgeher bis zum superweichen Töltmoped alles auszuprobieren,
zuschauen wie Isländer Schafe fangen (anschleichen, anspringen, Bauchlandung
auf dem Schaf machen, Schaf schnappen und vor sich auf's Pferd hieven)und am
Abend im Hotpot relaxen und Muskeln entspannen.
Zwei
Wochen später war **der** berühmte Pferdeabtrieb von Hólar, wo alle dort sind
und wir auch hin mussten. Damit mir nicht so langweilig wird, habe ich meinen Arbeitskollegen
Freyr gebeten uns zu begleiten, was er auch tat. Am Vorabend war eine
Pferdeverkaufsshow in Saudárkrokur. Das Publikum war mit Bierdosen und
Branntweinflaschen ausgestattet und hat während der Präsentation schon kräftig
Durst gelöscht. Das war bei machen Viechern die dort gezeigt wurden auch ganz
gut, denn einige Tiere haben nicht nur ausgesehen wie eine Kuh sondern sind
auch so gelaufen. Die für Agnes interessanteren Pferde waren dann leider (oder
gottseidank?) in der Preisklasse von mehreren hundert tausend Schilling.
Nach
den Pferden war Partytime: die bisher noch nicht getrunken haben
begannen
jetzt zu trinken, eine Bühne wurde aufgebaut. Vier stimmgewaltige Brüder
betraten das Potest und trällerten isländische Gstanzln und das Publikum sang
mit. Zweifelloser musikalischer Höhepunkt war das vierstimmige o-sole-mio auf
Isländisch. Im Publikum traf Freyr seinen Cousin, dessen Schwiegervater
Steinþór einen Pferdehof in der Gegend hat. Er hat uns sofort für den nächsten
Abend ins Haus seiner Schwiegereltern eingeladen.
Übernachtet
haben wir in einem Bauernhof mit Gästezimmern in Varmahlið. Alle Gäste dort
kamen nur wegen dem Pferde/Sauf-Event. Als wir spät Abends in unser Zimmer
gingen lag im Wohnzimmer die Bäuerin am Sofa und schnarchte. Als wir am Morgen
aufstanden lag der Bauer am Sofa.
Der
Abtrieb am nächsten Tag glich eher einer Volksversammlung als einer
landwirtschaftlichen Notwendigkeit. Es wurden vielleicht 200 - 300 Pferde
abgetrieben und das von mehr als 100 berittenen Treibern, weil jeder dabei sein
will. Und um und im Pferch waren etwa 500 Zuschauer. Branntwein wurde
herumgereicht und Trockenfisch gegessen. Wir bekamen einen
"Logenplatz" im Pferch, dank des Cousins von Freyr. Wir erfuhren
dann, dass Steinþór sowas wie der Organisator dieses Ereignisses ist. Mich
wundert es, dass es keine Verletzten gab: im Zentrum des Pferchs waren
gleichzeitig gut 30 halbwilden Pferde die verängstigt herumschossen und
dazwischen halb-alkoholisierte Isländer die versuchten ihre Tiere in ihren
Sektor zu bringen.
Und
richtig nett wurde es dann am Abend in Steinþórs Haus. Es ist in der Gegend
üblich an diesem Abend von Hof zu Hof zu wandern dort zu singen und zu saufen.
Nur bei Steinþór stand das Singen im Mittelpunkt und das Trinken war eine
Begleiterscheinung um die Stimme zu ölen. Und das war notwendig. Während der
vier Stunden, die wir dort waren wurde fast ununterbrochen, vornehmlich von
Männern, gesungen. Und das wirklich nicht schlecht. Zwei der singenden Brüder
waren dort, Steinþór oder seine Tochter begleiteten am Klavier. Sie ist
Musiklehrerin, der Bauer hat erst im Alter von 30 Jahren seine erste
Klavierstunde genommen. Er spielte ziemlich gut, also vielleicht wird ja auch
noch was aus mir.
Als
wichtigster Mann bei dem Pferdeabtrieb war es ein Privileg ins Haus Steinþórs
eingeladen zu werden. Agnes traf dort auch Bekannte vom letzten Abtrieb, die
Jahre gebraucht hatten um in diesen elitären Kreis der Gäste aufgenommen zu
werden und denen die Lade runtergekippt ist, als sie uns Neo-Isländer dort sahen.
Wir
gingen relativ zeitig in Varmalið zu Bett weil wir am nächsten Tag in Reykjavik
Tangokurs hatten. Etwa um vier Uhr morgens kamen die anderen nach Gäste Hause,
sangen aus voller Kehle und brateten Speck in der Küche.
Der
Oktober verlief dann ruhig, es war der wärmste seit es Aufzeichnungen gibt. Und
Ende Oktober wurde es sogar sehr heiß: wir sahen uns nach einer neuen Wohnung
um, weil der Vertrag für unsere jetztige Ende Dezember ausläuft. Zum Schluss
standen 2 in der näheren Auswahl. Eine hässliche, billige mit nettem Hausherrn
in der nähe von Agnes Firma und eine hübsche Wohnung in einem Altbau in
Zentrumsnähe. Wir entschieden uns für letztere. Die erste Wohnungsbesichtigung
konnte dem Vermieter nicht schnell genug gehen, er rief uns Sonntag abends
zurück und schlug sofortige Besichtig vor. Den Gefallen taten wir ihm aber
nicht, weil wir gerade Besuch hatten. Bei der Wohnungsbesichtigung meinte er,
die Wohnung wäre sofort frei und er möchte ab November Miete kassieren. Wir
brauchen aber erst Ende Dezember eine Wohnung und so schlugen wir vor ab Anfang
Dezember zu zahlen. Wäre er einverstanden gewesen, hätten wir sie sofort
genommen. Aber er wollte noch 2 Tage darüber nachdenken. Er dachte nach, und
versuchte uns am zweiten Tag darauf mehrmals zu erreichen. Als wir ihn dann
anriefen meinte er, er akzeptiert unseren Vorschlag. Am nächsten Tag faxte er
uns den Mietvertrag mit dem Begleittext, wir sollten noch am Abend am Telefon
den Vertrag gemeinsam durchgehen. Das taten wir. Am nächsten Tag, dem 1.November
sollte gleich die Mängelbegehung sein und die Vertragsunterzeichnung.
Die
Eile war mir suspekt. Am Vertrag stand, dass er nicht der Eigentümer der
Wohnung ist, sondern dessen Repräsentant, die Wohnung ist Eigentum einer Frau.
Dank WWW fanden wir auch heraus, dass seine Telefonnummer einem Maklerbüro
gehört und er offensichtlich Makler ist. Das hätte die Sache mit dem
Repräsentanten erklärt. Aber dann kam Island ins Spiel: hier läuft alles mit
der Sozialversicherungsnummer, die man sogar braucht, wenn man sich ein Video
in der Videothek ausborgen will; und es gibt keine Familiennamen, man heist
"Sohn des..." oder "Tochter des...". Die Besitzerin der
Wohnung war dem Namen nach seine Tochter, war 17 Jahre alt und hatte am 2.
November den 18. Geburtstag. Das kann doch alles kein Zufall sein dachte ich.
Ich rief bei ihm am Vormittag des 1. November an und gab vor an diesem Abend
leider doch keine Zeit zu haben, weil mir was dazwischen gekommen sei und bat
um einen neuen Termin für die Mängelbegehung und Vertragsunterzeichnung. Und
siehe da: es ging nicht. Er war dann sehr kurz angebunden und legte auf. Der
Mann wollte entweder uns oder seine Tochter ordentlich bescheißen. Wäre er auf
unser Angebot auf eine Monatsmiete zu verzichten eingestiegen, hätte er unsere
Unterschriften gekriegt. Aber wer gierig ist, der soll bestraft werden. Es lebe
die Sozialversicherungsnummer und die Bürokratie!
Wir
ziehen jetzt in die hässliche Wohnung. Die wird von Agnes Firma gemietet, wir
müssen nichts unterschreiben. Der Vermieter ist sehr nett, er und sein Sohn
wohnen im gleichen Haus. Ich denke wir können in der hässlichen Wohnung viel
ruhiger schlafen.
Ja! Und
Geburtstag gefeiert haben wir auch und unser Auto haben wir hoffnungslos
überfordert, als wir letzte Woche gute 10 Mal im Tiefschnee stecken geblieben
sind. Das, und warum man auch in Reykjavik Sturm trinken kann, wird noch ein
andermal erzählt. Die Bilderchen dürft Ihr Euch aber jetzt schon ansehen:
http://community.webshots.com/album/24735966xGgdTvQoPx
http://community.webshots.com/album/24783902emIxBTswqw
Liebe
Grüße
Stephan
03.01.2002
Hallo
allerseits!
Die
Redaktion des Nordlichterreports hat ihren Hauptwohnsitz gewechselt:
Agnes +
Stephan Grünfelder
Heiðarás 13
IS-110 Reykjavík
Telefon
(gleich geblieben): 00354/588 01 69
Wir
wünschen Euch ein gutes neues Jahr und viel Spass beim Lesen ...
Zu
meinem Geburtstag (http://community.webshots.com/album/24735966xGgdTvQoPx)
bekam ich nicht nur ein Stück Gletscher von meinem Arbeitskollegen Kommi,
sondern auch einen "Vinomat" von Agnes. Der Vinomat ist eine Kiste
mit Zutaten um selbst Wein zu Hause machen zu können. In den Ländern des
Nordens, wo Alkohol sehr teuer und der Geschmack nicht so wirklich wichtig ist,
ist das eine sensationelle Sache. So kommt man auf einfachem Wege zu 28
Flaschen Wein ohne dafür das Auto verpfänden zu müssen. Am gepanschten Wein
hatte ich kein grosses Interesse, aber ein Glaserl Sturm am Polarkreis, ein
Stück Heimat im Glas ist eine Oase in der Wüste. Nachdem ich sehr unter dem
sturmlosen Herbst gelitten hatte, hatte meine Laune bald wieder Oberwasser als
wir die ersten Liter Sturm im Freundeskreis vernichteten. Der gärende Saft
schmeckte wirklich fast genau wie echter Sturm und hatte auch alle seine
Nebenwirkungen.
Im
November zog hier der Winter ein. Die Nebenstrassen, Radwege und Gehsteige
Reykjaviks werden kaum geräumt (und wenn dies der Fall ist, dann verweht der
Wind ohnehin wieder alles) und so passierte es mehr als einmal, dass ich mit
dem Fahrrad im kniehohen Schnee stecken blieb. Doch als erklärter Schnee-Fan
machte mir das herzlich wenig und Agnes und ich fuhren auch mit Begeisterung
auf die Jeep-Tour meiner Firma mit
(http://community.webshots.com/album/24783902emIxBTswqw). Sehr zum Ärgernis der
Besitzer von riesigen, modifizierten Geländewagen kamen wir mit unserem Suzuki
überall hin, wo auch die Superjeeps fuhren. Es muss dem Isländer unheimliche
Freude machen, wenn er im Tiefschnee mit seinem Auto stecken bleibt. Also
brachten dann die Fahrer der grossen Karossen im letzten Drittel der Wegstrecke
mit Gewalt ihre Kisten im Schnee zum Stecken um sich dann gegenseitig mit
Freude und Begeisterung wieder rauszuziehen. Zu diesem Zeitpunkt fanden sie es
noch lustig. Denn wenig später, als der Tag zur Neige ging, wurde es wärmer und
der Schnee weicher. Das hatte den Effekt, dass unser Suzuki rund 12 bis 14 Mal
am Bauch im Tiefschnee aufsass und die vier Räder in der Luft drehten.
Hinausgeschleppt wird man dabei mit einem langem, elastischen Seil. Das ist
notwendig, weil auch die grossen Jeeps zu wenig Reibung hätten um am einfachen
Seil ein steckengebliebenes Fahrzeug zu ziehen. Das Seil wird montiert und der
Schleppende fährt bis auf Tuchfühlung zum steckengebliebenen Fahrzeug. Im
kleinen Suzuki sieht sahen wir dann die Stoss-Stange des um 50 cm gehobenen
Toyota Hilux der dann Vollgas gab um genug Schwung zu bekommen. Je nach
Situation schossen wir dann wie die Pfitschipfeile aus dem Schnee (und rissen
uns wahrscheinlich den Auspuff ab) oder rutschen langsam am Bauch wieder auf
besseres Terrain. Zur geräumten Strasse waren es nur noch 8 km als auch die
grossen Fahrzeuge begannen stecken zu blieben. Es war schon längst dunkel
geworden und Toyota-Eyþór, unser grösster Jeep-Fan und Routen-Finder, schaltete
seine 4 Zusatzscheinwerfer ein, blickte stets auf sein GPS und hörte Radio. Als
er den zweitgrössten Jeep aus dem Tiefschnee zog, starb sein Motor ab und es
ward finster und still. Die Batterie war komplett leer. Doch Isländer sind
Ausrüstungsfreaks. In der wohlsortierten Werkzeugkiste, neben den 40 Litern
Reservesprit, war auch ein Starterkabel. Am Vortag hatte ich noch lamentiert,
dass eine Autotour das unsportlichste sei, was ich mir als
Wochenendbeschäftigung nur vorstellen könne. Nur zu diesem Zeitpunkt wusste ich
noch nicht, dass ich am nächsten Tag einen Ganzkörpermuskelkater bekommen
würde, der selbst die Auswirkungen einer Klettertour mit Günther ("nur a
liabe Kletterei") noch übertrifft. Wir benötigten für die letzten 8
Kilometer fünf Stunden, die wir damit verbrachten Autos auszuschaufeln, zu
schieben, zu ziehen, zu stemmen und zwischen den Wagen hin und her zu laufen.
Aber
dann kam die stillste Zeit im Jahr. Der Schnee verschwand und die Isländer
hängten ihre rot blinkenden Lichtschlangen in die Fenster, dass jedes Fenster
wie das von einem Puff aussah. Nun leuchten Weihnachtsmänner in der Dachrinne,
Plastikschneemänner in der grünen Wiese und sogar zahlreiche Strassenlaternen
sind noch mit kleinen Lichterketten umwickelt
(http://community.webshots.com/album/28392165mLHMpqYyYD). Man wünscht sich
gegenseitig "gleol", das ist ein schnell ausgesprochenes
"gledinlegt jól" (schöne Weihnachten), für die vollen vier Silben ist
keine Zeit. Und die zwei katholischen Österreicher suchten nach langem wieder
mal eine Kirche auf und fanden sich am vierten Advensonntag unter 50% Filipinos
sowie einigen Polen, Slowanken und Deutschen in einem englischsprachigen
Gottestdienst (in Island gibt es kaum Katholiken). Beim ersten Lied musste
Agnes an den Film "The Mission" denken, weil die vielen Leute aus
Übersee die Messgestalung prägen. Aber die Show schlechthin war die Mette, die
der Bischof von Island las. Der hat so einen argen (deutschen) Akzent, wenn er
Isländisch spricht, dass ihn niemand versteht. Anstatt irgendjemanden weniger
würdigen, der dafür die Sprache beherrscht, predigen zu lassen, macht er alles
selbst und in den Bänken liegen Hefte auf, die jedes Wort, das der Bischof
spricht, enthalten. "Spricht" ist eh gut gesagt, er liest es
natürlich auch aus dem Heft. Wir trafen dort einen Österreicher, der seit
vielen Jahren in Island verheiratet ist und fliessend die Landessprache
beherrscht. Er meinte scherzhalber, dass er die Mette hier so geniesst, weil er
von dem was vorne gesagt wird nicht in seiner Andacht gestört wird.
Zum
Jahreswechsel haben wir uns die Feuerwerke über Reykjavik angesehen. Die
isländischen Bergrettungsorganisationen und die Katastrophenhilfe haben das
Monopol auf den Verkauf von Feuerwerkskörpern und finanzieren sich damit zur
Gänze. Also ist es ja eine gute Tat, wenn der Durchschnittsbürger um die
1000,-- ATS in die Luft schiesst. Von unserem Aussichtspunkt, Perlan, war die
Luft vom Rauch der Raketen schon so getrübt, dass man zeitweise wirklich
schlecht sah. Auch der Zeitpunkt des Jahreswechsels ist nicht so genau
definiert. Während der Comedy-Show im Fernsehen herrscht Totenstille. Island
sitzt vor der Glotze und sieht sich die wirlich guten Sketches an. Sobald aber
der letzte Sketch kurz nach halb zwölf vorbei ist, ballern alle los wie wild.
Irgendwann in der folgenden Stunde Dauerfeuer wechselt das Jahr. Nur ein paar
Österreicher blickten dieses Jahr auf die Uhr, prosteten sich um Mitternacht
auf dem berühmten Aussichtspunkt in Reykjavik mit Sekt zu und tanzten Walzer.
Wir sehen
nun unserem zweiten Jahr in Island entgegen und hoffen noch viel Stoff für
Erzählungen zu sammeln. Dazu haben wir ja die nötigen Bekannschaften schon
geschlossen. Z.B. Jean-Baptiste, der Mathematiker aus Frankreich, der in den
USA studierte und in Schweden eine Dissertation über partielle
Differentialgleichungen im Sterbevorgang von Gurken schrieb. Oder Freyr, der
als Biologe und Berufsjäger ein halbes Jahr in Grönland mit Strafgefangenen
Rentiere tötete. Nicht zu vergessen ein Feund des schon einmal erwähnten
Arbeitskollegen Gisli: er hat seinen Pilotenschein verloren, nachdem er einmal
auf der Strasse von Þingvellir nach Reykjavik gelandet ist, nur damit seine
Freundin eher pinkeln gehen kann. Ein Jahr später ist er mit einem kraftvollen
Motorschlitten übers Meer auf die wenige hundert Meter von der Hauptinsel
gelegene Insel Videy gefahren. Am Weg zurück hatte er Motorprobleme und verlor
an Geschwindigkeit, versenkte somit seinen Schlitten im Meer und musste
zurückschwimmen.
Liebe
Grüsse von Agnes und mir und nochmals alles Gute im neuen Jahr sendet Euch
Stephan
09.04.2002
Liebe
Freunde!
Wieder
ein Lebenszeichen von mir und Agnes mit einer Unzahl von Foto-Links. Also zum
Ansehen einen Urlaubstag nehmen oder so ...
Seit
Jahresbeginn wohnen wir in unserem neuen Domizil, einer Wohnung in einem
grösserem Einfamilienhaus (ein paar Fotos f. Leute, die uns noch besuchen
wollen: http://community.webshots.com/album/30159443urlHzLxdmQ). Dass der
Wohnungsbesitzer einen Zweitschlüssel für die vermietete Wohnung hat, ist ja
nichts ungewöhnliches, aber in unserem Fall wohnt er ja im gleichen Haus, also
würde sich so mancher vielleicht unwohl fühlen. Nicht in unserem Fall, denn
hier herrscht Gleichberechtigung. Wir könnten auch ungehindert in die Wohnung
des Hausbesitzers marschieren: es gibt nämlich kein Schloss an seiner
Wohnungstür.
In
unseren alten Wohung lebt nun ein Arbeitskollege bei DeCODE, der aussieht wie
Robert De Niro, aber weniger Geld und dafür mehr Pech hat. Er kommt aus England
und wir müssen uns unglaublich konzentrieren um ihn wegen seines Akzents zu
verstehen. Nicht nur wir zwei. Er war unlängst in einer Bar in Höfn, am anderen
Ende von Island und wurde von einer jungen Frau mit herzhaftem Dekoltee zum
Armdrücken aufgefordert. Er hat die Ärmel raufgekrempelt, gedrückt und
verloren. Nach seiner Beschreibung konnte er ihren Arm keinen Millimeter
bewegen. Beim Smalltalk nach dem Kräftemessen bewunderte die, wie gesagt, nicht
nur an den Armen gut bestückte Isländerin die Tätowierung des Engländers. Er
erklärte, dass das Tatoo nicht echt ist und bewunderte seinerseits ihre
Tätowierung an der Brust und fragte, ob diese echt ist. Doch die Kraftfrau
verstand, dass er meinte ihr Busen sei nicht echt und verpasste dem armen De
Niro eine pracht Prügel. Scheiss Akzent!
So weit
hergeholt war der Verdacht aber nicht. Wir hörten einmal, dass auf Island pro
Jahr 1000 Brustvergrösserungen durchgeführt werden. Wenn man bedenkt, dass hier
nur 280.000 Menschen leben, wovon maximal die Hälfte Frauen sind, ist das
enorm. Und wer was hat, der zeigt es bereitwillig her. Egal ob es hübsch ist,
oder nicht. Zumindest am Wochenende in den zahlreichen Bars und Clubs in der
Innenstadt. Daher weiden die Augen des Besuchers nicht nur in
silikongepolsterten oder natürlich schön geformten Dekoltees. Auch eine Unmenge
an Frauen, die es sich eigentlich gar nicht erlauben können, zeigen freizügig
was sie haben und quetschen sich trotz doppeltem Normalgewicht in
figurbetonende Abendgarderobe, dass einem beim Ansehen übel wird. Und
anscheinend hat die andere Hälfte der Isländer den Fitness-Tick. Wenn wir mit
dem Fahrrad am Abend nach Hause fahren, dann joggt uns halb Reykjavík entgegen.
Vom fünfzehjährigen bis zu Uropa. Und eine Unzahl von Männern besucht hier
regelmässig die Kraftkammer. Ebenfalls alle Altersklassen, keinesfalls nur im
Aufrissalter!
Im
Februar bekamen wir unerwarteten Besuch. Unerwartet war eigentlich nur der
Termin, weil Christa und Michael hatten sich per e-mail für März angekündigt
und standen plötzlich vor der Tür. Tippfehler im Datum. Hat nicht wirklich was
gemacht, denn sie hatten uns tolles Wetter mitgebracht, wie man sehen kann:
http://community.webshots.com/album/35154848GrtzeA.
Wir
haben sicherlich schon einmal erwähnt, dass es hier keine Familiennamen gibt.
Ebenso gibt es keine Kommerzialräte, Doktoren, Professoren und so weiter. Wenn
man sich beim Arzt in einer Ordination einen Termin ausmacht, dann bittet man
um einen Termin beim Herbert und nich beim Herrn Obermedizinalrat Doktor
Superwichtig. Und die klassenlose Gesellschaft spiegelt sich auch bei
gesellschaftlichen Anlässen wider: beim sehr eleganten Flaga-Firmenfest in
einem der besten Restaurants der Stadt lies sich die Frau des Geschäftsführers
so volllaufen, dass sie kaum noch gehen konnte. Und das nimmt ihr wirklich
niemand übel, denn es war eine Firmenfeier und es war Wochenende: beides ein
Anlass ordentlich zu tschechern. Ob sie da die Frau vom Chef oder die Putzfrau
ist, ist wirklich wurscht. Die Putzfrau war übrigens beim Firmenfest letztes
Jahr so besoffen, dass sie dauern beim Reden undLachen ohne es zu merken die
Soletti ausgespuckt hat, die sie zwischendurch in den Mund stopfte.
Das
Besaufen auf Firmenfesten hat System. Beim Fest der 70-Mann-Firma Flaga gab es
zuerst "Aufheizparties" bei den Managern, wo die Firma den Alkohol
zahlt und man dann in einem Autobus ins noble Restaurant gebracht wurde, wo der
Alkohol isländisch unerschwinglich ist. Also ein paar Gläser auf Reserve
hinunter, damit die Wirkung länger hält und rein in den Bus. Im Restaurant sind
dann alle zur gleichen Zeit ziemlich lustig. Agnes arbeitet bei DeCODE als eine
von 600 Mirarbeitern. Sie finden alle samt (Tanz-)Partner in einem riesigen
Veranstaltungslokal Platz.Laut Speisekarte gehen die Kellner 3 Mal durch um die
Weingläser nachzufüllen. Sobald die Leute in ihrem Sektor den Kellner mit der
Weinflasche nachschenken sehen, trinkt jeder schnell aus, damit dem Wirt nichts
geschenkt wird. Auf diese Weise haben alle zur gleichen Zeit den gleichen
Pegel. Wenn alle gerade am Schwips-Maximum sind, dann beginnt die Band zu
spielen und innerhalb von 30 Sekunden ist die Tanzfläche voll.
Anfang
März gab es bei frühlingshaftem Sonnenschein eine Jeep-Tour von Flaga. Das
Schmelzwasser stand auf der Jeeppiste gute 20cm hoch und der angeschlossene
Schi-Ausflug war eine Exkursion in den Haxenbrecherschnee wie er im Buche
steht. Siehe http://www.flaga.is/4x4/photos%20hellisheidi.htm. Unser schon mal
erwähnter Freund Freyr kam mit seinem neuen Jeep. Den alten hat er bei Glatteis
aufs Dach gelegt. Mit dem neuen Jeep fuhr er am ersten Wochenende nach dem Kauf
bei 200km/h Windgeschwindigkeit bei einem Schotterwerk vorbei und hat ihn dabei
sozusagen grobkörnig sandgestrahlt. Er musste alle Fensterscheiben wechseln und
neu lackieren.
Was
auch den Winter hier beschreibt. Nicht allzu kalt. Wenn es schneit, dann geht
so ein Wind, dass der Schnee zum Schifahren unbrauchbar fest gepresst oder ins
Meer geblasen wird. Zwei Wochen Regen (!) mit nur einem Tag Pause Anfang Jänner
haben aber dafür gesorgt, dass es jede Menge Eis gab. So habe ich mit Agnes
eine superschöne Eistour auf einen Berg gemacht, der bei normalen Bedingungen
wahrscheinlich ähnlich schwer zu erklimmen ist wie der Buschberg in
Langenzersdorf. Der etwa 1000m hohen Botnsulur war auf mehr als 300 Höhenmetern
mit Eis überzogen. Und bei unserem Aufbruch an einem ungewöhnlich kalten
Wintermorgen (minus 16 Grad) dampften sogar das Wasser unter der uralten Lava
rund um Þingvellir, das fast das ganze Jahr konstant 1 Grad hat. An manchen
Stellen erstarrte der Dampf an der Kalten Luft zu Eis und aus dem Boden ragten
dann, dicht gesäät wie Grasbüschel, hauchdünne Eiszapfen.
Über
die Osterfeiertage waren wir in Ólafsfjörður im Norden des Landes auf Urlaub.
Vor unserer Blockhütte hatten wir unsere eigene "Badewanne" stets
gefüllt mit heissem Wasser. Das Wetter war abwechselnd extrem schlecht und
hervorragend. Der Ort liegt aber am ADW. Bis vor einpaar Jahren war er
eigentlich noch mehr am ADW, denn da konnte man am Landweg nur über eine
Strasse hin, die im Winter wegen Lawinengefahr und im Sommer oft wegen
Steinschlags gesperrt war. Auf einem Foto sieht man diese auch:
http://community.webshots.com/album/34666568tmcYwW. Eigentlich ein schöner Ort
mit einem einzigen Schilift und einem sehr ehrgeizigen Schisportklub. Sonst gibt
es dort nicht viel und daher ist der Ort schön aber traurig. Unsere Hütte
gehörte zu einem nahen Hotel. Ein paar verwöhnte Pinkel in unserer Gruppe
hielten es nicht aus, dass die Blockhütte keine Küche hatte und gingen jeden
Abend ins Hotel und "borgten" sich dort die Betriebsküche. Das gefiel
der Senior-Chefin aber nicht so sehr und so borgte der Hotelbesitzer seine
Privatwohnung her, damit unsere Leute dort morgens (!) und Abends kochen
konnten. Uns zweien war das mehr als peinlich aber später verstanden wir, dass
dem Hotelbesitzer wahrscheinlich sogar ein Gefallen getan wurde. Endlich hatte
er jemanden zum Reden oder besser: jemand der seinem Reden zuhört. Und er
redete ununterbrochen, von seinen vier Kindern von zwei geschiedenen Frauen,
die in anderen Ländern wohnen und sonstigem traurigen Käse. Und als drei von
unserer Gruppe mit ihm eine Spritztour auf seinem 180 km/h Motorschlitten auf
dem zugefrorenen See machten taten sie ihm sicherlich auch einen grossen
Gefallen. Am Ostersonntag Abend gingen wir dann in das neue Inn-Lokal des Orts.
Bingo: wir waren die einzigen Gäste. Das heisst aber nicht, dass unser Urlaub
traurig war. Im Gegenteil die Bilder beweisen es. Wir gingen eine Schitour,
gingen spazieren, schauten den Schifahrern zu, die sich von Superjeeps über
eine gesperrte Strasse ziehen liessen und liessen im Hot Pot die Seele baumeln
- im letzteren hielt Stephans kanadische Arbeitkollegen den Rekord: vier
Stunden im Warmwasser sitzen! Und so nebenbei verzwickten wir noch ganze 12
Liter selbstgebrauten roten Sturm :-) ... zu elft :-|
Liebe
Grüsse
Agnes +
Stephan
25.07.2002
Es gibt
wieder was zu erzählen. Wir konnten uns nicht einigen was wichtiger ist. Daher
erzählen wir Euch alles im Durcheinander, so als täten wir gegenübersitzen und
erklären Euch in Klammern ob Agnes oder Stephan spricht.
(Agnes)
Zuerst zum Perdeturnier Landsmot: es war ein Waaaahnsinn! Ich bin diesmal
Freitag abend schon hingefahren, per Bus. Den Shuttlebus zum Turniergelände
hatte ich dann für mich alleine, er fuhr strax an der vorm Eingang wartenden
Autoschlange vorbei und brachte mich genau zu dem Treffpunkt, den ich mir mit
einer Freundin ausgemacht hatte - ein echtes Luxustaxi! Diese Freundin war
schon ziemlich im Öl, es dauerte eine Weile bis wir uns gefunden hatten. Auf
dem 10-minütigen Weg zum Zeltplatz fiel sie 3 mal hin, worauf ich ihr meine
Bierdosen wieder abnahm und selber trug. Die letzten Bewerbe waren jeweils etwa
um 1/2 1 in der Nacht fertig, dann ging's los mit Live-Musik und dem
allgemeinen Besäufnis. Um 6 Uhr fiel ich ins Zelt um 9 Uhr war ich wieder an
der Bahn, Zuchtprüfungen. Neben uns lagen noch einige "Überbleibsel",
die den Weg ins Zelt nicht mehr geschafft hatten, einfach dort liegengeblieben
waren wo sie wahrscheinlich umgefallen waren und sich in ihrem Schnarchen vom
Turniersprecher nicht stören liessen.
Jetzt
zum Ehrengast des Landsmots, Prinzessin Anne aus England. Gleich vorweg: es war
sicher ihr letztes Landsmot - sie kommt nicht mehr wieder. Das Ganze war
isländisch-schleissig organisiert (T'schuldigung). Es fing damit an, dass sie
sich hinter dem isländischen Präsidenten den Weg durch die Menge erst freiboxen
musste, um zu dem ihr zugedachten Platz zu kommen. Für alle, die noch nie auf
einem Landsmot waren, es sieht dort so aus dass das Publikum auf einer Böschung
(eine natürliche Tribüne) neben der Bahn sitzt, zumeist direkt am Boden, einige
auf Campingsesseln. Zurück zur Prinzessin. Endlich an ihrem Platz angekommen
fielen ihr beinah die Augen raus und vorallem das Gesicht hinunter, als sie sah,
wo sie sitzen sollte: man hatte ihr einen Sitzposter, Grösse 40x40cm, so wie
man ihn als Auflage für Gartensesseln verwendet, auf dem Boden vorbereitet.
Keinen Sessel, wohlweislich. Dabei hatte sie richtig Glück, dass es an diesem
Tag nicht geregnet hatte. Einige Meter neben ihr sassen die Leute in ihrem
Campingsesseln und konnten im wahrsten Sinn des Wortes auf das britische
Königshaus hinunterschauen. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende! Sie
bekam auch noch ein Geschenk, ein Pferd natürlich.Ein ganz ein besonderes.
Eines, das behinderten Kindern in England helfen und für Reittherapie
eingesetzt werden soll, weil es extrem brav und lieb ist. Und dieses liebe,
zahme Wesen zeigte sein wahren Wesen genau in den Augenblick der Übergabe, als
es seinen Führer in den Arm biss und mit den Hinterbeinen kräfig ausschlug.
Naja, es wird wohl in die Wurst gehen. Hoffentlich wird wenigstens der
Spezialsattel (mit einer Art Lehne) verwendet werden.
(Stephan)
Bitte keine Pferdegeschichten! Ich fang chronologisch an, mit älteren
Geschichten. Im Mai waren wir in Usbekistan auf Urlaub. Sehr nett und
sehenswert, aber was hat Zentralasien in einem "Nordlichter"report
verloren? Nun, ich denke es verirren sich nicht allzuviele Leute mit Wohnsitz
Reykjavik in die kasachische Steppe und statten einer halbnomadischen Familie
einen Besuch in einer Jurte ab. Und wenn man auch schon Deutsche, Franzosen und
so weiter gesehen hat, aber "Island" klingt dort noch viel exotischer
als hier "Usbekistan". Der Sohn der Familie beglückte uns mit
Volksmusik und sang uns ein Ständchen, zu dem er sich mit seinem
2-Saiten-Instrument begleitete. Was machen zum Kulturaustausch? Unsere
Usbekischvokabel reichten wirklich nicht um dem Kerl von einem einem Gspritzen
beim Heurigenbesuch in Wien oder einem Lavafeld im Isländischen Hochland zu
erzählen. Also sangen wir auch ein Volkslied. Und nachdem die Kunde schon
vorauseilte, dass wir in Island leben, wurde es ein isländisches Volkslied. Wir
saszen also am Teppich am Boden in der Steppe, schlürften das Kefir-ähnliche
Milchprodukt, das uns angeboten wurde, und sangen dann im Duett. Ich habe den
Text von "Ridum ridum" wirklich nie gelernt aber habe sehr
überzeugend "lalala" zur einfachen Melodie gesungen. Und wir waren
sicherlich die ersten, die es dort je sangen.
Am
Kamelritt retour zu unserem Quartier wusste ich: das Milchprodukt wird sich
noch bitter an mir rächen. Aber ich konnte die immense Gastfreundschaft nicht
einfach abschlagen und musste also mit einem Tag am Klo dafür bezahlen. Und
noch einmal spielte Island eine Rolle in Usbekistan. Als wir vor einer Madrassa
vom einzigen lästigen, touristengeprüften Verkaufsprofi angequatscht wurden und
man damit rechnen musste, dass der alle westeuropäischen Sprachen gut genug
beherrscht um uns weiter auf den Wecker zu gehen, da sprachen wir plötzlich
sehr fliessend isländisch und verstanden sonst wirklich nichts.
Zurück
nach Island: gleich ein paar Tage nach unserer Ankuft wurden wir zu einem
Geburtstagsfestl in die þorsmörk eingeladen und wurden gebeten die recht
bekannte Sängerin Björk mitzunehmen. Also mit "bekannt" meine ich
"wirklich bekannt auf der Welt", nicht nur in Island. Nicht gar so
bekannt wir Michael Jackson aber doch mehr als Reinhard Fendrich. Agnes und ich
hielten es für eine - wie sagt man "Verarschung" auf hochdeutsch? -
aber siehe da, sie sass dann tatsächlich bei uns im Auto und sah auch ganz so
aus wie man sich einen Popstar vorstellt. Sie trug ein unglaublich
verschnittenes, nicht sehr kleidsames Jeanskleid und Pantoffel mit Plüschbuschen
vorne drauf. Wir trugen Fleecehemden, Jeans und Bergschuhe. Das Geburtstagskind
war Schwester des Popstars und es entpuppte sich später auch noch als Braut.
Denn sie hat am Geburtstagsfestl als Überraschung für die Gäste ihren
Lebensgefährten geehelicht. Die Braut trug Jeans und Bergschuhe, der Bräutigam
einen Pullover, eine Wanderhose und ebenfalls Bergschuhe. Die Moral: passendes
Schuhwerk sollte man immer dabei haben. Der Standesbeamte ist in Island
übrigens witzig angezogen: er hat eine Uniform an wie der Kapitän vom
Traumschiff. Die Standesbeamten gehören hier zur Polizei und deren feierliche
Uniform sieht so aus. Fotos davon gibt´s unter:
http://community.webshots.com/album/39820881MJVewV
In die
þorsmörk kamen wir bald wieder. Wir gingen den etwa 65km langen Laugarvegur
durchs Gebirge. Entlang dieser 65km gibt es 3 Hütten mit Zeltplätzen. Der
Führer empfiehlt 4 Tagesetappen. Wir gingen Etappen 2 und 3 an einem Tag und
schafften es in 3 Tagen, in Summe etwa 20 Stunden Gehzeit. Jemand erzählte uns
ehrfurchtsvoll, dass ein Nationalpark-Ranger die Strecke schon in 12 Stunden an
einem Tag absolviert haben soll. Was noch immer ein Lärcherlschas gegen den
Arbeiskollegen von Agnes ist: er lief die Strecke in 4:50h. Sein jahrelang
bestehender Rekord wurde von einem Amerikaner gebrochen, der im Rahmen eines
Wettbewerbs für die Strecke nur 4:38h benötigte. Ufff!
Wir
hatten als Ausrede immerhin das nicht so geniale Wetter. Hier gibt es ein paar
Bilderchen: http://community.webshots.com/album/41180362gfCXJp.Und hier ist der
zweite Teil mit Nachfeier: http://community.webshots.com/album/41186457YruSaf.
Unsere Wandergruppe bestand aus 13 Leuten aus 9 verschiedenen Nationen. In
einem feierlichen Beisammensein hat jeder eine Kleinigkeit für die anderen
gekocht oder gebacken. Unser Kulturexport sah so aus: Agnes servierte einen
Apfelstrudel und einen Topfenstrudel und ich hab inzwischen den Hubert von
Goisern aufgelegt und den Walkjanker angezogen. Worauf der Italiener zum
Schuhplatteln begann. Selbst die mit der alpenlänschen Kultur nicht so
vertrauten Gäste fanden es lustig. Wahrscheinlich weil der Australier und der
Franzose so guten Wein mitbrachten ...
(Agnes)
Wir haben ja schon einmal vom Hang der Isländer zu teurem motorisierten
Spielzeug erzählt. Und das schönste ist immer: etwas auszuprobieren bei dem
Spielzeug kaputt gehen könnte. Scheints angespornt durch die erfolgreiche
Befahrung des Meeres mit dem Motorschlitten versuchte es ein Isländer nun mit
einem Rennauto. Er wollte in seiner 600-PS-Maschine einen Hafen trockenen
Fusses überqueren. Im Beisein zahlreicher Schaulustiger und gefilmt von
isländischen Fernsehen kam er mit dem Wagen bis etwa zur Hälfte des Hafens, ehe
er sank. Es muss eine Riesengaudi für die Zuschauer gewesen sein. Ein
herbeieilendes Schnellboot rettete aber das Auto (und den Fahrer) vor dem
gänzlichen Versinken. Im Interview wurde dann festgestellt, dass wahrscheinlich
doch zu viele Wellen am Wasser waren und man es bei absoluter Windstille
nochmals probieren müsste.
(Stephan)
Auf dem zielmich faden Gletscher Eriksjökull war ich letztes Wochenende mit ein
paar Freunden. Er ist umringt von sehr steilen Schotterhalden. Man denkt sich
es wäre wohl der einzige Gletscher Islands, wo noch kein Auto drauf
herumgefahren ist. Denkt man. Arbeitskollege Freyr wusste aus eingeweihten
Kreisen, dass schon einer oben war. Er musste den Jeep mit der Seilwinde über
die Schotterhalden hinaufziehen. Dabei kippte allerdings der Wagen und er
zerdepperte sich alle Fenster. Das hinderte den Fahrer nicht dann oben die
Ehrenrunde zu drehen.
Und
jetzt müssen wir erklären warum jeder sonnige Sommertag hier wie ein Ferientag
für uns ist. Typischer Tagesablauf: ich stehe um 7 Uhr auf, frühstücke, wecke
Agnes. Gegen 8 Uhr brechen wir auf und radeln (grösstenteils gemeinsam) durch
einen Grüngürtel zur Arbeit. Am Weg sehen wir öfters eines der verwilderten
Hauskaninchen, entland unserer Wegstrecke fliesst ein kleiner Fluss. Deutlich
öfter als Kaninchen sehen wir Angler, die 5 Minuten von unserer Haustür Lachse
fischen. Agnes frühstückt dann in der Firma auf Kosten der Firma ...
(Agnes)...
und geht dann in einen Vortrag eines renomierten Forschers aus den USA. Der
will eigentlich über seine Präsentation vom Computerbildschirm auf die Leinwand
projezieren, nur dummerweise kommt stattdessen dauernd eine Live-Übertragung
von einem Fussballmatch. Es ist gerade Fussball Worldcup und der 500-Mann
Vortragssaal wird jetzt mehr zum Fussballschauen als für wissenschaftliche
Vorträge benutzt.
(Stephan)
Am Vormittag arbeite ich etwa drei Stunden. Weil es so sonnig ist, serviert die
Küchenhilfe das Mittagessen auf der Terasse. Nach dem Mittagessen spiele ich
mit Kollegen zwischen 20 und 30 Minuten Hagisack am Parkplatz vor der Firma mit
Blick auf Perlan, das Meer und eine Blumenwiese.
(Agnes)
Und ich mache Tierbeobachtungen vom Büro bei DeCode aus: mehrere Gänsefamilien
fühlen sich in dem Teich, der rund um das Gebäude angelegt ist, sehr wohl
(Fotos unter: http://community.webshots.com/album/44554080TvtNWB).
(Stephan)
Um 14.30 erreicht mich eine e-mail von Agnes: Beachvolleyball in Nautholtsvik.
Es fehlen noch ein paar Leute. Ich leite die Nachricht an einpaar Kollegen aus
der Firma weiter. Drei sind dabei. Am Um 17 Uhr denke ich ans Abendessen, dass
ich mir aus dem Firmenkühlschrank nehme. Kurz vor 18 Uhr radle ich zum Strand
um pünktlich beim Beachvolleyball zu sein. Der Sandstrand Nautholtsvik ist 5
Minuten von meinem Arbeitsplatz. Er wird beheizt(!), damit die Isländer auch
einmal im Meer baden können ohne zu erfrieren. Wir spielen bis 20.30 Uhr in
kurzen Hosen und T-Shirts, dann radeln wir heim.
(Agnes)
Zum Abschluss noch eine lustige Geschichte über Politiker und deren Wahlkampf
in Island. Vor einiger Zeit waren Bürgermeisterwahlen in Reykjavík. Die (glaub
ich) 5 Kandidaten besuchten im Rahmen ihrer Wahlkampagne auch DeCode und
sprachen über ihr Programm und den üblichen Kas während der Mittagspause in der
DeCode Kantine. Keine blöde Idee, denn nach einer gewissen Zeit siegt bei jedem
der Hunger und man erträgt die Reden. Einem Kandidaten fiel wohl nicht viel ein
zu seinem Programm (böse Zungen behaupteten, er hätte gar keines) und so sang
er (kein Witz) einfach ein Liedchen. Ich muss wohl nicht dazusagen, dass er
jetzt nicht Bürgermeister von Reykjavík ist ;-)
(Stephan)
Und jetzt das Wetter von heute, nur dass Ihr nicht glaubt hier ist es immer wie
im Ferienparadies: Sturm, Regen, 8 Grad.
Lieben
Gruss
Agnes +
Stephan
02.12.2002
Werter
Nordlichterreport-Abonnent!
Dies
ist die vorletzte Ausgabe unseres E-Mail-Magazins. Uns wird in Zukuft der Stoff
ausgehen, um weiterhin über die Skurrilitäten des Lebens im Nordland und über
die Menschen, die wir hier treffen, zu berichten. Hauptgrund dafür ist, dass
wir wieder nach Österreich zurückkehren werden.
Dies
fällt uns jetzt auch leichter, nachdem die Partei des kleinen Mannes jetzt,
trotz enger Bande mit dem Irakischen Staatsoberhaupt, deutlich weniger Stimmen
erhielt als zur Zeit, als wir das Land verlieszen. Der Termin der Rückkehr ist
noch nicht 100% fix, aber wie es aussieht werden wir nach 2 Jahren
Frischluftkur ab Februar wieder Wiener Stadtluft atmen. Es wird kein leichter
Abschied, denn inzwischen haben wir das Land lieb gewonnen. Manche Sitten der
Ureinwohner sind noch immer gewöhnungsbedürftig, wie zum Beispiel das
Aufziehen, Rülpsen und Pfurzen in den Büros. Aber die geringe
Bevölkerungsdichte, die Weite, die Nähe der Berge zu unserm Wohnort und die
Einfachheit unseres Lebens hier hat uns diese 2 Jahre wie einen langen Urlaub
erscheinen lassen.
Und aus
diesem Urlaub haben wir noch nicht von unserer Bekannten Þora erzählt. Sie war
bis vor etwa 10 Jahren Tierärztin in den Westfjorden. Und dort sagen sich Fuchs
und Henne gute Nacht. Als beim Dorffest sich eine Frau das Bein verletzte,
wurde sie gerufen, weil es im Umkreis von zig Kilometern keinen Arzt gibt, und
so wurde halt der Tierarzt gerufen. Sie stellte dann fest, dass der Haxen
zweifellos gebrochen war. Nur: wenn die Isländer feiern, dann bleibt kein Auge
trocken. Im ganzen Dorf gab es keinen Führerscheinbesitzer mehr, der nüchtern
war. Die Rettung aus der nächsten "Stadt" Isafjörður wollte man nicht
rufen. Also haben sie die Frau in die Fischfabrik gebracht, weil es dort genug
Eis gab um es auf die gewaltige Schwellung zu geben, und haben weiter gefeiert.
Am nächsten Tag, die Verletzte muss inzwischen gerochen haben wie ein Hering,
wurde sie dann über die holprige Strasze ins etwa 2 Autostunden entfernte
Spital geführt. Und wieder heim, weil im Spital wollte man sie nicht am Sonntag
operieren und man hatte sie für Montag wiederbestellt. Also hätte es wirklich
keinen Grund gegeben am Tag des Fests die Rettung zu rufen.
Das mit
der Rettung da oben im Nordwesten ist scheinbar ein eigenes Kapitel. Eine
Bäuerin hatte das Spital in Isafjörður angerufen und über einen brennenden
Schmerz im Brustkorb, Atemnot und Todesangst geklagt. Die Diagnose Herzinfarkt
ist nicht weiter schwierig zu erraten. Die arme Frau wohnte aber östlich von
Isafjörður auf einem einsamen Hof in einem der Fjorde und es war niemand in
ihrer Nähe, der ein Auto hatte. Die einzige Strasze dort schlängelt sich in
Mäandern dem Meer entlang und selbst wenn man nicht allzu weit östlich von
Isafjörður wohnt, fährt man eine Ewigkeit, weil man jeden der nord/süd
gestreckten Fjorde ausfahren muss. Glücklicherweise hatte die Frau am Mittwoch
den Herzinfarkt, da fährt der Briefträger diese Strasze und so riet ihr die
Telefonstimme vom Spital statt der Rettung mit der Post ins Krankenhaus zu
fahren. Die Frau wartete also und tatsächlich nach etwa einer Stunde kam schon
der Postler. Schneller als es die Rettung zum entlegenen Hof geschafft hätte.
Der Mann nahm die alte Dame auch bereitwillig mit, allerdings war er sehr
pflichtbewusst: er trug weiterhin die Post aus, anstatt schnellstmöglich ins
Spital zu fahren! Die arme Frau mit Herzinfarkt überlebte die vierstündige
Fahrt (sonst hätte sie ihre Geschichte wohl nicht erzählen können), wo der
Beamte brav bei jedem Hof stehen blieb und seine Briefe ablieferte. Also besser
nicht ernsthaft krank werden in diesem Gebiet. Aber ähnliche Horrorgeschichten
könnten wir vom Spital in Mistelbach erzählen, und das liegt nur eine
Autostunde von Wien ...
Mitte
Oktober gingen etwa 30 Leute von Stephans Firma in den nächstgelegenen Fjord
Muscheln sammeln. Abends wurden dann alle zum Essen beim ältesten Mitarbeiter
und seiner ebenfalls der Firma zugehörigen Frau eingeladen. Das Haus hatte
keine Probleme den 70 Gästen (!) Platz zu bieten. Auch Geschirr und Weingläser
mussten sie sich nicht ausborgen. Sie sind bestens ausgerüstet, weil die
Hausfrau es liebt viele Gäste zu haben. Und auch wenn gegessen wurde bis zum
Umfallen, die 50kg Muscheln (!) wurden nicht geschafft. Dabei ist das
Muschelsammeln ziemlich grauslich: die Tiere krallen sich mit dünnen,
fadenartigen Haxen an Steinen in der Gezeitenzone fest. Die werden beim Sammeln
gleich mal abgerissen und die fest verschlossenen Muscheln in Säcken gesammelt.
Das bringt die zähen Dinger aber lange noch nicht um, sie halten es ohne Wasser
ziemlich lange aus und machen mit einer unglaublichen Kraft den Deckel zu. Die
Kraft ist der Beweis, dass die Muschel nicht krank ist. Vor dem Kochen wird mit
einem Messer versucht eine jede zu öffnen und nur die werden genommen, die sich
nicht öffnen lassen. Und dann kommt die noch gröszere Grauslichkeit: ist die
Muschel also gesund und munter, wird sie ins kochende Wasser geworfen. Da geht
ihr nach einiger Zeit die Kraft aus, die Muschel öffnet sich und die Leute
schlürfen das zusammengeschrumpelte Innere heraus. Bäh!
Vom
belebten Nachtleben in Reykjavik haben wir schon einmal erzählt, glauben wir.
Wegen einiger Abschiedsfeiern (Agnes Arbeitgeber hat 100 Leute gefeuert) waren
wir jetzt wieder mal in der Schikimiki-Szene. Von einfachen one-night-stands
und derengleichen haben hier lebende Italiener Stephan schon mehrmals erzählt.
Auch dass Frauen und Männer in der Nacht in den Clubs zusammen aufs Klo gehen
hatte Agnes schon einige Male beobachtet. Aber zuletzt waren wir im "Cafe
Solon", dort ist das scheinbar institutuionalisiert: es gibt ein Klo mit
zwei Klomuscheln! Und davon wird auch gebrauch gemacht. Als Stephan sich mit
einem Arbeitskollegen von Agnes im besagten Kaffeehaus vor der verschlossenen
WC-Tür unterhielt, kam nach 10 Minuten ein Mädchen raus. Der Arbeitskollege
wollte nun hinein gehen und traf aber noch auf Gegenverkehr. Möglichst
unschuldig dreinschauend (Anmerkung von Stephan: ich weiss nicht ob er auch
gepfiffen hat ...) kam noch ein Typ raus. Und wir leben in einer kleinen Stadt,
im selben Lokal lief die Abschiedsparty, ... wir kannten also beide. Beim Mittagessen
in der Firma hat Stephan die Geschichte erzählt und fühlte sich bei den
Entgegnungen der Arbeitskollegen wie der Waisenknabe vom Lande, der das erste
Mal in einer Groszstadt ist.
Und zum
Schluss noch eine Nachricht für die islandpferdefanatischen Leser unserer
Gschichtln: gestern hat Agnes den Gewinner des Landsmót (für die
Islandpferde-Reiter ist das so ein Tunier wie das US-Open für die
Tennisspieler) im Supermarkt Regale schlichten gesehen. Und, wie schon bei der
Geschichte über den Pferdeabtriebs erzählt, kennt Agnes einige der who-is-whos
der Reiterszene, so auch den Gewinner des Island-Open. Der braungebrannte
Supermarktangestellte und Reitstallbesitzer hat sie ebenfalls erkannt und
angesprochen. Er erzählte, dass er jetzt im Supermarkt arbeitet, weil er im
Moment die Nase voll von Pferden hat. Die Bräune hat er sich zuvor in Los
Angeles geholt, wo er Reitstunden gegeben hat. Das würde bei uns keiner seines
Standes machen. Wir stellen uns gerade ein Mitglied des Landadels vor, das mit
einem grünen Mercedes-Puch-G beim Hofer vorfährt um dort wenig später Gemüse zu
sortieren, weil es einmal was anderes ist, als immer Pferde zu trainieren und
zu verkaufen!
Seit
Anfang November gibt es schon, zum Missfallen des Bischofs, die erste
Weihnachtsbeleuchtung vor einem Einkaufszentrum. Die Tage sind schon sehr kurz,
und das Wetter ein Graus: Trotz erklärter Liebe zum Schnee haben wir diesem
Land den wärmsten November seit 44 Jahren gebracht. Im Moment schüttet es
gerade und hat 7 Grad. Am letzten Wochenende hatte Stephan schon so
Schneesehnsucht, dass wir extra auf einen nahegelegenen Berg gelaufen sind um
zumindest ein bisserl Schnee abzukriegen, Fotos davon sind beigefügt. Unser
Auto hat Agnes schon verscherbelt und stattdessen fahren wir jetzt mit einer geborgten
groszen Jeep-Kiste, die wir "das Boot" nennen. Leider haben wir sie
noch nicht "richtig benutzt", weil es immer noch keinen Schnee gibt
und die Unmenschen von der Straszenverwaltung, entgegen mancher Gerüchte, die
meisten Straszen asphaltiert haben.
Zum
endgültigen Abschluss zwei Meldungen aus der englischsprachigen Zeitung hier -
damit Ihr seht, dasz unsere G´schichtln nicht erfunden sind, und damit Ihr
wisst, was hier wichtig ist:
Spitting Banned on Artificial Grass:
The new football stadiums around Reykjavík, Egilshöll
in Grafarvogur and Fífan in Kópavogur, are having a saliva problem. Football
players spitting on the field are creating a health hazard, as germs can infect
open wounds received on the field. According to Steinn Halldórsson, director of
the football association, spitting will be banned on the artificial grass and
special "spitting bowls" will be set up. "This is an
international problem, and abroad, players often get the yellow card if they
spit."
Boxing Match a Success:
Organisers of the USA vs. Iceland boxing tournament
were extremely pleased with success of the event, held last Saturday night at
the national stadium in Reykjavík. The tournament saw six fighters from the USA
face off against six of Iceland's best fighters, all of which were from the
Keflavík area. The tournament ended in a draw, as the US and Iceland both won
three matches each. Up until these amateur matches, boxing had been banned
since 1956. It was legalised by an act of Parliament on 11 February, 2002.
Anmerkung
der Redaktion: Interessanterweise war Bier bis vor gar nicht langer Zeit in
Island ebenfalls verboten. Wenn man eins und eins zusammenzählt weisz man
warum: die Wikinger-Hobbies sind wieder erlaubt - saufen und sich gegenseitig
nachher verprügeln ;-)
Liebe Grüsze
Agnes
und Stephan
05.02.2003
Liebe
Menschen südlich der Packeisgrenze!
Bevor
wir Euch die letzten Abschiedsgeschichten aus dem Norden berichten, gleich ein
Hinweis. Wir zeigen ein paar Dias von unseren Abenteuern her und erzählen dazu.
Zuerst zeigen wir die Bilder von Usbekistan, dann von Grönland und ein paar
Fotos off-the-beaten-track aus Island. Die genauen Vortragstitel und Termine
lauten
"Städte
an der Seidenstraße"
Am
Donnerstag, 6.3.2003 um 19:30h
Österreichischer
Gebirgsverein
Lerchenfelderstraße
28, 2.Stock
"Zu
faul zu gehen - Ostgrönland mit dem Hundeschlitten, Island mit dem Jeep"
Am
Donnerstag, 3.4.2003 um 19:30h
Österreichischer
Gebirgsverein
Lerchenfelderstraße
28, 2.Stock
Unsere
Sachen haben wir inzischen zum Hafen gebracht damit sie sicher und zuverlässig
aufs Festland kommen, siehe
http://www.freewebs.com/gruenfelder/ContainerShip.jpg. Die letzten Tage leben
wir nur mehr aus dem Koffer und denken an das Erlebte. Zum Beispiel haben wir
Euch ganz vergessen vom Reykjavik-Marathon zu erzählen. Wir waren dabei! Na
gut, nicht die vollen 42km. Auch nicht die halbe Strecke. Wir liefen den
"Skemmtihlaup" die Jux-Distanz. Stephan hat schon fleissig f. den
Halbmarathon trainiert und sich dann die Zehe so verstaucht, dass er nicht mitlaufen
konnte. Agnes war nie die grosse Läuferin, aber für ein T-Shirt mit der
Aufschrift "Reykjavik-Marathon" (zum Angeben) macht sie alles. Leider
kamen wir erst ziemlich kurz vor dem "Anpfiff" zum Start. Und da
staunten wir nicht schlecht. Mehr als zehntausend Leute waren im Zentrum
Reykjaviks versammelt und machten Aerobik. Wir verstanden zunächst nicht ganz
wer so viele Menschen dazu bringt zu lauter Musik
"und-eins-und-zwei-und-drei ..."-Gymnastik zu machen. Auch alle
Männer machten mit. Aber wir verstanden wenig später, als wir Blick auf den
Sattelschlepper hatten, der zur Bühne umfunktioniert war. Er beherbergte drei
hochexplosive Superweiber mit Maszen 100-60-90, die vorturnten. Jeder Mann mit
gesundem Hormonhaushalt musste unweigerlich hinglotzen. Und damit das Glotzen
nicht so peinlich ist, wurde halt mitgeturnt.
Als
diese Werbeeinschaltung f. ein Fitness-Studio zu Ende war ging der Ernst los.
Sehr ernst war es nicht. Jede Menge durchtrainierte Körper, die gerade
Kleinkinder hatten liefen mit Kinderwagen oder Kindern auf den Schultern. Auch
die Sprösslinge im Kinderwagen hatten eigene Startnummern (und ein eigenes
Marathon-T-Shirt). Viele geschätzte 5 - 6jährige liefen die 7 Kilometer in fast
der gleichen Zeit wie wir. Und Leute die eindeutig nicht fit genug zum Laufen
waren, aber mitmachen wollten, nutzten die Veranstaltung als Wandertag.
Weihnachten
war sehr romantisch. Leider gab es keinen Schnee. Dafür ein Unwetter. Wir
mieteten uns eine Hütte mit heissem Pool etwa 40km ausserhalb von Reykjavik und
verbrachten dort eine Woche. Fotos gibt es unter
http://www.freewebs.com/gruenfelder/christmas2002.htm. Der Weihnachtstag war
sehr lustig. Wir bewunderten die pothässlichen mit Tannenreisig und bunten
Glühbirnen geschmückten Kreuze am Friedhof in einem trostlosen Fischerdorf.
Dort sahen wir auch einige der 13 isländischen Weihnachtsmänner auf einem
Traktoranhänger. Diese Weihnachtsmänner wurden im Laufe der Zeit amerikanisiert
und tragen heute das rote Coca-Cola-Kostüm (so wie bei uns das Christkind ausgerottet
wird). Und bevor wir unseren Christbaum aufputzten spielten wir noch am
schwarzen Sandstrand.
Unter
http://community.webshots.com/album/15883259ZINckEWWkO sieht man ein paar nette
Fotos von einem Winterausflug nach Lanmannalaugar. Dort haben wir streng nach
isländischer Tradition gegrillt. Weil wir haben gelernt, dass man bei jedem
Wetter grillen kann. Das angenehme ist, dass die Selbstversorgerhütte dort
geheizt ist. Sie liegt direkt neben einer warmen Quelle. Und wie die meisten
Hütten ist sie immer geöffnet. Das ist auch sehr angenehm. Es wird nichts
zugesprerrt und weggeschlossen. Die Leute nützen dieses Vertrauen auch nicht
aus. In der Hütte steht eine Kasse, wo man Geld für die Übernachtung einwirft.
Bis vor etwa 30 Jahren wurde uns berichtet hat man überhaupt nichts
zugesprerrt. Keine Autos, keine Haustüren.
In der
Hütte waren wir nicht alleine. Eine kleine Gruppe Isländer war auch dort und
schmelzte Schnee fürs Abendessen. Das ist wirklich typisch. Es gibt ja einen
Gaskocher dort, also muss er verwendet werden, wozu haben wir ihn denn? Dass
das Schneeschmelzen eine Halbe Stunde dauert und neben der heissen Quelle auch
eine kalte ist (wo man innerhalb von 5 Minuten Wasser holen kann) ist
irrelevant. Diese Ausrüstungs-Begeisterung und Wasser-Story wiederholt sich in
allen Facetten: Island ist eines der wenigen Ländern auf der Welt wo de facto
alle Flüsse (mit kalten Wasser) Trinkwasserqualität haben. Und kaltes Wasser
bedeutet hier __KALTES__ Wasser. Trotzdem stehen in unseren beiden Firmen Wasserspender
mit Kühleinrichtung und Aktivkohlefiltern. Der Verkäufer muss sich totgelacht
haben. Für uns ist das so, als ob man in ein Iglu einen Kühlschrank stellt. Der
Lonly Planet Reiseführer für Island ist offensichtlich von einem Amerikaner
geschrieben. Die müssen sich ja immer vor etwas fürchten. So empfiehlt der
Autor trotz der hohen Wasserqualität das Wasser immer mit Chlortabletten zu
behandeln. Und in Agnes Firma arbeiten zwei Amis, die beim Wandern das Wasser
aus dem Bach nehmen und dann mit dem Benzinkocher abkochen, bevor sie es
trinken. Das Leitungswasser in Reykjavik kommt mehr oder weniger aus dem
gleichen Bach und wird nicht abgekocht. Ein findiger Isländer hat diese Angst
als Markt erkannt und verkauft im Sommer an Touristen in Plastikflaschen
"Iclelandic Spring Water", das in Flaschen abgefülltes Leitungswasser
ist.
In der
Þorsmörk haben wir beim Sapzieren durch Zufall einen tollen Eisbogen entdeckt:
http://www.freewebs.com/gruenfelder/eisbogen.htm. Das Ding hatte einen
Druchmesser von ca. 15 Metern!
Letztes
Wochenende waren wir Zelten: http://www.freewebs.com/gruenfelder/camping.htm.
Eine Freundin fährt im April f. eine Woche nach Grönland auf eine Langlauftour
im Expeditionsstil und wollte ihren Schlafsack testen. Da waren wir natürlich
dabei! Wir spazierten zu einer Hütte und stellten unsere Zelte davor auf. Wie
die Michelin-Manderln angepackt steckten wir uns in unsere Schlafsäcke und
schliefen in den Windpausen wie die Babies. So merkten wir auch nicht, dass um
1:30 Uhr Nachts acht neue Leute kamen. Der Nachwuchs der Bergungsmanschaft
Selfoss (sowas wie eine Mischung aus Bergrettung und freiwilliger Feuerwehr)
machte eine Nachtwanderung und nahm in der Hütte Unterschlupf. Die Rückfahrt
nach Reykjavik über das Hochplateau Hellisheiði war auch interessant. Der Wind
der uns in der Nacht wach hielt wurde immer stärker und blies den ganzen Schnee
ins Meer (soviel zum Thema Schifahren in diesem Land). Die Strasze war wie
immer eisig, das Schneetreiben reduzierte die Sichtweite mitunter auf etwa 20
Meter. Aber die Leute kapieren nicht, dass man dann langsam fahren muss.
Langsam heisst hier 10 bis 20km/h. Wer das Foto auf der oben erwähnten
WWW-Seite sieht, versteht warum _SO_ langsam. So war es dann auch nicht weiter
verwunderlich als die Kollegen der Nachwuchskräfte schon oben was zu tun hatten
weil es zwei Autos von der Strasze geblasen hatte. Auch unser Jeep-Schiff hat
der Wind hin und wieder um einen Meter versetzt oder ihm das Lenkrad verdreht.
Dass
unsere Wohungseigentümer weder durch Schloss noch Riegel sondern nur durch eine
normale Tür von unserer Wohnung getrennt sind und wir hier wie Adoptivkinder
leben haben wir schon erzählt. Sie wohnen im oberen Stock und der Zugang zur
Garage (wo wir unsere Fahrräder stehen haben) ist hinter dieser Tür. Wir beide
benutzen immer die Aussentüre der Garage um zu unseren Radeln zu gelangen, weil
wir nicht durch deren Wohnbereich gehen wollen. Als Stephan beim Zerlegen der
Räder in der Garage gehämmert hat, wollte der Hausbesitzer offensichtlich
wissen, was da passiert und ist in die Garage gekommen. Zuerst mal zum
Tratschen. Dann hat er sich (Stephan hielt es für einen Vorwand) irgendein Ding
aus einem Regal genommen und sich wieder auf den Weg hinauf gemacht. Zuvor hat
er noch bekräftigt, dass es keinen Grund gibt um das Haus durch die Kälte zu
gehen, wenn wir doch durch ihren Wohnungsbereich bequemer in die Garage kommen
können. Na unhöflich wollte Stephan auch nicht sein und das Angebot ablehen.
Als er sich einen Schraubenschlüssel holen musste, schlich er sich dann also
durch das untere Stockwerk des Wohnzimmers der Familie in unsere Wohnung. Aber
trotzdem der Fernseher lief wurde er gehört. "Stephan!!!" rief es da
von oben, "... stell die vor, Kroatien hat Deutschland im Handball
geschlagen!!!". Schon sehr witzig diese familiären Mietverhältnisse.
Bei
Bekannten sahen wir öfters, dass sie eine Wohnung mit allem drum und dran
mieten. Mit Kochtöpfen, Staubsauger, Bügeleisen, Bildern an der Wand und so
weiter. Meist sind die Besitzer Isländer die beruflich f. ein Jahr im Ausland
sind und lassen der Einfachheit halber fast alles in der Wohnung. Die Mieter
haben dann die Auflage die Wohnung so zu belassen wie sie ist. Das ist dann
eigentlich eine nette Sache: man ist hier ein Jahr und hat einen komplett
eingerichtete Wohnung mit Stilmöbeln, teuren Bildern an der Wand und allen
Küchengeräten. Man kann irgendwie den Lebensraum eines andern ausprobieren und
muss selbt fast nichts einschiffen. Das Extrem haben wir bei einem
Austauschlehrer kennengelernt. Ein Tiroler war für ein halbes Jahr hier
Deutschlehrer und hat in einer Wohnung gewohnt wo __ALLES__ drinnen war. Mit
Fotoalben der Kinder und Urstrumpftanten und mit Wäsche im Schrank. Die
Besitzerin hat schlagartig beschlossen ein anderes Leben anzufangen und hat alles
zurückgelassen. Es war als hätte sie der Schlag getroffen und der Tiroler hätte
einfach ihr gesamtes Hab und Gut übernommen.
Soooooooooo
viele nette Erinnerungen und Abenteuer. Wir hoffen uns erschlägt die Groszstadt
Wien nicht, wenn wir ab März wieder dort arbeiten müssen und unser 2jähriger
"Urlaub" dann zu Ende ist. Damit wir noch möglichst lange davon
zehren, haben wir uns eine WWW-Seite eingerichtet, die uns lange daran erinnern
wird: www.freewebs.com/gruenfelder.
Liebe
Grüsze
Agens
und Stephan
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