Vorbemerkung:
Der Mailingliste "frauenkirche" gehörten ca. 230 Frauen an, als das Manifst erstellt wurde. In einem
vierwöchigen Prozess wurde in dieser Liste das folgende Dokument
erarbeitet. Hervorgegangen ist es aus den Feststellungen, dass
nach dem 11. September 2001 nahezu nur Männer über die
Weltsituation geredet haben. Die Frauen der Liste wollten sich
selbst und ihre Einschätzungen zu Gehör bringen.
Hier finden Sie den vollständigen Text des Manifests:
1. Überall auf der Welt bringen
Frauen Kinder zur Welt und sorgen durch alltägliche
fürsorgliche und weltvermittelnde Tätigkeiten dafür,
dass sie
zu gesellschaftsfähigen Erwachsenen heranwachsen. Überall auf
der Welt bebauen Menschen den Boden und sorgen dafür, dass das
Zusammenleben gelingt. Überall auf der Welt stellen Menschen
nützliche Dinge her und leben vom Austausch ihrer Kenntnisse,
Fähigkeiten und Ressourcen.
Zivilisation in diesem elementaren
Sinne ist ein weltweites Phänomen. Deshalb wenden wir uns gegen
die derzeit verbreitete Auffassung, die Welt zerfalle in klar
abgrenzbare zivilisierte und unzivilisierte Sphären bzw. gar in
ein Reich des Guten und ein Reich des Bösen.
In allen Kulturen gibt es
lebensfördernde und lebenshindernde Traditionen und
Verhaltensweisen. In der aktuellen politischen Weltsituation
erweisen sich als lebenshindernd insbesondere die Praktiken eines
sozial kalten Kapitalismus, terroristische Akte, technologische
Hochrüstung, der rücksichtslose Umgang mit natürlichen
Ressourcen, die Unfähigkeit, Fremdheit zu ertragen und die
Dynamik von Rache und Vergeltung.
2. Das zivilisatorische Werk
der Frauen ist traditionell auf das Wohlergehen einzelner
Menschen und Menschengruppen in häufig familiären
Zusammenhängen konzentriert. In den meisten Kulturen bestehen
zudem mehr oder weniger rigide Verbote für Frauen, sich
öffentlich und politisch zu artikulieren. Ihre Interessen, ihre
Maßstäbe und ihr Beitrag zum gelingenden Zusammenleben
werden
häufig systematisch abgewertet und negiert.
Dennoch gilt, dass keine
menschliche Kultur ohne die alltäglich sinnstiftenden und
lebenserhaltenden Tätigkeiten der Frauen überleben
könnte. So
liegt es durchaus im Kalkül kriegerischer Aktivitäten, dass
sie
im allgemeinen mit dem stillschweigenden Tun insbesondere der
Frauen im Hintergrund rechnen. Deshalb treten wir dafür ein,
dass Frauen und andere, die sich primär an der Pflege des
konkreten Zusammenlebens orientieren, weltweit aus ihrer
Hintergrundexistenz heraustreten und ihre alternativen
Maßstäbe
für gutes Zusammenleben öffentlich zu Gehör bringen. Wir
sehen
darin eine weltweite friedenspolitische Perspektive, die bereits
praktiziert wird und verstärkt wahrgenommen und gelebt werden
muss.
3. Als Frauen westlicher
Gesellschaften anerkennen wir die Freiheiten, die unsere
Vorfahrinnen für uns erkämpft haben. Diese Freiheiten werden
uns heute in Form gleichberechtigter Teilhaberechte von Frauen
und Männern am privaten und öffentlichen Leben zugestanden.
Wir
erkennen aber heute, dass das Ziel der Frauenbewegungen noch
nicht erreicht ist. Frauen haben sich zwar formale
Gleichberechtigung innerhalb einer Kultur erkämpft. Gleichwohl
werden die nach wie vor traditionell Männern zugeschriebenen
Tugenden und Konfliktlösungsmodelle als letztlich allein
wirksame Lösung weltweiter Konflikte dargestellt:
Konkurrenzkampf, dualistisches Denken, Krieg und andere
Dominanzmechanismen.
Wir setzen uns dafür ein, dass
die Werte, die sich im Rahmen des zivilisatorischen Werkes der
Frauen herausgebildet haben, im öffentlichen Leben zur Geltung
kommen. Sie können von Männern wie Frauen gleichermassen
praktiziert werden: Respekt vor den Anderen, Vorrang konkreter
Fürsorge vor der Durchsetzung allgemeiner Prinzipien,
Bewusstsein der Verletzlichkeit und Bedürftigkeit aller
Menschen, Zuhörbereitschaft, Geduld.
4. Religion ist ein Teil jeder
menschlichen Zivilisation. Religiös zu sein bedeutet,
Wirklichkeiten anzuerkennen, die jenseits der Verfügungsmacht
Einzelner liegen. Diese
eröffnen Sinn, ihnen gebührt
Respekt. In der Konsequenz dieser elementar religiösen, nicht
konfessionsgebundenen Einstellung liegt es, anderen Menschen,
Kulturen und Lebensformen Raum zur Entfaltung zu lassen. Niemand
kann über das Gute als solches verfügen. Vielmehr bedeutet
Religiosität in diesem Sinne eine grundsätzliche Offenheit
für
Überraschungen, neue Einsichten, Konflikte und Offenbarungen,
die vom unverfügbaren Anderen ausgehen. Es liegt im Wesen dieses
unverfügbaren Anderen (der Gottheit, dem Göttlichen), dass es
für keine Zwecke verfügbar gemacht werden kann.
Ein solches Verständnis von
Religion schliesst deshalb aus, dass Einzelne sich anmassen,
andere Menschen abzuwerten, zu gefährden oder zu töten. Auch
das Christentum ist in seiner Geschichte immer wieder dieser
Gefahr erlegen. Wo das unverfügbare Andere im Sinne dogmatischer
Lehrsysteme eindeutig festgelegt wird, wird es tendenziell
vereinnahmt und missbraucht, z.B. auch in der jahrhundertlangen
Vereinnahmung des Christentums durch das Patriarchat.
5. Überall auf der Welt ist
das Begehren von Frauen, sich selbst und miteinander die Welt zu
bewegen, spürbar. Nirgendwo ist der Einsatz unterschiedlicher
Kräfte für ein gutes Leben aller Menschen gänzlich zum
Stillstand zu bringen. Im Schatten der scheinbar allmächtigen
patriarchalen Ordnung sind die Zeichen einer anbrechenden neuen
Ordnung nicht zu übersehen.
US-Amerikanerinnen sprechen sich -
auf der Straße, in Kirchen, in Zeitungsartikeln und auch im
Kongress - gegen den Rachefeldzug ihrer Politiker aus.
Frauen in Afghanistan hören nicht
auf, die Welt über die Vorkommnisse in ihrem Land, die
Entrechtung von Frauen, aber auch über deren Stärke zu
informieren. Unermüdlich und unter widrigsten Umständen
arbeiten sie an der Aufrechterhaltung von zumindest einem Minimum
an Bildung, Gesundheitsvorsorge, Kleidung, Nahrung und würdiger
Unterkunft und für eine demokratische Zukunft ihres Landes, die
auch Frauen öffentliche und politische Partizipation
ermöglicht.
In Israel und Palästina, wie auch
im ehemaligen Yugoslawien, haben Frauen über Jahre hinweg
bewiesen, dass der gemeinsame Einsatz für ein friedliches
Zusammenleben auch über tiefe Gräben und Grenzen hinweg
möglich ist.
Wir, religiöse und
feministische Frauen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz
und vielen anderen Ländern, unterstreichen mit diesem Manifest
unsere Verbundenheit mit all jenen, die überall auf der Welt
neuem denken und Handeln zum Durchbruch verhelfen.
Unser gemeinsamer Reichtum liegt
in unserem Glauben an das scheinbar Unmögliche und in der Kraft
unseres Begehrens eines guten Lebens für alle Menschen.
Er liegt in der Fähigkeit, den
eigenen Wahrnehmungen, unserem Verstand und unseren Gefühlen zu
trauen und die Grenzen der menschlichen Machbarkeit anzuerkennen.
Er liegt in unserer Bereitschaft
miteinander und voneinander zu lernen, radikal ehrlich und dabei
äußerst achtsam miteinander umzugehen, im Vertrauen auf jene
Macht, die in und aus Beziehungen erwächst. Wir werden auch
weiterhin verschwenderisch damit umgehen!
November 2001
Unterzeichnerinnen:
Die Liste der Unterzeichnerinnen wurde
aus dem Netz genommen, da mißbräuchliche weitere Verwendung
leider nicht ausgeschlossen werden kann. Es haben sich über 500
Frauen und Männer an dem Protest beteiligt.
Reaktionen:
Die TAZ berichtet
Evangelisch-Methodistische
Kirche Schweiz/Frankreich
Nachsatz: Es gab weitere Berichte, die inzwischen aber nicht mehr im Internet aufgerufen werden können.
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Rebecca Unsöld erstellt und aktualisiert.
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