Dies ist meine Höhle, kommt herein. Ihr tretet durch einen Blättervorhang, der den Eingang zur Höhle verborgen hatte. Ihr könnt kaum etwas erkennen, denn der Großteil meines Unterschlupfes liegt im Dunkeln. Die Luft ist kühl und erfüllt von Geräuschen, jedes Rascheln des Laubes, jedes Knacken und Knarren in den Ästen, das Pfeifen des Windes an den Bergkämmen, jeden Laut, den ein Bewohner der Bergwelt von sich gibt. Hier hört Ihr alles. Das ist eine Form meiner Magie, mir entgeht nichts, was in den White Tiger Mountains vor sich geht. Alle, die hier leben, sind meine Schutzbefohlenen und ich bin ihr Wächter. Hier in meiner Höhle, im Herzen dieses wunderbaren Reiches, findet Ihr meine detailiertesten Erinnerungen an meine wunderbarsten Abenteuer. Nehmt Euch Zeit sie zu erkunden.
~~ I ~~
Dragon tapste durch den dichten Wald. Die Luft war kalt und in den nächsten Stunden, würde sie sich noch weiter abkühlen. Das Laub, das jetzt zum Anfang des Winters den Waldboden bunt färbte, raschelte leise unter Dragons Tatzen. Sonst war kein Laut zu hören. Dragon ließ den Kopf hängen und ging seinen Gedanken nach. Warum nur habe ich schon wieder versagt? Warum muss immer alles schief laufen für mich? Er stand vor einer hohen Felswand, zögerte kurz und sprang dann mit Leichtigkeit ein paar Meter zu einem Vorsprung hinauf. Dragon wusste genau wo er hin wollte. Irgendwo in dieser Klippe gab es eine Höhle, sie wurde schon lange nicht mehr bewohnt. Sie bot ihm das ideale Versteck. Er brauchte Zeit zum Nachdenken und er wollte Abstand von seinen Freunden halten. Einmal mehr hatte er sie enttäuscht, sie verdienten es nicht sich mit ihm abgeben zu müssen. Dragon drückte sich ab und gelangte mühelos zum nächsten Absatz. Seine Gedanken schweiften zu Kai. Wo war er? Das letzte mal, dass Dragon ihn gesehen hatte, war schon über ein halbes Jahr her. Ob ihm etwas passiert war? Warum nahm er keinen Kontakt auf? Wut staute sich in Dragon an. Er gab sich die Schuld dafür, dass Kai damals spurlos verschwunden war.
Damals, in einer heftigen Auseinandersetzung mit den Leuten von Modarnv waren sie beide verletzt worden, als einer der Gegner, ein junger Wasserdrache, verrückt genug war um Dragon frontal anzugreifen. Es war eine Wasser Attacke gewesen. Dragon hatte es bemerkt, und ihm einen gewaltigen Feuerball entgegen geschleudert. Als die Elemente aufeinander trafen gab es eine gewaltige Explosion, bei der Kai, der gerade in der Nähe einem Gegner den Gnadenstoß gab, über den Rand einer nahen Schlucht gedrückt worden war. Dragon konnte später keine Spur von ihm finden und er blieb verschollen. Doch für den Krieger gab es keinen Zweifel, dass Kai noch lebte.
Dragon hatte endlich die Höhle erreicht. Er stand auf einem Felsvorsprung und schaute nach oben. Durch ein waagerechtes Loch in der Wand gelangte man hinein, doch es bedurfte einigen Geschickes, wollte man nicht als breiiger Haufen am Fuße der Klippe enden. Dragon sprang durch das Loch und klammerte sich so gut es ging am Rand fest. Ohne Mühe zog er sich hinauf und stand in der kleinen Höhle. Sie war birnenförmig und wurde zum Eingang hin schmaler. Am anderen Ende war ein Lager aus getrocknetem Grad und Moos. Hier konnte niemand hingelangen. Und es wusste sowieso keiner, dass Dragon hier war. Es gab wie immer nur eine Person, für die er auffindbar war. Kai spürte seine Anwesenheit selbst dann noch, wenn Dragon seine Aura losch. Im Gegenzug konnte er auch Kai ausfindig machen, normalerweise... Doch dieser Tage war alles anders. Er, Dragon, der große Krieger und Berater des Königs, verkroch sich in einer Höhle und wollte mit der Welt nichts mehr zu tun haben. Er rollte sich auf dem Lager zusammen und versank in einen unruhigen Schlaf.
Er stand einem der schrecklichsten Wesen, die diese Welt kannte, gegenüber. Ein großer dunkler Schatten, umwoben von schwarzem Rauch. Es roch verbrannt. Er konnte die kleinen, rosa glühenden Augen erkennen. Sie starrten ihn an. Die Kreatur ließ ein unheimliches Knurren hören, das jedem noch so tapferen Krieger der Menschen das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen. Dragon nahm es hin ohne mit der Wimper zu zucken. Zu oft schon hatte er es gehört, als dass es ihn beeindrucken könnte. Das Knurren eines Höllenhundes, eines Wesens aus Rauch und Schatten. Einer Bestie, die den Tod brachte. Sie war der Handlanger des Teufels. Niemand wusste, wie sie aus den ewigen Feuern der Unterwelt entkommen war. Eins stand jedoch fest: Sie verbreitete Angst und Schrecken unter den Menschen. Dragon und die Bestie standen sich gegenüber. Es war jedes Mal so gewesen, sie starrten sich an, Minuten verstrichen. Minuten wurden zu Stunden. Aber etwas war anderes diesmal. Dragon war nicht in seinem Traum gefangen. Er war bei Bewusstsein! Er spürte, wie er sein Handeln lenken konnte. Der Höllenhund stand immer noch da und beobachtete ihn. Würde er ihn töten? Oder würde er regungslos bleiben? Dragon entschloss sich zu handeln. Er richtete sich zu voller Größe auf und ließ seinerseits ein Furcht erregendes Knurren und Fauchen hören. Die Kreatur sah ihn an. Noch nie hatte jemand ihr gedroht. Sie fixierte ihren Gegenüber und schien ihren Angriff, der unweigerlich innerhalb der nächsten Sekunden erfolgen würde, genau zu berechnen. Dragon wusste was er zu erwarten hatte. Und so kam es: Der Höllenhund setzte zum Sprung an. Mit Leichtigkeit wich Dragon aus. Er wusste nicht wie er dem Wesen schaden zufügen könnte. Es schien keinen festen Körper zu haben. Und was alles schreckliches unter dem Rauch auf ihn warten könnte, das wollte er sich gar nicht erst ausmalen. Daher beschränkte er sich erst einmal darauf seinen Gegner zu testen. Er wich den Angriffen aus, ließ sie ins Leere laufen...
Zuerst schien sich diese Taktik als sehr effektiv zu erweisen. Die Bestie wurde zusehends müder, doch dass sie keinen Treffer landete steigerte ihre Wut ins unermessliche. Die Angriffe wurden härter und schneller. Dragon sprang gerade zur Seite, um den schnappenden Fängen des Höllenhundes zu entgehen, als dieser auch schon wieder vor ihm stand und seine Pranke ins Gesicht des Kriegers schlug. Die scharfen Krallen rissen tiefe Wunden, ein stechender Schmerz lähmte ihn für eine Sekunde, doch das reichte der Kreatur um erneut anzugreifen. Sie setzte zum Sprung an und ihr leicht geöffnetes Maul, aus dem der Geifer tropfte, zielte auf Dragons Kehle. Noch gerade rechtzeitig duckte er sich und griff nun seinerseits an. Gerade als die Bestie über ihn hin weg flog, stieß er sich ab und wollte sich im Hinterlauf seines Gegners verbeißen ... doch er spürte nichts zwischen seinen Zähnen! Dennoch schmeckte er Blut...
Ein gellender Schrei riss ihn aus dem Schlaf. Er sprang auf und musste würgen. Er hustete und etwas weißes, blutverschmiertes kullerte aus seinem Maul. „Was zum Teufel...?“, Dragon war erschrocken und erstaunt zugleich. Er konnte sich nicht daran erinnern in den letzten Stunden etwas fleischiges gegessen zu haben, dass ein weißes Fell gehabt hätte.
Plötzlich bewegte sich das Knäuel. Es war eine Maus! Mit ihren schwarzen Knopfaugen schaute sie panisch umher, erblickte ihn und wollte los laufen. Doch Dragon errichtete sofort einen Flammenkreis, aus dem ein paar Flämmchen hervorstachen, sich nach innen neigten und über der Maus trafen, die so aus ihrem heißen Käfig nicht entkommen konnte. „Ho! Nicht so schnell, mein Kleiner“, sagte Dragon. „Bitte,... bitte tun Sie mir nichts! Fressen Sie mich nicht!“, Blut lief aus einer Wunde an ihrer Seite, sie konnte nur von einem von Dragons Zähnen stammen. Sie musste zwischen seine Fänge geraten sein, als er im Traum den Höllenhund gebissen hatte.
„Warum? Du hast dich doch schon freiwillig auf meine Zunge gesetzt!“, grinsend umrundete er die Maus. „Das war keine Absicht, Sir! Ich... ich wollte sehen, ob ich Euch nicht irgendwie wecken könnte, als Ihr plötzlich nach mir schnapptet. Es tut mir wirklich furchtbar leid!“, sie krümmte sich und hielt sich die Wunde. „Es tut weh nicht wahr?“, er lachte, „ Es wird wie Feuer brennen! Es wird dich töten ... langsam und qualvoll wirst du zu Grunde gehen und …“ „Nein! Bitte! Ich will nicht sterben! Ihr müsst mir helfen, lasst mich hier heraus.“ „Sag mir wer du bist und was du hier willst. Dann sehen wir weiter. Aber du hast nicht viel Zeit!“ Dragon hatte keine Ahnung wie schnell sein Speichel ein so kleines Wesen töten würde. Er hatte diese Waffe bisher nur für große Beutetiere gebraucht, und um Gegnern Schmerzen zu bereiten. Denn es dauerte lange bis das flüssige Feuer sie von innen verbrannt hatte. Aber eine Maus?
„Ich sage Euch alles! Ich bin Mortimer. Ich wurde geschickt Euch zu finden und Euch eine Nachricht zu überbringen!“ „Eine Nachricht, von wem? Der König schickt mir nur Boten, die ich kenne, also wer hat dich entsendet?“ „Master Kai, Sir.“ Dragon stellte die Ohren auf, „Kai?“ „Ja, Sir. Ich soll Euch ausrichten, dass er wohl auf ist und Euch treffen möchte.“
Konnte das sein? Kai nahm endlich Kontakt auf. Doch sofort überkam den Krieger ein ungutes Gefühl. „Woher weiß ich, dass du wirklich von Kai geschickt wurdest und mich nicht in eine Falle locken sollst, die der Feind mir stellt?“ „Ihr ... Ihr müsst mir einfach glauben, bitte, ich lüge nicht. Es ist die Wahrheit!“, Mortimer sah sich immer noch panisch um. Er hoffte, irgendwie den Flammen zu entkommen.
„Wo soll ich ihn treffen?“ „Er sagte nur, am Trainingsplatz und das Ihr schon wissen werdet, wo das ist.“ Dragon dachte einen Moment nach, den geheimen Trainingsplatz kannte keiner außer Kai und ihm. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass einer seiner Gegner ihn gefunden haben könnte und ihn nun dorthin locken wollte?
„Na gut, ich werde dir glauben. Aber du wirst mit mir kommen!“ „Vielen Dank, Sir“, Mortimer wand er sich vor Schmerzen, „Werdet ihr etwas gegen diese schrecklichen Schmerzen tun? Bitte!“ Mäuse schienen recht robust zu sein. Mortimer zeigte noch keine Anzeichen von inneren Verbrennungen, „Ja.“ Dragon ließ den Feuerkäfig in sich zusammen fallen. „Komm, wir müssen Medizin für dich Besorgen, und wir müssen uns beeilen sonst wirst du sterben.“ Er hob die Maus mit einer Pfote auf und setzt sie hinter sein Ohr.
„Halt dich gut fest, ich will dich lieber nicht im Maul tragen, um dich nicht noch weiter zu verletzen.“ Weglaufen wirst du mir wohl kaum, fügte er in Gedanken hinzu. Der Krieger drehte sich um und lief zum Höhlenausgang. Er hielt seine Nase in den Wind, aber in dieser Höhe gab es kein Gewächs, das Mortimer retten würde. Dragon musste unten im Wald danach suchen. Er trat ein paar Schritte zurück, „So, los geht’s“, er nahm Anlauf und sprang über die Kante.
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