GAZMEND KRASNIQI

Gazmend Krasniqi

Spiel

 

Verlassen alles von Gott

der verborgen vor uns schmeichelt

ein Kinderspiel im Sand,

wird mein Leben eine Sphäre Geheimnisse

 

Verlassen von uns, über unsern Köpfen,

schlagen die Engel reihenweise mit den Flügeln,

und Tränen fließen aus ihren Augen

sei es auch, zumindest, vor Lachen

 

Verlassen von jeder Herzensebbe,

einst gezähmt von meiner Stimme,

zeichne ich immerfort Schweigen

zu majestätischer Elegie zerbröckelt es

 

das Klagen macht mich zum Mann

Vater, sag mir wann du stirbst

zum Jungen macht mich die leere Welt

Mutter, sag mir wann du stirbst

 

 

 

Notizen über die Realität des Selbst

 

Die Seele im Dorngestrüpp des Luftschöpfens

und Wolken und Vögel am Himmel gestickt:

Mögliches unterworfen, Nostalgien aufgebrochen

 

In einer Welt voll Wüsten ohne Geschmack von Fluchten:

stärker denn weit fort innen rauschend –

immer und kein Grabstein bleibt aus,

 

die Strümpfe von der Mutter für den Winter aufgespart,

trübselige Musik des schnellen Fliehens

bevölkernd, kleinsten Gram dividierend

 

Wieder Einsamkeit, Brot, Wasser – der Mensch

der lange hocken muß und grübeln

über das unbekannte Alles

 

Über die Bejahung des Lebens selbst

        der Blitz zuckt und würdigt im Zimmer

die Geheimnisse der Welt: Beweise

erbracht von Ruhe, schwerer als alles

 

 

Der Garten des I. Kant

 

Im kleinen Garten Ehrungen von Wassern und Muschel.

Niemandem konnte ich die Zeitverluste anvertrauen:

ein schmaler Graben im Kiesufer des Herzens

 

scheint die Toten zu rufen daß sie aufwachen.

Die Lebenden sind weiter fort. Nichts füllt den Abgrund:

Worte die uns ein klein wenig ähneln werden Abend

 

Ohne Möwenflügel. Ausgedachte Sterne,

in Wahnhemden, sprechen mit Schächten, Zisternen,

bereit den Wahnsinn selbst zu streifen

 

Bis sie in Kreisen scheuen Schreiens verschwinden.

Und wollen doch nichts als daß man sich ihrer erinnert.

Und wollen doch nichts als etwas Achtung zu finden.

 

Dieses Geheime das ihnen mehr Schatten spendet

wird mir nun zum einzigen Gespräch. Besonders

hiervon möchte ich immer berichten

 

Während ich hier wirbele, während ich denke

daß vielleicht hiervon hierzulande der Dreisprung

träumt, der stumme Garten – selbst

 

Die Freiheit des Denkens: wieder der einzige Schatz

der deklariert wird mit all diesem

Rennen von Planeten und den Bürgerpflichten.

 

 

ars poetica

 

Beim armen Vogel auf einem Lager aus Laub

der den klammen Garten mit Klagen bekümmerte –

so lange schon der Geist des Herbstes

mit klagendem Rauschen des Regens

 

fordert er von der verlorenen Glocke der Sonne

die Kirche der Messe drinnen im Herzen

des toten Vogels. In sein beharrliches

Erinnern – das feurige, leidenschaftliche,

 

das luftige, archaische – fällt der Geschmack

der Frucht: wo die Leben einen skandalösen

Baum von Tragödien abwägen und erwägen: er fällt

von niemanden zu jedermann. Das ist der Tod

 

des Autors am Strickwerk des Textes. Die Kunst

bringt keine Nichtkunst um: wenn du magst, kannst du fragen

wieviel Kaffee, wieviel Schachteln Zigaretten. Die Kunst

lebt von der Nichtkunst. Es sei denn wir wären

 

Zu sehr bei uns selbst, bei den Dingen

zu sehr bei der Hand die schreibt,

es reichen ein paar Zeilen wie ”nimm

eine süße Träne” oder ”der Herbst verging”.

 

Ebenso wenig reicht daß jemand

heut abend das Haus bei diesen Klängen hat

und beflissen für euch den Schleier

des Gewöhnlichen hebt: die Glocke

 

die in der Kirche schwingt, in der Illusionen

zerstört werden, um der Welt die Kunde zu bringen

daß der Autor davonkommt

wenn er stirbt.

 

 

 

 

 

Voltaire lesen

 

Wenn sich, wie ein Alarm, der Tag

dem Untergang öffnet (weder Traum

noch Amulett jemals

 

etwas nützen), Totenreigen tötet,

intime Nostalgie und jede Schlaflosigkeit

ein rankes Mädchen Tanusha erschießt.

 

Dieser Brief erklärt alles und nie

wird er abgeschickt – mehr Qual

als Dunkel, verborgener Rauch quillt

 

und deutet mit dem Finger

auf seine alte Schrift, besonders selbstsicher,

als läg sie ihnen am Herzen,

 

und wie um einige Achtlosigkeiten

zu verhöhnen, und nimmt einen Himmel

von Treubrüchen entgegen: in den Blättern

 

steckt Schlafen für erloschene Seelen?

Opfer des Fadens der erscheint und verschwindet

sah ich Alpträume der Erde mit dem Denken

 

des Lebens daß sie sich eine Vermutung anzögen

wir würden das Bewußtsein ausbreiten.

Ich sah daß zyklischer Regen alles

 

wegputzte – da spritzte Blut

von Opfern auf, der Blutsturz des Lichtes

sagte: auch das geringste Ding gehört

 

niemandem. Auch jedes Atom

der späten Stille, auch die Stimmen

die näherkommen und dann verzichten.

 

Ob wir wollen oder nicht, wir sind

die wir sind. Fertige Palimpseste,

aus Pergament, so groß

 

daß sie all die möglichen Sachen nehmen.

Wo Wunder einhertappen, Visionen und Fetische.

Wo auch Mutter Sonne keine Kosmetik

 

spart, so ohne Augen und Hände

Morgen und Abenddämmrung erkennt. Die Sterne –

die sie auch mit nur etwas von ihrem Blut

 

nicht nähren, da sie die Mythen wie Harlekine

begleiten werden: einst war es leicht

auf Götzen zu zielen und sie umzustürzen.

 

 

 

 

Des Dichters Palimpsest

 

1.

Von nirgendwoher und ungerufen

 

2.

Die Menschheit zieht sich kurz in die gewaltsamen Akte

ihres Säuglingsalters zurück

 

3.

Diagnostiziert wird emotionales Fieber.

 

4.

Legt ihm die Muse eine Leier in die Hand, stockt der Lauf des Flusses,

werden Bestien zahm, neigen sich die Bäume und die Steine rutschen

Jenseits der Geschichte, jenseits des Ersinnens

Oder, wie er selber sagt, ”wie großartig ist all dies, wenngleich

nicht wahr”

 

5.

Außer wenn er Gefühle weckt, Leidenschaften, warum sonst

zerren sie den Armen aus dem Land,

so obdachlos, so verwurzelt

im Reich der Ideen

in Gedanken an die Freiheit,

denn wer seinen Traum erzählt

muß ganz ausgeschlafen sein

 

6.

Die Worte ”oft sagt er Schönes, doch ohne zu wissen, was er tut”

        wie ein Regenguß aus Schutzengeln

 

7.

Geht es ein in Maß, Glanz, Harmonie

dann heißt dieses süße Gift: Ausstrahlen göttlichen Seins

 

8.

Und dennoch, treten seine Füße auf Boden,

so sieht er daß ihm die Engel Wege eröffnen,

betrachtet er Häuser, Wohnblöcke, Städte

betrachtet er Künste und Wissenschaften,

so denkt er, wie sehr der Mensch verhaftet ist, so ist er

doch ihr Herr ist der Herr auf Erden

die Krone aller lebenden Dinge

 

9.

Der Dichter spielt, denkt, träumt:

Gott soll seine Scherze anschauen –

wenn er Sachen besser macht als die Natur

wenn er neue Sachen macht, die sie nicht kennt

 

10.

Das Wachsen der Dinge allerdings ist wahr. Allerdings

ist der Ozean ein Ozean, die Alpen sind Alpen,

allerdings ist der Orkan ein Orkan

 

11.

Ebenso wahr ist auch ihr Rufen, sie umzubenennen

 

12.

Und dann fühlt er sich fünftausendjährig

 

13.

Er schaut was er war, er ist nur ein alter Schatten

Wie der Vogel der ähneln wollte der allein

sang auf dem höchsten Zweig

 

14.

Er sieht zu, der Sonne die goldne Scheibe abzuziehen

um zu finden was dort leuchtet: wahrer Ruhm

 

15.

nur Er ist er

 

16.

Er sieht daß du Du selbst sein mußt, jedem geben mußt was er verdient

 

17.

Du mußt der Einzige sein

 

18.

Er ist der, der im Feld sitzt, an der Blume zu riechen die erblühte

bei Tagesanbruch

 

19.

Er ist der, der nur deswegen weinen muß

 

 

 

 

Jenseits der Geschichte

 

            Wortblut im Kopf

wie Ängstlichkeit von Lichtern, wie ein Himmelsfluß,

            die Seele leer – ein Kreis

der nur seinen Mittelpunkt zeigt,

            ein Totem, geschnitzt

auf das Holz einer stummen Lahuta[1]

 

            Eine Epoche, umgestürzt

im Wind. Hat das einen Sinn?

            Ein anderer Gott betrachtet

die Gesten von Helden und Heiligen,

            aus denen Kitsch wurde? Eine andere

Ahndung wird vorbereitet? Mit Worten,

 

            Verschlissen wie Kleider,

in Gärten des Mythos, hier, angesichts

            der Leidenschaft der Sonne,

die Ikone des Lichts, sie ergießt

            den Trug der Zeit ins Meer

des Alls, flickt goldene Altäre

 

            Um Krone und Ring zu beweinen

fortgeschleudert in ein Orchester hungriger

            Gesten – schlaflockendes Echo

bei ausgegrabenen Amphoren

            dort umreißt eine Flut von Sonne

wiederum verweinte Verwunderung

 

            Des Lebens, mißbrauchtes Relikt

im tragischen Gewerbe  der Güte.

            Die Namen Adam und Eva zeigen

wie es begann. In den endlosen Mauern des Tages

            die Insel Utopia

besteht darauf sich dem Blick zu entziehen

 

            Schönheit des Blutes, sie schlägt

an die Stirn der Zeit, die grausame Rose

            mit der sie lügt

 

 

 

 

 

Adam

 

1.

Der Körper – Symbol des Denkens das verschleiert, das Denken selbst – Symbol

von etwas anderem das verschleiert

 

Und dennoch weiß er nicht ob er zur Freiheit geht oder vor ihr flieht

 

2.

 Noch hat er kein Vertrauen oder heilige Wörter, Paradies oder Inferno

die einzigen Reichtümer – Denken, Fühlen

 

Die Stufe der Gründe nicht zu sehen und ihre Energie geschluckt von den Dingen

 

3.

Er schätzt das Denken denn wie er denkt so wird es: er fühlt sich

als Wurm doch glaubt er, er sei auf dem Weg heilig zu werden

 

Als heilig sieht er sogar den Wurm an

 

4.

Zeit scheint ihm nur eine Art des Denkens zu sein

wenn er sich müht das Ich zu den Worten ”ich habe Recht” zu erheben

 

Wenn er sieht daß Gott nichts braucht

 

 

 

Eva

           

Da Versuchungen und Teufel aus mir aufbrachen

Und mein kindlicher Geist in Gottes Schoß sitzt

So vernünftig das Unverständliche

Nicht zu trennen vom Himmel war ich

                            Mittwoch Donnerstag Sonntag

                            Im Sommer im Herbst im Winter

Mein Seele suchte ein Sandkorn

Um die Unendlichkeit zu lesen

                            Und ich sah Worte die verschwanden

Wie Duft, und ich sah Schweigen das durchpflügt wurde

                            Und Herzschläge

                            Und Nachtigallenlieder

                            Und Regen-Lose

Und ich tauchte tief in den Eifer der Rasse

Und ich zwängte mich tief in die Flecken des Grauens

Und all das besingen die Musen

                            Die ganze Menschheit hat einen Liebsten

                            Mit Luft eingesammelt

Im Lied ist der Tag nicht so lang wie er sein sollte

Wie kannst du wissen zu wem du gehörst wenn du

                            Bloß eine Seele bist

Wie kannst du wissen wohin die unstete Pracht führt

                            Er der Fragen stellt

Ob du denn deine Herrlichkeit nicht erkanntest

Ob du sie denn nicht als Zeichen von Überlegenheit und Stärke erkanntest

Offen, Silbe um Silbe im Herz der Gesundheit

Frieden braucht Stärke um ihn zu ertragen Er

Der Fragen stellt Ob du der Seele trauen kannst

Bis zu guter Letzt, ist in mich eingetreten

                            Und wurde Er der ich bin

Er trat in mich ein wie ein scharfes Messer des Gefühls (was für ein Loch im Herzen)

Denn diese Welt muß ich beobachten und haben

                            Er trat ein wie die Note des Liedes das er singt

Mit Gedanken mach dich nicht verrückt, sondern geh deines Weges

        der Natur gefällt es nicht

Beobachtet zu werden: sie mag uns als Spielgefährten:

Nichts also bleibt außer dem Tod,

                            der einzigen Realität

(Es ist Platz für Zufriedenheit) die sich vor uns nicht drückt.

 

 

 

© Gazmend Krasniqi

© Übersetzung Hans-Joachim Lanksch



[1] traditionelles, einsaitiges Streichinstrument